Prolog – Hotzenwaldwettbewerb 2024
„Mit ihr kannst du sicher eine Runde radeln – sie ist in drei Tagen von Regensburg auf den Hotzenwald geradelt“ so oder so ähnlich wurde der Autorin Kerstins Existenz auf dem Hotzenwaldwettbewerb 2024 angekündigt. Tja – vorgeschlagen, zugesagt, getan. Nach einem kleinen Beschnuppern beim Schlauch wechseln verabredeten sie sich für eine kleine Runde im Schwarzwald während des letzten Wertungstages und stellten fest, dass sie sich zum einen gut verstanden und zum anderen auch auf den Rädern harmonierten.
Und was passiert, wenn man sich gut versteht und es harmoniert? Es eskaliert.
Brevet, das
Wikipedia beschreibt zum vorliegenden Typ der Eskalation folgendes: „Ein Brevet bezeichnet im Radsport eine Langstreckenfahrt, bei der eine vorgegebene Strecke innerhalb eines bestimmten Zeitraums zu fahren ist. Jeder legt seine Geschwindigkeit, Pausen und ggf. seine Schlafpausen selbst fest. Diese Fahrweise wird französisch Allure Libre genannt. Ein Brevet ist ausdrücklich kein Rennen. Der Begriff Brevet (franz. für „Diplom“, „Zeugnis“, „Schein“, „Patent“; von Latein: brevis = kurz) wird mindestens seit 1921 im Zusammenhang mit Langstreckenfahrten verwendet, die nach dem Reglement des Audax Club Parisien ausgerichtet werden. Er bezeichnet eine „Kilometerprüfung“, auf der ein Radfahrer zeigt, dass er eine vorgegebene Strecke aus eigenen Kräften innerhalb eines festgelegten Zeitraums ohne fremde Hilfe zurücklegen kann. In einigen englischsprachigen Ländern, speziell Großbritannien und Australien, wird der Begriff Audax verwendet. Außerhalb dieser Länder steht dieser Begriff für Fahrten in geschlossenen Gruppen (siehe Audax). Teilnehmer an Brevets werden Randonneure genannt (nach randonneur, franz. für „Wanderer“).“
2024 fand die Werdenfelser Frauenrundfahrt erstmals statt. Diese Rundfahrt ist ein Frauen vorbehaltenes Brevet über 200km Strecke, die in maximal 13,5h zurückgelegt werden müssen. Charmanterweise haben alle Brevets den von der Autorin sowieso geliebten Schnitzeljagdcharakter, da sowohl digital als auch analog in einem kleinen gelben Büchlein Stempel an verschiedenen Checkpoints sowie Start und Ziel gesammelt werden. Aufgrund von medialer Berichterstattung hatte die Autorin bereits 2024 mit genau diesem 200km Brevet geliebäugelt – allerdings waren die Startplätze zu schnell vergriffen. Kerstin dagegen ist schon Brevet-Veteranin: Sie hatte 2024 einen Platz einer erkrankten Teilnehmerin ergattern können und ihre ersten 200er Brevet also schon hinter sich. Trotzdem war sie nicht abgeneigt, 2025 erneut eine 200km Randonneur-Medaille auf dieser Strecke gemeinsam mit der Autorin und Anna zu erradeln.
19.04.2025 – Generalprobe im Breisgau: 185km & 1450hm
Kerstin war erstmals zu Gast im Breisgau und die Autorin dachte sich, dies sei die perfekte Gelegenheit um die 200er Generalprobe und eine breisgauer Sightseeingtour zusammen zu legen.
So machten sich bereits kurz vor 9 Uhr morgens eine von diesen Ambitionen leicht überraschte Kerstin, eine motiviert-ängstliche Autorin und ein tapferer bEvW auf den Weg die ersten (fast) 200km zu erradeln. Wie üblich hatte die Autorin etwas Muffensausen ob der Länge der Strecke, aber was sollte hier schon passieren? Der Großteil der Strecke war bekanntes Terrain, sie hatte eher flachere Anstiege eingeplant und die meisten Höhenmeter sollten bereits vor der Hälfte der Kilometer erklommen sein.
Die Route führte zunächst nördlich aus Freiburg hinaus, bevor die drei bei verheißungsvoller (aber dennoch kalter) Morgensonne durch Waldkirch rollten und bei Bleibach ins Simonswälder Tal und damit den ersten Anstieg des Tages abbogen. Auf dem Anstieg zeigte sich ganz deutlich Kerstins Erfahrung mit Langstreckenfahrten – steter Tropfen höhlt den Stein. Entgegen der üblich hektischen Klettergeschwindigkeit der Autorin lies Kerstin sich Zeit, unterhielt sich mit dem bEvW und so hatte die Autorin ca. 800 Höhenmeter Zeit um sich an das neue (und deutlich Kräfte schonendere) Marschtempo bergauf zu gewöhnen. Ein kleiner Schritt hin zum wichtigen neuen Motto: Ja länger man fahren möchte, umso mehr sollte man sich seine Kräfte einteilen. So lernte die Ungeduld der Autorin langsam, ein „Dahinschnecken“ zu tolerieren.

Eine kleine, unerwartet steile Rampe später durchquerten sie den Ortsausgang Gütenbach. Bei dieser Rampe hatte sich die Autorin schon so an die neue geringere Herzfrequenz gewöhnt, dass sie doch lieber abstieg und schob – nur nicht zu viele Kräfte verbrauchen! Nach einem weiteren kurzen steilen Abschnitt kamen die drei dann bereits am Dach der Tour in Neukirch an. Von hier aus ging es zunächst bergab zum (neben der Auffahrt im Simonswälder Tal natürlich) ersten persönlichen Sightseeing-Highlight der Tour: Dem Wildgutachtal und der Hexenlochmühle. In der Mühle fanden sie gerade so noch ein freies Plätzchen und ließen es sich bei Limo, Bärlauch-Käsespätzle und zweierlei Flammkuchen ohne Zeitdruck gut gehen. Beim echten Brevet würde man natürlich keine so ausgedehnten Einkehr-Pausen machen. So aber tat es besonders gut zu bemerken, dass sie trotz der ausgiebigen Essenspause und den bereits absolvierten Höhenmetern gut in der Zeit lagen.


Weiter ging es dann in gemächlicherem Tempo das Hexenloch hoch Richtung St. Märgen. Damit waren bereits 1200 der insgesamt nur 1450 Höhenmeter geschafft. Oben angekommen eröffnete sich ein weiteres Highlight mit der Aussicht auf das Dreisamtal und die gegenüberliegenden Berge des Schwarzwaldes. Nach einer kurzen Erklärung des Wo und Wohins radelten sie dann über die Panoramastraße von Thurner über St. Märgen nach St. Peter und nahmen dort die wohlbekannte Abfahrt hinunter ins Dreisamtal.
Nach 80 Kilometern kreuzten sie auf dem Freiburg 1 Radschnellweg einmal durch die Stadt, wobei der bEvW kurz die langen Hosen, doppelten Jacken und Armlinge nach Hause brachte und ca. in Umkirch wieder zu ihnen stoßen sollte. Obgleich Kerstin zunächst die Radinfrastruktur Freiburgs bewunderte, wurde ihr nun doch klar, dass auf dem FR1 auch andere Verhältnisse herrschen konnten: Die Autorin fuhr zum einen einige (für Freiburg durchaus noch durchschnittliche) Überholmanöver und führte dann aber auch eine astreine freiburger FR1-Vollbremsung durch, die notwendig wurde, um einen plötzlich links abbiegenden und schließlich stoppenden E-Roller-Fahrer nicht zu überfahren.

In Umkirch entschlossen sich beide dann – da der bEvW ja noch auf Gepäckmission war und erst wieder zu ihnen stoßen sollte – zu einem kleinen Essens- und Getränkestopp im Umkircher Netto. Kerstin besorgte durch den Netto klappernd Limo und Bananen. Die Autorin wartete draußen mit den beiden Rädern und wurde neugierig bis misstrauisch beäugt. So wurde doch einer der Generalproben-Stopps zu einem ganz klassischen Brevet-Stopp: Vor dem Supermarkt auf dem Parkplatz sitzen, neugierig beobachtet werden und mindestens eine Limo trinken.
Die 100km Marke knackten sie nach kurzer Weiterfahrt durch Umkirch und Waltershofen in Munzingen. Nun sollte es am Bremgartener Flugplatz vorbei geradeaus auf der deutschen Seite bis zum Rheinübergang bei Neuenburg gehen. Die Richtung fuhr sich wunderbar schnell und geradezu erholsam – also war klar, dass der Rückweg auf der französischen Seite wohl mit etwas Gegenwind aufwarten würde. Die erste Rhein- und damit auch Grenzüberquerung erfolgte bei 125 Kilometern. Da der letzte luxuriöse Essensstopp nun eine Weile her war, wurde auf der französischen Seite nach einem Cafe oder einer Bäckerei gesucht. In Rumersheim-le-Haut wurden sie überraschend dekadent bei den „Tentations Croquantes“ (auf deutsch: den „knusprigen Versuchungen“) fündig und verleibten sich diese dementsprechend ein.

Frisch gestärkt ging es weiter: Sie fuhren also ca. 25km auf der französischen Seite des Rheins gen Norden bis Neuf-Brisach gegen den Wind. Dabei genossen sie den gegenseitigen Windschatten und die Vorzüge eines bEvWs, der den Löwenanteil des Windschattens übernahm. Die Autorin möchte an dieser Stelle den hervorragend geteerten französischen Radweg loben – jedoch die viel zu häufig wiederkehrenden, zu Schlangenlinien um Poller und damit deutlichem Abbremsen zwingenden Querungen diverser (gefühlt aller!) kleinen Sträßchen in den elsässischen Ortschaften kritisieren. In Neuf-Brisach bewunderten sie kurz die ikonischen sternförmigen Stadtmauern (nagut – ehrlicherweise fuhren sie einmal hinein, wendeten auf dem Marktplatz und einmal wieder hinaus – aber gezeigt ist gezeigt). Dann ging es über den Rhein zurück nach Deutschland und zur (zumindest von Anna und der Autorin) best besuchtesten Eisdiele Breisachs für einen tiefgefrorenen Zwischensnack in Kugelform.
Für die vollen 200km Test waren als weitere breisgauer Highlights eine kleine Stippvisite am Kaiserstuhl geplant, bevor über den Tuniberghöhenweg die Griestalstrauße das letzte (kulinarische) Highlight des Tages darstellen sollte. Die beiden Mädels beschlossen – die eine hatte die 200km ja bereits erradelt und die andere wollte doch nur eine Generalprobe fahren – den Kaiserstuhl ein anderes Mal zu erkunden und direkt über die Achse Ihringen – Merdingen – halber Tuniberghöhenweg die Strauße und damit das wohlverdiente Abendessen in lauschiger Atmosphäre anzusteuern. Der bEvW wiederum verließ die beiden für die Detour am Kaiserstuhl um seine ersten 200km auf dem Rennrad zu vervollständigen.
Nach der Tuniberg-Weinberg-Idylle in der tiefstehenden Abendsonne kehrten sie also standesgemäß badisch noch in der Griestalstrauße ein. Natürlich gab es unter Anderem badisches Dreierlei samt kleiner Erläuterung zu den engen regionalen Irrungen und Wirrungen des Begriffs „Bibeleskäs“ und damit einen mehr als gelungenen kulinarischen Abschluss für diese Generalprobe. Am Ende hatte die gesamte Sightseeing-Gruppe 185 oder mehr Kilometer in den Beinen, eine angenehme Erschöpfung in Körper und Kopf und war um viele Eindrücke reicher. Wie Kerstin am nächsten Tag einen Schlossbergspaziergang schaffen konnte und direkt am Tag darauf morgens um 5 Uhr die erste Bahn nahm um dann ab 11 Uhr Ulm – Regensburg zu radeln… das konnte die Autorin körperlich bis heute nicht wirklich nachvollziehen. Hut ab!



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… April …
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… Mai …
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… Juni …
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… Juli!
18.07.2025 – Vorabend der Werdenfelser Frauenrundfahrt: Mit dem Auto ohne Klimaanlage direkt aus der Arbeitswoche nach München: ca. 400km in 5 Stunden / Mit den Rädern vom Parkplatz zum AirBnB: 14 km & 11hm
Die Fahrt von Freiburg nach München hatte Sonnen- und Schattenseiten:
Schatten: Anna kränkelte. Sonne: Anna kam trotzdem mit und wollte „mal gucken, wie es morgen so ist“.
Schatten: Sie verloren 45 Minuten damit, dass die Navigation auch kränkelte. Die Navigation hatte die Seayou-Krankheit und es deshalb nicht geschafft, sie bei Freiburg-Nord auf die Autobahn zu leiten. Sonne: Aufgrund vergangener Erfahrungswerte waren beide Räder und das Gepäck in Nullkommanichts im kleinen Corsa verstaut!
Schatten: Es war heiß und der Corsa hat keine funktionierende Klimaanlage. Sonne: Die zuvor eingesammelte Carb Loading Pizza für den Weg war auch heiß und sogar noch lecker!
Schatten: Genervt-zickige Stimmung bei der Autorin und Fahrerin aufgrund von Müdigkeit, Dunkelheit und Münchner Stadtautobahnkreuzen. Zickige Parkplatzuhren. Kein Ort zum Pinkeln in der Nähe des Parkplatzes. Außerdem musste man dann auch noch über Stock, Stein und Baustellen zum AirBnB mit den Rädern durchs dunkle München gurken. Sonne: Anna nimmt der Autorin ihre Stimmung nicht allzu krumm und Kerstin hat bereits für alle eingecheckt und eingekauft, Frühstück vorbereitet und Kartoffeln abgekocht, obwohl sie vorher noch auf einer Veranstaltung im blauen Glitzer-Ballkleid war. Yeah!
Oder wie Anna den Vorabend bis hierhin (und versöhnlicher mit der zickigen Stimmung der Autorin) beschreiben würde: „Also wir sind bei mir losgefahren, haben heldenhaft die Fahrräder in das Auto ohne Klimaanlage eingeladen, dann sind wir viermal im Kreis gefahren weil SeaYou Festival war und wir den Weg auf die Autobahn nicht gefunden haben. Dann haben wir Pizza auf dem Schoß gehabt im heißen Auto mit heißer Pizza und sind sehr heiß nach München gefahren. Dann sind wir abends angekommen. Dann sind wir ein bisschen motzig zu der Unterkunft gefahren und wir waren schon sehr müde und es war gefühlt noch sehr weit. Dann haben wir eine tolle Unterkunft gehabt, wo die Kerstin schon da war und die Kerstin für uns eingekauft hat. Juhu – große Freude. Große Freude!“
Dank Kerstins Vorbereitung konnten also in Ruhe die Räder, das Essen (so viel Essen!), Getränke und die Stimmung auf den morgigen Tag vorbereitet werden. Danach wurde geschlafen. Und keine hat geschnarcht.
19.07.2026 – Werdenfelser Frauenrundfahrt & 200er Brevet: 195,5 km & 1609hm + 13,3km & 24hm
Und dann gings los! Naja fast. Erstmal wurde wieder gegessen – Overnight Oats bzw. Bircher Müsli mit den Geheimwaffen Erdnussbutter (für die Kaloriengrundlage) und Heidelbeeren (damit es lecker wird, wenn man noch keinen Hunger hat und es sonst nicht schaffen würde). Mit Herunterzwängen des letzten Löffels machte sich dann jede der drei für sich fertig und steckte (natürlich wichtig) den ihr zugeteilten Gefrierbeutel an Kartoffeln mit Salz in die Trikottasche. Auch hierzu ein klarer Kommentar von Anna: „Beste Idee überhaupt: Kartoffeln!“ Nach den üblichen 10.000 Aufregungspinklern und den für die Autorin notwendigen 10 Schichten Sonnencreme bevor die Haut die Sonne auch nur erahnen konnte, stiegen sie dann auf die Räder und rollten über die Wittelsbacherbrücke zum Roecklplatz.


Dort trafen sie auf allerlei andere motivierte Frauen, zwei organisatorisch anwesende Männer und zur großen Freude der Autorin einen Fahrradzwilling des Mitternachtsschattens. Bevor es so richtig losgehen durfte, brauchte es natürlich auch die ersten beiden Schnitzeljagdelemente: Sowohl das Foto der drei Räder am Roecklplatz mit Uhrzeit in der digitalen Brevetkarte, als auch – von einem der organisierenden Herren – direkt beim Losfahren der erste Stempel im gelben Brevetheftchen.
Losgeradelt werden sollte am Roecklplatz in übersichtlichen 20er Gruppen – die Gruppen fuhren jedoch im Münchner Verkehr stadtauswärts aufgrund von roten Ampeln und bis zu vierfachen Kreuzungsüberquerungen recht schnell wieder aufeinander auf. Und so kam es schließlich dazu, dass Kerstin und die Autorin bei einer letzten roten Ampel sich ganz vorne fanden und die ersten Kilometer eine Horde Randonneur-Mädels anführten. – Ein irres Gefühl, so viele Radlerinnen hinter sich zu haben, dass man weder auf einem kurzen Handyfilm noch bei etwas längerem Umwenden und sich nebendran festhalten so richtig das Ende der Horde erspähen konnte. – Besonders spannend auch: Beide wollten nicht unbedingt in der vorderen Position enden, sondern sich lieber im Pulk unterordnen. Denn – wer kennt es nicht von anderen Veranstaltungen mit Männern? – am Anfang sortiert sich das Feld bekanntlich nach Geschwindigkeit (und vielleicht auch etwas nach Ego?) und da geht es manchmal nicht ganz freundlich zu. Ganz anders aber die Erfahrung heute: Alle blieben mit gutem Abstand an ihren Hinterrädern, keiner meckerte, keiner versuchte blöd zu überholen. Und sogar ein kleines Führungskreiseln zu sechst vor der großen Meute hat geklappt, als die beiden etwas Kräfte sparen wollten.
Als die Straße sich schließlich verbreiterte wurde die große Gruppe etwas sortierter – viele zogen nun schneller vorbei und es bildete sich ein kleines Grüppchen, in dem die drei sich für eine Weile bis zum ersten Checkpoint wieder fanden. Östlich des Starnberger Sees rollten sie gen Süden, begannen brav (wie geplant) Riegel und Gummibärchen zu essen und fanden Freude dabei, in verschiedenen Betonungen vor den Schlaglöchern auf der Straße neben dem See zu warnen. Dabei zeigte sich erstmals, dass nicht jede der mitfahrenden Randonneure auch geübt im in der Gruppe fahren war (oder es verstand, Handzeichen und Warnungen auch an die hinteren Fahrerinnen weiterzugeben). Etwa bei 30km wurden außerdem die ersten Kartoffeln (durch das Schwitzen leicht angewärmt aus der Trikottasche) gezaubert und für sehr gut befunden. (Zitat Anna: „Also Kartoffeln waren echt die beste Idee, [auf die Frage, was in diesem Blog nicht fehlen dürfe] auf jeden Fall muss das Stichwort „Kartoffeln“ fallen in diesem Ding – also ich sag nochmal: Kartoffeln!“)

Nach 68km gab es einen ersten von insgesamt fünf Stopps auf der Strecke: Räder abstellen, Stempelkarte zücken, digitales Beweisbild hochladen, Snack der Wahl aussuchen, Brevetkarte abstempeln lassen und Snack wegsnacken. Weiter ging es. Sie fuhren weiter zu viert und konnten bei einem ersten kleinen Anstieg bereits die Nähe der Alpenausläufer erahnen, da sie auf die Berge südlich von Garmisch zufuhren. Auf dem Anstieg trennten die drei sich immer wieder kurz und jede fuhr ihr Tempo, bevor wieder aufeinander gewartet wurde – dabei gab es immer wieder kleine Überholungen und Wartende von anderen Kleingruppen des Brevets, sodass sich zur Freude der Autorin auch die beiden Liv Räder (also ihr Mitternachtsschatten und sein Zwilling) immer wieder begegneten und gegenseitig überholten und sie sich fragte, ob ihr Liv auch so schön in der Sonne glitzerte wie das andere Rad es tat. Dank des teilenden Anstiegs fuhren sie schließlich bis zum zweiten Checkpoint bei km 95 in Oberammergau zu dritt weiter und nahmen sich vor, dass sie auch zu dritt bleiben wollten – ein eingespielteres Team fuhr sich doch einfach angenehmer und entspannter zusammen.



Die Strecke von Oberammergau bis Garmisch hat die Autorin als sehr sehr schön in Erinnerung und damit auch als belohnendes Schmankerl bei ca. 100km hinter ihnen gelassener Strecke. Die Berge taten sich vor ihnen auf, die schön geteerte Straße mäanderte sanft und autofrei vor sich hin und die Kulisse war einfach traumhaft. Sie genossen diese Kilometer mit Dahinrollen zu dritt (ohne Angst, dass jemand eine seltsame Bewegung, Bremsung oder Ähnliches tat) und kleinem Fotoshooting. Weiter ging das Fotoshooting auch in der kleinen gepflasterten Innenstadt in Garmisch, die mit bunten Wimpeln dekoriert war. Anna hatte sich morgens vorgenommen es trotz Erkältung zumindest bis nach Garmisch zu schaffen und alle freuten sich gemeinsam, als sie zu dritt weiterfahren konnten, weil es Anna trotz des ordentlich schnell aus München Rausballerns am Anfang noch so gut ging! Nach Freude über das Zugspitzbahn-Schild (die Autorin erinnert sich selbst nicht an das Schild, Anna aber schon) kamen sie nach einem ernst zu nehmend steilen (teilweise sogar zu achternden) 150 Höhenmeter Anstieg aus Garmisch heraus an einer Frischwasser-Viehtränke an und tränkten kurzerhand ihre Köpfe und ihre Wasserflaschen bei einer kleinen Pinkelpause im Wasser. Nebenbei wurde auch eine Packung saure Gummibärchen inhaliert. Allgemein machte das gesamte Brevet über die als „Gummibärchenbecher“ getaufte Snackpouch am Lenker der Autorin ihrem Namen alle Ehre. Fun-Fact: In einschlägigen Podcasts erfuhr die Autorin, dass viele Radlerinnen der Snackpouch Namen gaben. So wurde sie zum Beispiel von einer anderen Psychologin der „McFlurry-Becher“ getauft.


Es folgte eine Abfahrt und bald kamen sie (obwohl noch mit ordentlich zeitlichem Puffer als eine der letzten oder sogar der letzten?) Kleingruppe am dritten Checkpoint nach 134km in Krün an. Die Stempel-Tankstelle lag direkt gegenüber eines Supermarkts, sodass sie sich nochmal brevet-typisch ordentlich auf dem Supermarktparkplatz sitzend verpflegten. Da sich dort bereits eine ganze Horde Radlerinnen tummelte, nutze dies ein kleiner Jungunternehmer clever zu seinem Vorteil und sammelte fleißig mit eigenem Radanhänger den sich ansammelnden Pfand aus Cafe-, Fanta- und Coladosen ein.

Weiter ging es zunächst schnurgerade, später dann entlang der Seestraße des Walchensees. Hinter dem Walchensee ging es einen kleinen Pass bergauf, dann folgte eine sehr kurvenreiche und leider auch durch eine Baustellenampel unterbrochene Abfahrt hinunter zum Kochelsee und an diesem vorbei. Auch diesen Abschnitt hat die Autorin dank der Nähe der beiden Seen und dem kleinen Pass als sehr schön, wenn auch reich an Autos in Erinnerung. Insgesamt kann man die Wegführung durch die ARA München nur loben – auch erschienen der Autorin fremde 200km Strecken deutlich spannender und abwechslungsreicher als bekannte Wege (wobei diese Hypothese in diesem Jahr beim freiburger 200km „Lila-Brevet“ gegengetestet werden soll). Das Beste an der Wegführung? Die letzten 50km nach München waren tendentiell bergab!
Bald erreichten sie dann auch schon bei Kilometer 166 den letzten Checkpoint vor dem offiziellen Brevet-Ende: Ein kleines, schnuckeliges, fast zu übersehendes Eiscafe in einer Seitenstraße in Benediktbeuern. Da sie vorher eine Gruppe Mädels beim Platten flicken überholt hatten, kamen sie dort als vermutlich vorletzte Gruppe an. Bereits auf dem Weg nach Benediktbeuern machte sich von Süden aus ein herannahendes Gewitter bemerkbar – noch war die Hoffnung, dass es in den Alpenausläufern hängen blieb und nicht bis nach München ziehen sollte. Während des absolut besten Affogatos kam es jedoch immer näher, sodass sie schon fast hektisch nach einer halben Stunde Pause aufbrachen und die Autorin die DWD Wetterapp im Handy lieber offen ließ – kurz nach dem Losrollen erwischte sie dann auch schon die erste Böenwalze der Gewitterausläufer. Der Blick in die App verhieß alles andere als Gutes, denn das Gebiet um sie herum und bis in den Münchner Süden sollte mit ca. einer halben Stunde Zeitversatz erst rot, dann tieflila und mit Blitzen versehen werden. So versuchten sie adrenalingeschwängert die letzten 30 Kilometer zur S-bahn Haltestelle in Wolfratshausen (und dem offiziellen Brevet-Ende) so effektiv wie möglich zu gestalten: Zu dritt hintereinander im Windschatten und so schnell wie möglich raus aus dem Gebiet der Cumulonimbus über ihnen. Die Autorin hat diese 30 Kilometer als sehr episch in Erinnerung und wunderte sich im Positiven, wie sehr ihre Körper (adrenalinbedingt?) noch einmal abliefern konnten. Abwechselnd fuhren sie entweder vorneweg im Wind oder hinterdrein im „Kalorienrückführmodus“ mit einer Hand in der Gummibärchentüte. Dabei kam ihr die Assoziation der rot blinkenden Lichter der Formel 1 Autos, wenn diese ihren Motor aufluden. So ballerten sie in einem 30er Schnitt an den Landstraßen entlang und sammelten sogar einige Fahrerinnengruppen vor ihnen ein.
Locker in der Zeit angekommen und mit 194km in den Beinen kamen sie schließlich ins offizielle Ziel. Genau um halb acht stand auch passenderweise die S-Bahn Richtung München in Wolfratshausen bereit. Kerstin machte die (für Badenser etwas undurchsichtigen) in Bayern benötigten Radtickets klar und sie luden das Finisherfoto ihrer Räder in der digitalen Brevetkarte hoch. Gerade als sie schließlich in der S-Bahn saßen und die restlichen Kartoffeln teilten, trommelten die ersten Regentropfen an die Fensterscheiben der Bahn. Geschafft! Bereits jetzt waren sie wahnsinnig glücklich und stolz. Um die 200 Kilometer aber noch voll zu machen, wollten sie von der S-Bahn Haltestelle Höllkrigelsreuth noch bis zum inoffiziellen Ende am 3 Mills Cafe in München radeln, denn das Gewitter sollte den Münchner Süden nicht ganz erreichen, sondern vorher nach Osten abdrehen.
Auch diese 13 Kilometer rollten sie in der einsetzenden Dunkelheit noch ab und kamen wiederum an einer Gruppe sympathischer Mädels vorbei, die vermutlich zum vierten oder fünften Mal bereits ein und den selben Reifen flickten – die Tapferen! Es folgte um 21:02 der letzte Stempel, die Abgabe der Brevetkarten und das Finisherfoto, wobei weniger das Finisherfoto, viel mehr aber das notwendige Abendessen die drei Randonneurinnen beschäftigte. Kerstin kannte da eine gute Pizzeria in der Nähe des AirBnBs und so war die Autorin mehr mit der Auswahl der Pizza und der Recherche der Küchenzeiten beschäftigt als mit dem ordentlichen Posieren für das Finisherfoto – man muss schließlich Prioritäten setzen! Anna fuhr vor zum AirBnB und die beiden anderen machten sich auf, drei Pizzen zu jagen. Viel epischer als das Finisherfoto wurden daher die Beweisfotos, wie sich Kerstin mit drei heißen Pizzen auf ihren Aufliegern, verschnürt durch die beim Brevet geforderten reflektierenden Warnwesten, durch ein Straßenfest über Kopfsteinpflaster den Weg zum AirBnB bahnte und fortan als bester rollender Pizzalieferdienst euWest bekannt wurde. Neben dem Pizzalieferfoto feierten sie aber ein Foto besonders: Schmutzige Füße neben den Pizzen auf dem Boden. Nachdem der Autorin spontan die Duschvorhangstange im Bad entgegen kam, legten sie sich stolz, erschöpft und glücklich zu dem auslaufenden Lärm des Straßenfestes schlafen.



Am nächsten Morgen packten sie ihre sieben Sachen und eroberten einen Tisch in einem fancy Münchner Frühstücksrestaurant, in welchem sie mit ihrer Schlabberkleidung (für die folgende Auto- bzw. Zugfahrt nach Hause) sich dezent underdressed fühlten. Dabei beobachteten sie (ihrerseits ja noch euphorisch-glücklich nach der Leistung gestern) einen schnöselig-zickigen Herrn bei einem Date(?) am Nebentisch und genossen sich feiernd ihr Frühstück. Aufgrund der in normalen Leggings viel zu sehr schmerzenden Hintern auf den Fahrradsätteln trennten sich ihre Wege schließlich am Münchner Hauptbahnhof – Anna und die Autorin legten den Weg zum Park & Ride dann lieber doch im Zug zurück. Weiterhin ging es fünf Stunden schwitzend im kleinen Corsa nach Freiburg (wurde bereits erwähnt, dass es heiß war und keine Klimaanlage vorhanden?) wobei erfolgreich zwei Tüten Chips ihr Grab fanden.

Inzwischen (Frühjahr 2026) liegt das Brevetheft zum Datenabgleich während des Schreibens neben der Autorin, ein Häkchen bei „200 km“ ist bei der Autorin und dem bEvW gesetzt und eine kleine (ehrlicherweise etwas hässliche) 200km Brevet-Medaille baumelt an der Pinnwand. Die Autorin schreibt diese Zeilen und ist glücklich bei der Erinnerung an das tolle Wochenende in München und voller Vorfreude auf kommende gemeinsame (lange) Ausfahrten dieses Jahr. Danke, dass es euch beide gibt und ihr mit mir radelt!
