
Zunächst möchte dieser Blogeintrag sich allerförmlichst für seine Verspätung entschuldigen. Er wird verfasst in der Fast-Off-Saison. Auch genannt: Herbst. Im Falle von 2024 trat dieser recht früh ein, war sehr schnell sehr verregnet und führte damit relativ direkt dazu, dass bereits im September das in Mathis’ Parallelblog gedisste alte (& irgendwie charmante, aber auch zum Stadtrad degradierte und wieder zum Zwift-Rad beförderte) Villiger vom bEvW (für die neuen Leser: bester Ehemann von Welt) im Indoortrainer eingespannt wurde. Die Rennradsaison 2024 endet – die MTB- und Zwift-Saison beginnt. Kaum zu glauben, dass ziemlich genau vor einem Jahr bei bestem Spätsommerwetter in gleicher Kombination (Mathis, bEvW, die Autorin) aus Freiburg in den warmen Ulmer Biergarten gegravelt, draußen bis spät abends beisammen gesessen und auf den Beginn des PanAromaGravels am nächsten Morgen gewartet wurde.
Aber gut – eigentlich soll es um einen Ausflug im Juli 2024 gehen. Obgleich die Autorin sich aus Selbstwertgründen selten traut mit Mathis gemeinsam zu fahren und dies bereits öfters erfolgreich vermeiden konnte, wurde doch in einem schwachen Moment einst ein Plan geschmiedet: Ein gemeinsames Bikepacken – auf Wunsch des alten weisen Herrn durch das Jura. Die Autorin plante also eine dreitägige Juratraverse – teilweise auf den Spuren der offiziellen Juratraverse, teilweise auch einfach nach Pässen, Komoot-Highlights und Seen. Nach vergeblicher erster Hotelsuche bestimmte auch die schlichte Anwesenheit eines möglichen Hotels den Weg. (Und natürlich – wie sollte es anders sein: Vor jedem Hotel lag noch ein letzter Anstieg des Tages – aber diesmal war es wirklich nicht anders zu planen.)
Es gab also zweierlei Herausforderung zu meistern: Fahre drei Tage am Stück mit Mathis (fand der Selbstwert bisher nicht so toll) und bestehe unter dem erfahrenen Blick Gandalfs des Weisen ob der von einer unerfahrenen Hobbit geplanten Streckenführung.
Wer sich außerdem fragt, warum die Autorin und der bEvW nun Hobbits genannt werden und Mathis Gandalf ist, der lese den Parallelblog unter https://mimradldo.wordpress.com/2024/07/23/jura/. (Dieser Blog hat sich nicht an die Regeln gehalten und wurde im Wissen um den Inhalt des anderen Blogs verfasst. Die Autorin gelobt ausdrücklich keine Besserung. Nach genauerer Überlegung (Hobbits bzw. Halblinge haben besonders viel Glück) möchte die Autorin auch ihrem Dasein als Hobbit nicht weiter widersprechen.)
Tag 1 – „Schuttmanagement“ von Délemont nach La Sagne: 75km & 1586hm
Für Tag eins waren ursprünglich eine lange und eine kurze Variante geplant worden. Aufgrund des Wetters (und vier von fünf Wetterberichten) war der Autorin leider schon am Morgen klar, dass es eine regnerische Angelegenheit werden würde. Sie plädierte daher früh für die kurze Route. (Außerdem freute sich ihr Selbstwert natürlich insgeheim, dass sie sich – denn sie hatte es selbst in einer heroischen Minute ohne ihren Selbstwert und dessen Veto geplant – nicht bereits am ersten Tag 100km mit 2400hm abverlangen musste).
Gandalf erwartete die Hobbits zum dritten Teil der achten Stunde am Bahnhof in Basel. Die Hobbits mussten für den ersten Teil ihrer Reise noch eine Kutsche der deutschen Bahn nutzen und so sendeten sie frühzeitig einen Adler, um Gandalf zu warnen, sodass er die zweite Kutsche aufhalten möge, sollten sie zu spät kommen. … Der sportliche Teil der Juratraverse begann also bereits mit der unheilvollen Überlegung: „Wir sind ganz hinten in Wagen 1 – müssen in Wagen 1 – und Basel SBB ist quasi ein Kopfbahnhof“ sowie einem darauf folgenden Vollsprint, sobald der Zug stand und die Türen freigegeben wurden. Die Autorin rannte voraus und versuchte sich hektisch mit dem Rad einen Weg durch die Menge mit Koffern zu bahnen, während der bEvW in seinen Radschuhen hinterherklapperte und schließlich rettend „Zwischentreppe!! – Zwischentreppe rechts!“ rufen konnte. Nach einem erfolgreichen Stürmen der ersten Treppe nach oben, zweimal außerordentlich schnell beiseite springenden Polizisten und einem weiteren Stürmen der zweiten Treppe nach unten winkte Gandalf freundlich aus dem wartenden Zug. In seiner Weisheit (dabei musste er ja gar keinen Sprint hinlegen) hatte er noch seine Straßenschuhe an und zog sich erst im Zug nach Délemont um.
In Delémont angekommen gab es zunächst eine erfolgreiche Jagd nach Verpflegung für eine Mittagspause auf dem Weg: Die Autorin kaufte belegtes Baguette, der bEvW „etwas Leckeres“ vom Bäcker. Da die Baguettes weder auf der Arschrakete im spätestens nachmittags von der Autorin erwarteten Regen noch in der (von Gandalf zunächst belächelten) durch die Länge der Baguettes zu knapp bemessenen Foodpouch Platz fanden, wurden sie schließlich im (von der Autorin zunächst belächelten) Rucksack Gandalfs verstaut. Um jedem eine angemessene Aufgabe zu geben (die Autorin navigierte, Mathis war weise) wurde der bEvW fortan zum Fotobeauftragten ernannt.
Los ging es in nicht erwartetem Sonnenschein. Zunächst fuhren sie an den Bahntrassen entlang hinaus aus Delémont, dann begann recht rasch und steil ein erster Anstieg durch den Wald. Während des Anstiegs meldete sich flott der geknickte Selbstwert zu Wort, dass das alles eine ganz ganz große, momentan auch dazu noch sehr steile Schnapsidee gewesen sei und die Autorin selbst ohne Gepäck die Jungs wahnsinnig bremsen werde. Wie hätte sie auch jemals auf die Idee kommen können, so eine große Route mit so vielen Höhenmetern überhaupt zu planen? Selbst wenn es ein überraschend sonniger Tag werden sollte, würde sie sicher nur die kleine Route schaffen können. Unterbrochen wurde dieser düstere Gedankengang dann aber jäh von des bEvWs klingelndem Handy. Und wie manche Hobbits so sind, wenn der Rest ihres Clans anruft, geht er auch noch ran. „Du schnaufst so – ist alles ok?“ „Wir sind gerade Bikepacken im Jura und in einem Anstieg“ „Achso, ja dann – was gibt’s Neues in Freiburg?“ – ein ganz normales Gespräch der Schwiegerfamilie also. Die Autorin krächzte daher kurz Grüße ins Handy (war sowieso auf Lautsprecher – wie sollte es anders sein) und war dann um die Ablenkung und den irritiert-fragenden Blick Gandalfs ob dieser Telefongesprächskultur dankbar.
Oben angekommen gab der Wald nach einer kurzen Abfahrt den Blick auf das Jura frei. Waren eben in Délemont und auch im Wald noch keine Spuren des Jura Flairs zu erahnen, so zeigte es sich doch an dieser Stelle das erste Mal in seiner ganzen Pracht aus grünen Bergketten. Alle genossen die erste Abfahrt des Tages und die Autorin freute sich auf den zweiten Anstieg – versprachen doch die Komoot-Bilder und der Name „Gorges de la Sorne“ eine Straße, die sich durch Felsen neben einem Fluss wand. Die Gorges enttäuschten nicht und warteten tatsächlich mit einer angenehm leeren Straße auf, der der bEvW als Fotobeauftragter viele schöne Bilder von den beiden Radelnden vor einer felsigen Kulisse aus grau und grün entlocken konnte. Neben der Straße erstreckten sich mit Moos und Farn begrünte Felsen und kleine Wasserfälle säumten den Weg. Auch der Anstieg gestaltete sich durch die schöne Kulisse angenehmer zu fahren und so kamen sie recht bald am Beginn einer Hochebene neben dem Kloster Bellelay an. Hier wurde es Zeit für einen Mittagssnack (zweierlei belegtes Baguette sowie ein dekadentes Himbeertörtchen) und einen genaueren Blick in zumindest zwei der fünf möglichen Wetterapps, die mit Regenradaren ausgestattet waren.





Nun begann der Teil des Tages, den weise Zauberer nicht ohne Grund als „Schuttmanagement“ bezeichneten. Die schlimmsten Regenfälle sollten eigentlich an der französischen Gräte des Jura hängen bleiben und unsere tapferen Abenteurer damit auf der kürzeren Route nur die Ausläufer abbekommen… Dem geneigten Leser werden der Konjunktiv und die „…“ gerade aber nicht entgangen sein: Nach einer nur kurzen Weiterfahrt rettete die Gruppe sich zunächst in eine Bahnhofshalle. Nach einer längeren Pause begann sie sich immer dann weiter vorzuarbeiten, wenn es nur noch nieselte oder sogar eine kurze Regenpause da war.
Nach einem weiteren Anstieg in mystischem aufsteigendem Nebel, mit seltsamer Geräuschkulisse (es sollte sich weiter oben als Windrad herausstellen, das im dichten Nebel lange nicht zu erkennen war) und jeder in seinem Tempo fahrend, erreichte die Autorin genau dann das ironische Schild „Mont Soleil“ bevor ebenjene Sonne sich eine ganze Weile nicht mehr blicken lassen sollte und weiterer Regen einsetzte. Auf der Abfahrt entwickelte sich der Nieselregen zu richtigem Regen (fahren wir noch weiter? Wir fahren noch weiter, haben ja eben erst angehalten…) und schließlich zu einem richtigen Regenschauer. Die Gruppe rettete sich unter ein Garagenvordach, verteilte abwartend Gummibärchen und die Laune begann etwas zu sinken. Es waren ja nur noch 22km bis zum Hotel. Andererseits ging es bergab. Und die Straße hatte sich in einen rauschenden Bach verwandelt. Lichtete der Regen sich etwa minimal? Die Gruppe arbeitete sich zu einem weiteren Vordach vor. Wie in einem schlechten Film bemerkte die Autorin jedoch, dass das Wasser, dass sich zunächst in einer kleinen Pfütze unter dem zweiten Vordach sammelte, weiter stieg. Und stieg. Und ihren ersten Schuh erfasste. Und in ebendiesen Schuh schließlich auch stetig hineinlief. So beschloss sie, dass man noch ein Vordach weiter müsse – das da vorne sehe deutlich größer aus! Das da vorne stellte sich dann (das muss Gandalfs magische Aura oder das Glück der Hobbits gewesen sein) als ein durchaus geöffnetes, muckeliges kleines Café heraus, das die Abenteurer nur zu gerne beherbergte. Passend zum Auffinden der warmen Bleibe begann es draußen zu donnern.
Was fanden unsere tapferen Schuttmanager also vor? Möchte man in der mittelerd’schen Analogie bleiben, könnte man wohl von einer gemütlichen schwarzwälder Zauberhöhle sprechen. Das Café bot einen leicht absurden, aber gemütlichen Anblick aus (noch funktionierenden und zur vollen Stunde lautstark die Uhrzeit nacheinander verkündenden) Kuckucksuhren an den Wänden. Genauer gesagt, waren die Wände mit Ausnahme dreierlei Fenstern, zweierlei Türen und einer Tafel mit geheimnisvollen Getränken („Petzi“, „Fertig“, …) voll davon. Nach Panaché und heißer Schokolade sowie dem Belauschen des Nachbartisches (der wie sich herausstellte nur einen zehnminütigen Heimweg hatte, aber trotzdem den Großteil des Gewitters lieber aussaß) und mehreren netten Gesprächen mit der bemühten schweizer Gastwirtin waren die tapferen Abenteurer wieder recht aufgetaut. Da der Regen aber noch nicht ganz vorbeigezogen war und die bemutternde Wirtin sie keinesfalls im Regen gehen lassen wollte, bewiesen sie auf Drängen Gandalfs („sind ja nur noch so 20km und ich will wissen, was das sein soll“) Mut und bestellten dreierlei alkoholisierte Zaubertränke von der geheimnisvollen Tafel: Ein „Café Patronne“ für die Autorin (der sollte nicht so stark sein und sie im Notfall dazu befähigen, die beiden Herren noch sicher zum Hotel zu geleiten), einen „Petzi“ (dieser entlockte dem Nebentisch bereits durchaus interessante Geräusche) und einen „Fertig“.



Nach erfolgreichem Genuß der Getränke ließ der Regen nach ca. anderthalb Stunden endlich nach. So setzten die drei (leicht bis mittelschwer) angeschwipsten Abenteurer ihre Reise in sehr kitschigen Bedingungen fort: Das Gras glitzerte vom eben gefallenen Regen, die Sonne schien wieder, ein Regenbogen war jederzeit zu erwarten. Erste Wolkenschwaden stiegen aus den Tälern links und rechts von ihnen auf und allerlei süße Kälbchen machten auf der kleinen, sich durchs Jura schlängelnden Teerstraße ihre Aufwartung. So verflogen die letzten 20km wie im Flug und die drei ballerten, vom bEvW angeleitet, schließlich auf einem letzten Stück Landstraße nach La Sagne und zu ihrem Hotel, wo sie bereits erwartet wurden.

Der Abend endete bei einem riesigen Pott Käsefondue, Bier und Weißwein, sowie der durch die gutmütige Zauberin verschenkten schweizer Schokolade im angenehm leeren Gastraum des „Hotel von Bergen“. Aufgrund einer geschlossenen Geburtstagsgesellschaft wurden sie sanft „überredet“ ein Käsefondue zu bestellen und nach mehreren Nachfragen, ob sie alles hätten, was sie brauchten, mit der Flasche Weißwein und dem vor der Reise neu erworbenen Würmchen (das Spiel Heckmeck am Bratwurmeck in Bikepacking-Größe) alleine gelassen.


Tag 2 – von La Sagne nach Orgelet: 150km & 1698hm
Bereits morgens wurden unsere tapferen Helden vom Kuss der Sonne beim üppig bekästen Frühstück und meckernden schweizer Omas am Nebentisch begrüßt. Nach einer erstaunlich günstigen Rechnung (sie waren immerhin in der Schweiz – und nach dem Preis vom Hauswein, Bier und Käsefondue hatte gestern keiner gefragt) sattelten die drei Abenteurer ihre Pferde und starteten ihre Navis. Auf ging’s zur bisher längsten Tagestour des bEvW und der Autorin (aber auch mit ordentlich Höhenmetern bergab). Das Hotel von Bergen können alle drei nun sehr empfehlen: Mit Charme, Nettigkeit, gutem Essen und guten Preisen konnte es aufwarten – allerdings möchte die Autorin darauf hinweisen, dass die Gestaltung eines (sehr hübschen und großzügigen) bis zu Vier-Bett-Zimmers ohne Badtür angesichts der Morgentoilette etwas fragwürdig war.
Während des Frühstücks wurde über die Nutzung von Armlingen oder Windjacke angesichts der Temperatur sowie den direkt anstehenden Höhenmetern nach dem Start wild diskutiert. Es stellte sich heraus, dass die Höhenmeter a) direkt warm genug gemacht hätten, aber Mathis’ Navi einen kleinen Aussetzer hatte, sodass b) eine nicht so geplante, aber dafür umso längere (und kalte) Abfahrt direkt auf den Mini-Anstieg folgen sollte. Irgendwie hatten damit alle Recht – für die Originalroute hätte es keine Armlinge gebraucht, aber nach der spontanen Routenänderung (Mathis’ navigatorische Gadgets scheinen mit der Wandlung zum weisen Gandalf ein wenig vorgealtert zu sein und zeugten von Gedächtnisaussetzern) war eine Windjacke doch die richtige Wahl. In seiner Funktion als Fotobeauftragter machte der bEvW seinem Namen alle Ehre und erinnerte sich außerdem noch rechtzeitig an die gestrige Idee unbedingt das Ortsschild von „La Sagne“ fotografieren zu müssen.
Nach La Locle (eine sehr hässliche Stadt, die dank der spontanen neuen Route auch noch auf der Nebenstraße neben der Hauptdurchgangsstraße durchquert werden musste) hatte die Autorin eigentlich ein extra Schmankerl für den Passschild-Jäger Mathis in Form einer winzigen Sackgasse zu einem Tunnel direkt an der Grenze Schweiz/Frankreich am „Col des Roches“ einbauen wollen. Es sollte sich leider als ein typisches „Komoot Highlight vs. Reality“ herausstellen: Kein Passschild weit und breit und das „wehende Schweizerkreuz über den Felsen“ war durchaus physisch vorhanden, der Anblick wurde aber durch Baustellen rundherum und eine sehr stark befahrene Straße deutlich geschmälert. Schließlich waren alle froh, dass dies eine sehr kurze geplante Sackgasse war und sie wieder umdrehen durften statt durch den Tunnel direkt nach Frankreich fahren zu müssen.


Umso erstaunter waren alle, als sie einmal Abbiegen später einen wunderschönen, malerisch gelegenen Anstieg auf gut geteerter und nur sehr wenig befahrener Straße fahren durften. Obgleich sich in der Rückschau eben feststellen lies, dass dieser Anstieg (und auch der darauf folgende) einfach deutlich weniger steil waren, kam dem Selbstwert so langsam die Vermutung, dass die Zyklusphase (die Autorin näherte sich stark dem grünen Abschnitt der Zyklusapp an) gestern eine Rolle gespielt haben könnte. Nach einem guten Stück abwärts ging es nochmal rauf zum „Col sur le Mont“. Nicht der kreativste Name, aber Passschild bleibt Passschild.
Wieder unten vom kleinen Pass erwartete die Abenteurer ein Radweg, der auf einer ehemaligen Bahntrasse gebaut wurde. Sie ballerten fröhlich auf diesem entlang – der bEvW vorneweg – nur unterbrochen von kleinen Schikanen, wenn eine Straße den Radweg kreuzte. In Pontarlier (nach ca. 50km) verlangte es den weisen Zauberer nach einer Plat du Jour und die Autorin (sie waren nun schließlich in Frankreich) nach einer Portion Crèpes. Nach weiterem Bundesstraßengeballer schlossen sich noch kleinere Anstiege und Abfahrten an, bei denen sich immer weiter herauskristallisierte, dass der weise Zauberer am Berg alle abhängen konnte, jedoch aufgrund der Gewichtsvorteile der Hobbits auf dem Weg nach unten locker wieder eingeholt werden konnte.
Schließlich verlangte es dem Zauberer (nach einer schönen Abfahrt mit parallel verlaufendem Wasserfall-Fluss) im Örtchen Foncine-le-Haut auch nach einem Panaché. Hierauf folgte noch dreimaliges Hoch-Runter bis zur längsten und letzten Abfahrt des Tages Richtung Lac de Vouglans und ihrem Hotel in Orgelet. Aufmerksame Leser erinnern, dass alle Hotels (aufgrund der dürftigen Verfügbarkeit von Hotels im Allgemeinen) an einem „Berg“ gebucht wurden. So erwartete die tapferen Recken auch nach 145 Tageskilometern noch 150 Höhenmeter Anstieg. Noch dazu auf einer viel befahrenen Bundesstraße mit schlechtem Teer. Wie passend – so ein idyllischer Abschluss für die ersten 150km am Stück? Die Autorin bestand darauf, vorausfahren zu dürfen um nicht im schlimmstmöglichen Moment gedroppt zu werden und gab alles bis zum Ortsschild von Orgelet, was irgendwie noch in den Beinen war. Tatsächlich war es dann gar nicht so schlimm wie befürchtet – aber ehrlicherweise auch weit fernab von der ursprünglichen Idee, am Ende noch über eine idyllische Brücke am Lac de Vouglans zu fahren und kurz in Ruhe am Seeufer anzuhalten und den Anblick des Sees zu genießen.
Eingecheckt im Hotel (diesmal mit Badtür – juhu!), wurde ein kleiner Spaziergang zum SuperU unter den jammernden Worten des Gandalf genutzt um Bier einzukaufen und die Foodpouch-Gummibärchen-Vorräte wieder aufzufüllen. Spätestens morgen sollte Gandalf die Genialität der hobbit’schen Foodpouch zu schätzen wissen (zweites Frühstück, drittes Frühstück, viertes …). Dann wurden die (unter dem Einfluss von einem halben Bier auf nüchternen Magen noch verschwindend geringeren) Französischkenntnisse der Autorin genutzt, um drei absolut gottlose Käse-Pizzen bei „Pizza Fifi“ zu bestellen und es sich im festlich dekorierten Park gemütlich zu machen. Aufgrund eines Schwächeanfalls nach zu viel Bier (anderthalb Dosen) und Käse bewegte sich die Autorin direkt ins Bett, während die Männer noch eine lokale Bar mit ihrer Anwesenheit beehrten (zur weiteren Beschreibung der besonderen Bar siehe Mathis’ Blogeintrag). Aufgrund des Schwächeanfalls konnte die Autorin leider auch die Aussicht eines kuscheligen Barhundes nicht nochmal zum Aufstehen bewegen und sie sollte nur dann kurz erwachen, als Gandalf (von Alters wegen vermutlich?) nachts gegen die von ihm offen gelassene Schranktür lief und es lautstark krachte.

Tag 3 – von Orgelet nach Nyon: 114km & 1837hm
An Tag drei sollte die Reise enden – die Abenteurer mussten passend für ihre Zugverbindung (äh, die von Gandalf bestellten Adler natürlich) in Nyon ankommen. Während die Jungs total entspannt frühstückten, stellte sich bei der Autorin direkt ein Rechenspiel ein: Wenn Komoot sagt, man brauche sechs Stunden – sie aber normalerweise etwas langsamer als Komoots Rennradberechnung fuhr, man noch eine Mittagspause und kleine Pausen in den Anstiegen mit einrechnete und ein Ankunftsbier am Genfer Seeufer trinken wollte, außerdem noch Puffer für eventuelle Platten mitbedenken musste, dann… Hilft am Ende trotzdem alles Rechnen und pünktlich zum Losfahren Antreiben nichts, wenn Gandalf (das Gedächtnis und das Alter…) seine Fernbedienung für die Hörgeräte im Hotelzimmer verlegt hatte. Seufz. Die alten weisen Zauberer sind auch nicht mehr die, die sie mal waren…
Der Tag begann mit einer idyllischen Straße am und um den Lac de Vouglans drumherum. Es folgte eine erste Tagesabfahrt mit spektakulärem Blick auf ein riesiges Stauwehr im See. Entgegen der letzten Tage war die Foodpouch das erste Mal mit M&Ms statt Gummibärchen gefüllt und die Autorin musste feststellen, dass M&Ms auf Abfahrten so sehr durchgeschüttelt werden, dass sie sich wie in einer industriellen Maschine einfach schälten und sogar bei größeren Unebenheiten aus der Foodpouch zu fliehen versuchten. Letzterem wirkten die Jungs heimlich entgegen, als die Autorin kurz ihr Rad bei ihnen lies um noch ein Foto vom See und dessen imposanten Stauwehr zu machen und sie in flagranti beim M&Ms naschen erwischte.


Nach einer letzten Brücke über den Lac de Vouglans nahm der bEvW seinen Job als Fotobeauftragter wieder auf und der erste Anstieg wurde in Angriff genommen. Er führte recht steil durch kleine, dörfliche Sträßchen mit aufmunternden Französinnen, die nochmal betonten, dass die Straßen ja wirklich steil seien. Recht weit unten hielten die Männer kurz an, um noch ein Foto vor einem pittoresken Scheunentor zu machen, während die Autorin ihre Chance nutzte um einen kleinen Vorsprung und damit mehr Pausen weiter oben im Anstieg herauszuschlagen. Erst nach einer ganzen Weile (der Selbstwert jubelte innerlich und sie war ebenfalls endlich in der leistungsfähigeren Zyklusphase angekommen) holte sie der bEvW kurz vor einer sehr sehr niedlichen Katze auf der Straße wieder ein, die er natürlich fotografisch festhalten musste. Als er irgendwann keuchend wieder aufschloss, fragten sich beide, wo eigentlich Gandalf abgeblieben war? Normalerweise holte er die beiden doch mit Leichtigkeit am Anstieg ein… da ahnte noch keiner, dass er ebenfalls für die gleiche niedliche Katze eine ausgedehnte fotografische Pause eingelegt hatte.

Oben angekommen am „Col des Crozatons“ (endlich ein Passschild) zog sich die kleine Straße wellig zwischen verschiedenen winzigen Dörfern dahin. Nachdem immerhin ein rettender Trinkwasser-Brunnen auf einem Kinderspielplatz gefunden wurde, gestaltete sich die Suche nach einer offenen Lokalität für die von Gandalf immer energischer verlangte Plat du Jour recht schwierig. Trotz Fütterungsversuchen aus der Hand oder direkt mit Griff in die inzwischen in der Foodpouch enthaltenen saure Gummiwürmchenmischung kippte die Stimmung des Weisen immer mehr und irgendwann auch die der Mitfahrenden. Google Maps zeigte auf den nächsten Kilometern nur einen zeitaufwändigen Umweg oder, dass man noch über 15 weitere Kilometer bis Morez durchhalten müsse. Schließlich einigte man sich darauf, die mitgebrachten Riegel doch zu nutzen und bis Morez durchzuhalten. Für diese mentale Leistung wurden alle drei postwendend mit einer herrlichen 14 prozentigen Abfahrt auf gutem Teer belohnt.
Vor Morez wurde die Moral noch von einem Abschnitt unter einer weiteren Bahntrasse (davon gibt es wirklich einige im Jura) hoch gehalten, der zwar mit fragwürdigem Straßenbelag, aber allerlei imposanten kalkweißen Eisenbahn-Aquädukten aufwartete. Hintendrein fahrend übernahm die Autorin kurzerhand die Aufgabe der Foto- und Videobeauftragten und hielt dieses Highlight für die Ewigkeit fest. Nach zehn weiteren Kilometern unter Eisenbahnviadukten hindurch fuhren sie schließlich nach Morez ein und hielten also nach 75km an der nächstbesten Dönerbude an, um einen würdigen Ersatz für die bisher nicht vorhandene Plat du Jour zu finden.



Nach Köftesandwiches, Pommes, Limo und Ayran (für die Proteine und Elektrolyte natürlich essentiell wichtig) ging es weiter in den letzten, gegenüber allen anderen im Jura eher langgezogenen („echten“) Anstieg bis zur Landesgrenze und der Abfahrt auf der schweizer Seite runter an den Genfer See. Schnell wurde beschlossen, dass jeder sein Tempo fahre – so ordnete sich die Gruppe Gandalf, bEvW (der doch nach der Autorin schauen wollte) und die Autorin hinterher. Gandalf schien einige neue Energie gesammelt zu haben und innerlich über die so freudig erwarteten „echten Serpentinen“ und den „richtigen Anstieg“ zu jubeln und preschte voran. Tatsächlich können alle diesen ersten Teil des Anstiegs sehr empfehlen und er war ebenso viel befahren – hoch wie runter – von anderen Rennradlern. Das ist immer ein gutes Zeichen, oder? Diese anderen Rennradfahrer gestalten sich im Jura übrigens als sehr sympathisch, nett grüßend, angenehm oft der Statur von bEvW und der Autorin statt der von Mathis ähnelnd und in seltenen Fällen auch als Heavy Metal Typ mit aufmunterndem „Allez les filles!“ gegenüber der Autorin.
Entgegen den positiven Erfahrungen mit anderen Rennradlern entpuppte sich das Passschild mit der imposanten Aufschrift „Montée de Prémanon“ leider noch gar nicht als das Ende des Anstiegs. Es gab eine kleine Zwischenabfahrt, ein kleines Zwischendorf und dann den hässlichsten, betonwüstigsten Parkplatz, den eine Juratraversenroute jemals gesehen haben sollte. (Liebes Komoot – warum sollten wir unbedingt über den fahren statt die parallel verlaufende Straße zu nehmen?) Aber dann – nach Gezeter von Mathis’ über diese böse Überraschung und weitere Höhenmeter – endlich! Die Erlösung! Ein weiteres Passschild: „Col de la Givrine“. Nie davon gehört – ist uns aber auch egal – hier muss doch endlich die ersehnte Abfahrt nach Nyon kommen! Naja. Zumindest fast. Es folgte eine langgezogene, plötzlich sehr stark befahrene Straße, die minimal wellig bergab führte. Na toll! So hatten sie sich das nicht vorgestellt! – Weiteres Gezeter Gandalfs folgte also zugleich, zumal sein Rad auch neuerdings ein komisch wobbelndes Vorderrad aufwies.
Nachdem das Vorderrad in einer kurzen Zwangspause inspiziert wurde, konnte fachmännisch festgestellt werden: Es ist kein Platter, es wobbelt nur komisch. Also weiter – jetzt kam tatsächlich die richtige Abfahrt! Der bEvW fuhr vorneweg, die Autorin und Mathis (ob des wobbelnden Vorderrads deutlich vorsichtiger) hinterdrein und sie genossen die gut 600 Höhenmeter lange und schön serpentinige Abfahrt nach Nyon.
Der Weg hinein nach Nyon an den Bahnhof sowie (ob der guten Zeit bis zur Ankunft des Zuges) an die Uferpromenade des Genfer Sees stellte sich als ein erstaunlich leichtes Unterfangen heraus. So wurden direkt noch Finisher-Bilder vor der Seekulisse gemacht, zwei Bier und ein Panaché an der Uferpromenade getrunken sowie von den Herren noch ein Eis auf dem Weg schiebend zum Bahnhof genossen.

Ein sehr angenehmes schweizer Bahnerlebnis später endete diese Juratraverse erfolgreich im Basel SBB, wo die Abenteurer sich dereinst vor drei Tagen trafen um zu ihrer Reise aufzubrechen. Über das weitere deutsche Bahnerlebnis bis zum Freiburger Hauptbahnhof möchten wir aufgrund der Idylle, die wir am Ende dieses Textes hinterlassen wollen, jedoch lieber den Mantel des Schweigens hüllen.
