Auf den Spuren des Final Flare Orbits

Nach dem erfolgreichen Mallorca Urlaub fragte Anna, ob wir nicht die Schweiz vom Zuhause ihrer Eltern aus in Einsiedeln bikepackend erkunden wollen. Nur wir beide und unsere Gravelräder. So fand sich die Autorin eine Whatsapp-Nachricht später mit einem Link zum „Final Flare“ Orbit und der Frage konfrontiert, ob man diesen nicht in ein drei- bis viertägiges Bikepacking-Abenteuer abwandeln könnte? Eine Stunde später sollte Anna wiederum ein vielsagendes Bild eines großen Bildschirms erreichen – links die Originalroute des Orbits auf Komoot – rechts die „entschärfte“ Variante nach längerer Recherche zu Pragel- sowie Klausenpass und Hotelmöglichkeiten in dem Wissen, dass sie einen Pragelpasstod sterben, aber sie dafür von Annas Eltern aus losfahren und ein tolles Hotel oben am Klausenpass erwischen könnten. Netterweise entschied sich auch die Schweizer Bahn dazu neuerdings über die deutsche App buchbar zu werden und so war schon einige Monate vor der Reise alles beschlossene Sache und es mussten keine Faultiere am Bahnhof beschworen werden um Bahntickets zu erhalten. Die Routenplanung sollte vom bEvW und Gandalf vorher belächelt werden – die Seite des Pragelpasses würden sie beide ja nur in einem Alptraum freiwillig hochfahren – und so packten Anna und die Autorin Dienstagabend bzw. Mittwochvormittag nicht nur die wirklich essentiellen Dinge in ihre Radtaschen, sondern nahmen auch eine inzwischen augewachsene Pragelpasspanik mit zum Bahnhof Freiburg.
Exkurs: Pragelpasspanik, die – quaeldich.de: „Ambitionierte Radler nehmen den Anstieg von Hinterthal in Angriff. Die Steigung in der unteren Hälfte ist vergleichbar mit der des gefürchteten Mortirolos, denn kilometerlang sind dauerhafte Steigungswerte im zweistelligen Prozentbereich mit vereinzelten Spitzen von 15 bis 18 % zu erklimmen. Keine Pausen, keine Flachstücke! Wer dieses ca. 6 km lange Monsterstück überwunden hat fährt die restlichen Kilometer bis zur Passhöhe fast spielerisch. Vergeblich sucht man nach einem richtigen Passschild und wirft sich somit schnell in die Abfahrt, welche im oberen Teil annähernd so steil wie die Auffahrt ist. Entlang des Klöntaler Sees fährt man 5 km flach und kommt so nach Glarus.
Der Pass ist für Normalradler eine echte Herausforderung, und wer absteigt, muss sich daher nicht schämen. Dieser einspurige Pass ist der Hammer! Er ist erbarmungslos, nur Schattenspenden kann er, denn durch tiefen Wald sieht man seine gewonnene Höhe nicht einmal. Ansonsten wird dem Radler nichts und zwar gar nichts geschenkt. Wer den Pragelpass nicht fahren muss, sollte es lassen. Mehr gibt es nicht zu erzählen.“

Anreisetag (Tag 0) – Einsiedeln: 3km & 40hm
Entgegen des letzten Blogeintrags gestaltete sich die Anreise zu diesem Abenteuer weniger abenteuerlich. Obgleich die Autorin Anna nicht glauben wollte, dass drei Minuten geplante Umstiegszeit mit den Rädern klappen kann, wurde sie noch immer besagten Zug mehrmals belächelt (zu Recht) und darauf hingewiesen, dass man sich in der Schweiz befände und es wirklich kein Problem sein wird. Und siehe da? Die gesamte Anreise bestätigte sich als einfach und entspannt – kein Vergleich zur Sprinteinlage in Basel SBB noch vor fünf Tagen. In Einsiedeln erwartete die beiden für einen Mittwochabend recht reges Treiben und so konnten sie mit Glück noch einen Platz für Aperitif und Pizza im Vorbereich einer Pizzeria ergattern, die sich zu Beginn des s.g. Welttheaters spontan entleerte.

Nach der famosen Pizza und gestärkt durch einen ersten Aperol rollten die beiden vorbei am Welttheater und der Klosterschulanlage entspannt auf die erste Alpenidylle der Reise zu: Auf der gut geteerten Straße bergab taten sich linksseitig der durch die letzte Abendsonne beschienene Sihlsee, rechts einzelne Häuser und geradeaus die Berge der Alpen auf.


Der Abend wurde beschlossen mit einer ersten Partie Karten und kurzem Austausch über das Packen der Taschen und den potentiellen Snacks – vor allem aber der Vornahme, den Pragelpasspaniktag morgen mit einer Runde Schwimmen im See zu beginnen. Außerdem durfte sich die Autorin für den bEvW noch ein Mitbringsel mitnehmen: Ein handgedrechselter Kreisel von Annas Papa.
Tag 1 – Ibergeregg & Pragelpass(panik) von Einsiedeln nach Oberurnen: 79km & 1632hm
Gefrühstückt wurde am ersten Tag mit Ausblick auf See und Berge in der Morgensonne. Um direkt ausprobieren zu können wie gut Bikinis auf den Arschraketen trocknen, sprangen beide noch in den Sihlsee und genossen kurz die menschenleere Weite des Wassers und die Alpenidylle. Außerdem wurde erstmals die extra grammsparende kleine JBL Go Box mit dem Wahoo Musik Feature gepaart genutzt und Meutes „Sail“ als das Lied des Urlaubs auserkoren. Bei einem zweiten Kaffee wurde noch kurz diskutiert, welche von der Frühstücksterrasse aus sichtbaren Berge heute erklommen werden und dass man den Pragelpass im Zweifel ja auch hochwandern könne. Spoiler: Wie Recht der Quäldich.de Autor doch hatte!



Aber zuerst stand das Ibergeregg an. Gepackt war schnell und so verließen beide das neue Wunsch-Feriendomizil der Autorin und traten den ersten Anstieg an. Zunächst zog sich die Straße von Einsiedeln hin durch Unteriberg und Oberiberg. Bereits vor Oberiberg wurde die Autorin gewarnt, dass es nun eine kleine Zwischenabfahrt bzw. ein eher ebenes Stück gäbe, sie aber bald in Oberiberg rechts abbiegen müssten und dann ein recht steiler Stich käme. Obgleich der Warnung Annas mit diesen genauen Angaben verschaltete sich die Autorin bei ebenjener Abbiegung natürlich prompt. Sie wollte dann auch sehr spontan und mit viel Nachdruck ihren Umwerfer nach unten benutzen und… naja, dann verabschiedete sich leider ebenso spontan die Federung im Schalthebel. Mist. So standen sie also (schon seit Albstadt gestaltete sich das Umwerfen etwas hakelig) am Beginn des ersten richtigen Anstiegs des Tages in Oberiberg und beschlossen: Selbst ist die Frau – wofür haben sie denn schließlich das ganze Werkzeug dabei? Aber es half alles beherztes Schrauben nichts, nach Abschrauben des Bremshebels und Aufschrauben des Schalthebels konnte nur resignierend festgestellt werden, dass sich in Letzterem Teile bewegten, die sich sicher nicht bewegen sollten. Also alles wieder angeschraubt und mit Lockerung des Seilzugs einmal (und für immer) auf das kleine Ritzel geschaltet. Man musste ja sowieso nur bergauf fahren – und bergab war man sicher schnell zu schnell um die großen Gänge benutzen zu könnten. Gut, dass sie keine Tour mit längeren flachen Passagen geplant hatten. Was aber bis heute ein Rätsel blieb, ist der E-Biker, der kurz nach der Panne interessiert gegenüber auf einer Bank Platz nahm und sie aufmerksam beobachtete – hätte er seine Hilfe noch angeboten oder war er einfach nur fasziniert? Man weiß es nicht und wird es nie erfahren…

Der tatsächliche Anstieg zum Ibergeregg gestaltete sich genauso problemlos und landschaftlich schön, wie die Erzählungen des bEvWs, Gandalfs und die Beschreibung von quaeldich.de es vermuten ließen: Bei bestem Wetter nahmen die beiden Kurve um Kurve und tauchten ab in die Schönheit der schweizer Alpenfauna am Wegesrand. Wiederum fällt der Autorin keine treffendere Beschreibung als „schweizer Alpenidylle“ ein. Oben angekommen tranken sie eine erste Limo/Rivella (musste sein – schließlich hatten sie auch die Maus-Limo-Socken an) und ließen einen Passanten das erste Passschildbild der Tour von ihnen machen.
Die Abfahrt folgte kurz einer größeren Straße und wartete mit einer Tunnelumfahrung für Radfahrer auf (linksseitig des Tunnels, direkt an den Felsen auf einem Gitter – aber man sei ja in der Schweiz, merkte Anna an, da sei sowas schon sicher gebaut – viel hinunterschauen beim Radeln wollte die Autorin trotzdem nicht), und bog schließlich auf eine kleinere Verbindungsstraße vorbei an ein paar Bauernhöfen und hinunter Richtung Illgau ins Muotathal ab.
Ab der Straße unterhalb von Illgau folgten die beiden erstmals der Originalroute des Orbits das Muotathal nach hinten. Da der originale Final Flare Orbit von Schwyz aus über Pragelpass, Klausenpass und einiges Gegravel wieder nach Schwyz zurück führt, Annas Eltern aber eben in Einsiedeln leben und das Ibergeregg zwischen Einsiedeln und Muotathal lag, wurde dieses zusätzlich eingebaut. Sie trafen auf eine Route, die sie selbst sicher nicht so schön hätten bauen können – ein kleiner Singletrail führte direkt rechts neben einem Fluss (der Muota) entlang, dem sie eine Weile bis ins gleichnamige Dorf Muotathal folgen durften. Schließlich pausierten sie an einem kleinen Renterbänkchen (das Rentnerbänkchen nebenan wurde sogleich von zwei netten Omas besetzt) in Stalden und harrten – snackend – der Dinge, die da kommen mögen. Der Anstieg. Der Pragelpass. Die Pragelpasspanik.

An dieser Stelle möchte die Autorin kurz an den Exkurs zur Pragelpasspanik ein Kapitel vorher erinnern: „Wer den Pragelpass nicht fahren muss, sollte es lassen.“ Kurz nach der Weiterfahrt ertönte bereits der Wahoo unheilvoll: Anstieg! Er zeigte ein ebenso unheilvolles orangenes, rotes und tiefrotes Höhenprofil an. 950 Höhenmeter galt es also zu bewältigen, wobei auf dem Profil ca. drei Viertel davon dem eben beschriebenen Farbprofil entsprachen. Oben sollte es besser werden, sagte quaeldich.de – noch konnten die beiden nicht ahnen (wenn sie sich die Route vorher besser angesehen hätten natürlich schon – das taten sie aber nicht), dass die Route des Orbits aber just dann ins Graveln wechseln sollte, wenn die Teerstraße angenehmer wurde.
Aber gut – zurück zum Beginn des Anstiegs: Der Pragelpass begrüßte mit deutlich über zwölf Prozent Steigung. Schon zuvor wurde geklärt: Die Autorin würde solange wie möglich achtern (sie hasste wandern). Anna war eher früher als später in der Schiebefraktion zu finden. Und genau dies taten sie auch. Hin und wieder wurde aufeinander gewartet, sich gemeinsam wartend über die drei Jugendlichen mit den stinkenden und deutlich überhitzenden kleinen Mopeds geärgert, die die beiden immer wieder überholten, ihre Motoren abkühlen ließen, nur um die beiden dann erneut in gefolgt von ihren stinkenden Wolken zu überholen. Außerdem wurden gegenseitig ironische Bilder von schwitzenden, quälend lächelnden Grimassen auf dem Rad gemacht. Die Straße lag sehr idyllisch, war aber auch entsprechend schmal, sodass Begegnungen mit Autos (von oben kommend oder von unten überholend) gleichermaßen eng ausfielen. Auch die Motorradfahrer teilten sich in die Fraktion der nett und aufmunternd-anerkennend Nickenden oder der böse Starrenden, da wir doch beim Achtern das effektive Kurven schneiden behinderten.
Etwa nach zwei Drittel des Teer-Anstiegs wurde die Quälerei recht jäh durch eine entgegen kommende Horde Traktoren mit Anhängern unterbrochen, die fröhlich hintereinander zockelnd ihre Bremsen glühen ließen. An einer der wenigen Stellen, an denen die Straße etwas breiter war, sammelte sich die Traktorenmeute, bevor sie weiterzog. Der Tross war faszinierend zu beobachten und ein perfekter Grund für eine lange Pause, bevor unsere tapferen Heldinnen die Strecke bergauf fortsetzten. Immerhin konnten nun eine Weile keine Autofahrer von hinten kommen.
Unweit höher entdeckten sie ein Haus und hofften auf eine Wasserquelle – das Wasser reichte zwar noch aus, aber ein Refill würde nicht schaden. Neben der vermeintlichen (leider nicht zugänglichen) Wasserquelle saß die Pragelpassfamilie – eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und zwei Töchtern, die ebenfalls mit den Rädern samt Anhänger den Pass bezwangen und gerade fröhlich picknickten. Unsere beiden Heldinnen staunten nicht schlecht (schweizer Familien sind einfach krasser) ob der guten Laune der beiden Teenagermädchen und den Muskeln aller.
Ihre Fahrt fortsetzend erreichten sich rasch dann das vom Orbit eingeplante Gravelstück. Zunächst freuten sie sich – es war flacher, der Gravel hatte eine Neigung zum Prinzessinnendasein und der Gravelweg folgte einem Fluss linksseitig, der malerisch in einen Wasserfall überging. Die Freude war aber leider nur von kurzer Dauer – wenig später (aber zu spät um wenden zu wollen und doch die komplette Teerstraße zu nehmen) zog sich der Weg deutlich steiniger, in einem welligen Bergauf zwischen Kuhweiden dahin. Immer wieder hofften die beiden auf die versprochene Einkehrmöglichkeit, mussten aber dann doch enttäuscht feststellen, dass die Essensgerüche von privaten kleinen Hütten am Wegesrand herrührten. Nach einer sehr gülleträchtigen Kuhausweichaktion kamen erste Serpentinen in Sichtweite. Oh Gott! Die waren nun wirklich nicht mehr zu fahren – hier musste definitiv geschoben werden. Der geneigte Leser erinnert sich: Die Autorin hasst wandern. Erst recht, wenn sie nach 1400 bereits absolvierten Höhenmetern noch mit ihrem bepackten Rad wandern soll. Anna motivierte sie nach Kräften und zwang sie bei einer kleinen Pause in einer Schutzhütte mindestens eine halbe Packung Katjes Wonderland Gummibärchen zu inhalieren. Das half zumindest insoweit, als dass die Autorin sich freiwillig weiter fortbewegte. Und dann – endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit des Wanderns wurde ein unscheinbares Gipfelkreuz bergauf am Horizont sichtbar. Vor diesem entstand noch ein ironisches Bild, das zeigen sollte, was die beiden vom letzten Teil dieses Anstiegs hielten (wenig). Dann rollten sie noch bergab zum Gasthof auf der Passhöhe.


Der Gasthof wartete mit zwei Limos (natürlich), einer geteilten Portion Älpler Magronen, einem geteilten Eis-Apfel-Dessert und zwei neugierigen Ziegen auf. Außerdem erwarb Anna (im Platz- und Gewichtsbudget waren diese praktischerweise drin) noch ein Paar Ohrringe, die sie für immer an die Pragelpasspanik erinnern können. Endlich geschafft!


Weiterhin auf dem Plan stand die Abfahrt über eine kleine und ruhige, aber gut geteerte Straße hinunter zum Klöntalersee und linker Hand an diesem vorbei. Während man bei der Auffahrt auf den Pass recht wenig Alpenidylle genießen konnte, machte die Abfahrt wieder einiges wett und gewann deutlich in den Landschaftspunkten, spätestens als die Straße den Blick auf den Klöntalersee unten und die rechts und links verteilten Berge freigab. Am Seeufer angekommen wurde eine Badepause zugunsten eines früheren Abendessens verworfen aber dennoch der Seeblick noch kurz genossen. Dann radelten sie das letzte Stück nach Glarus und über einen kleinen, ebenfalls gut ausgebauten Radweg am Fluss (Linth) entlang nach hinten Richtung Oberurnen. Erstaunlicherweise führte der neu ausgebaute Radweg sie kurzzeitig nicht weiter am Fluss direkt entlang, sondern schnurgerade über das Vorfeld des Flugplatz Mollis. Ein Vertrauen scheinen die hier in die Radfahrer zu haben – das gäbe es zuhause sicher nicht. Große Schilder wiesen darauf hin, dass Flugzeuge Vorrang hätten und man an einem blau markierten Rad-Rollhalt auf Querverkehr Acht geben und gegebenenfalls warten solle. Leider war kein Flugverkehr am Boden in Sicht, so radelten die beiden unspektakulär weiter und kamen schließlich im schnuckeligen und übermäßig viel mit Kerzen dekorierten AirBnB für die Nacht an. Aufgrund der begrenzten Auswahl in Oberurnen gab es für beide noch Yufka-artige Dinge im Garten des AirBnBs, dann fielen sie erschöpft ins Bett – fortan kennt man beide unter „PPPP“ – PragelPassPanikPezwingerinnen!

Tag 2 – Klausenpass – Hopp Schwitz! Von Oberurnen nach Klausenpasshöhe: 50km & 1504hm
Tag zwei begann mit sehr reichlichem Frühstück im Garten des AirBnBs, das sich unter Anderem aufgrund der riesigen Portion hausgemachtem Bircher Müsli neben den anderen Leckereien sehr gut als Grundlage für den Klausenpass eignete. Allerdings wurde hierbei auch der eigentlich anvisierte Kaffeestopp in Glarus (aufgrund des Ankommen-Wollens gestern wurde dieser auf den folgenden Vormittag verschoben) obsolet.

So rollten sie die ersten 25 km des Tages wiederum zuerst am bereits bekannten Radweg neben der Linth entlang – hielten brav am Rollhalt, um einen Helikopter starten zu lassen – und folgten weiter der Linth bzw. der parallel verlaufenden Bundesstraße bis ins gleichnamige Linthal.


Der ursprüngliche Plan war vor dem ersten Teil des Klausenpassanstiegs (dieser teilte sich fast gleichmäßig in eine obere und eine unter Hälfte, die vom Dorf Urnerboden mittig unterbrochen wird) noch einen ersten Stopp einzulegen und nochmal etwas zu essen. Überraschenderweise fanden sie bereits nach Kilometer 22 in Betschwanden ein hübsches Cafe. Das „Zirkusbeizli“ wartete, zu einem stationären Zirkus und Ferienlager gehörend, mit einem Selbstbedienungscafe in einem Zirkuswagen und zugehörigen sich auf einem langsam drehenden Karussell befindenden großen Ohrensesseln auf. So nahmen die beiden mit zwei Limos und zwei Eis auf ebenjenen Sesseln Platz und beobachteten – sich angenehm langsam drehend – den uralten Zirkushund, der scheinbar öfter versuchte, sich am Karussell verknotend aufzuhängen dabei, wie er wieder entknotet wurde. Ein bisschen verstörend war das schon – aber wer kann schon von sich behaupten, einmal Kaffee auf einem bequemen Sessel auf einem Karussell getrunken zu haben? Das macht schon viel wieder wett. Auch einen dezent suizidalen Zirkushund.


Ein paar wenige Kilometer weiter wartete ab Linthal der erste Anstieg auf sie. Einige kleine Serpentinen schlängelten sich nach dem Dorf rechter Hand nach oben und sie begannen ob der großen Hitze und der brennenden Sonne von Schatten zu Schatten zu fahren. Bereits hier drängten sich die ersten alten weißen Herren in Oldtimern bzw. Sportwagen auf – diese sollten später nochmal Thema werden und sie tröpfchenweise den gesamten Pass nach oben immer mal wieder überholend begleiten. Spontan tauchte die Autorin (das wollte sie sowieso schon immer mal machen) auch ihren gesamten Kopf in einem Becken mit Wasser am Straßenrand unter, um sich im Anstieg zu kühlen.

Nach sieben ersten Kehren und ca. 700 Höhenmetern erwartete sie die erste flache Passage und Urnerboden. Über eine Kuppe kommend und erstmals wieder beschleunigend zog sich die Straße ca. fünf Kilometer lang zwischen grünen Weiden, kleinen Flussläufen und eingesäumt in die Bergketten rechter und linker Hand dahin. Ein großes Schild kündigte die hiesige „Street Parade“ mit dem Bild einer Kuhherde an. In der Ferne sah man bereits die wenigen Häuser des Dorfs Urnerboden und konnte erahnen, dass die Passstraße dann einer langgezogenen Rechtskurve folgte und rechter Hand über die Berge führen werde.

Nach der ersten Recherche über Google Maps am Morgen waren die beiden noch unentschlossen gewesen, wo sie ihre Mittagsmahlzeit einnehmen wollten: im Gasthaus Sonne Urnerboden (4,4 Sterne bei Google Maps) oder der „Klause Ranch“ (4,2 Sterne). Letztendlich fuhren sie an Ersterem aufgrund des großflächigen Frittiergeruchs vorbei um bei Letzterem festzustellen, dass sie sich die 4,2 Sterne eher weniger erklären konnten. Geplagt von einigen Fliegen setzten sie sich draußen, bestellten Schnitzel mit Pommes und einen Teller Pommes extra für eine ungewiss große Summe an Geld und erhielten zwei Stück Putenfleisch mit seltsamer Soße und zwei Portionen Pommes mit nachgeordertem Ketchup. Während sie aßen (die Pommes waren gut – das Fleisch eher experimentell) zogen langsam Wolken auf. Der Regenradar zeigte sie zwar, wenn sie die bisherige Pace beibehalten sollten, noch sicher vor dem richtigen Regen auf dem Pass ankommend, aber so langsam würden sie gerne los. Leider dauerte das Zahlen etwas länger als erhofft, aber schließlich rollten sie weiter.

Der zweite Teil des Anstiegs sollte sich als wahrhaft schön und idyllisch herausstellen. Obwohl sie erster leichter Nieselregen erwischte, diente dieser eher als Abkühlung. Die Straße schlängelte sich nach den wenigen Häusern von Urnerboden rechterhand in kleinen Serpentinen und großzügigen Kehren den Berg hinauf. Erste Kühe fanden sich – ähnlich dem Timmelsjoch – auf und direkt neben der Straße grasend und aufmunternd läutend. Dabei tat sich vor allem nach der vierten Kehre für ein längeres Stück die Aussicht auf eine Felswand und einen Wasserfall auf. In der langgezogenen Kehre danach hatte jemand ein aufmunterndes „HOPP“ in weiß auf die Felsen neben der Kehre gemalt. Noch fünf Kehren weiter – ein Blick ins Tal und auf die geschafften Höhenmeter schöner als der Andere – und sie erreichten die Passhöhe genau dann als der Regen sich verstärkte.



Zwei von der plötzlich einsetzenden Nässe und dem Regen schon zitternde Rennradfahrer machen noch ein schnelles Passschildbild von beiden, dann freuten sie sich, dass ihre eigene Abfahrt nur 100 Höhen- und ca. 2 Kilometer lang war, bis sie am Klausenpasshotel ankommen sollten. Wie die beiden (beide unabhängig voneinander) auf die Idee gekommen waren, dass ihr Hotel eine Sauna haben sollte, wussten sie leider nicht mehr – aber enttäuschenderweise hatte das Hotel gar keine Sauna. So checkten sie ein und regelten ihre Körpertemperatur nicht in der Sauna, sondern leider nur mit eine heißen Dusche wieder hoch.
Nachdem der Regen nachgelassen hatte, konnten sie ihr Begrüßungsgetränk wieder auf der Terrasse mit Blick Richtung Schwyz/Vierwaldstättersee genießen. Da die Terrasse ebenfalls den direkten Blick auf den hoteleigenen Parkplatz direkt an der Passstraße freigab, ergaben sich einige interessante Beobachtungen: Frenetischer Jubel wurde jedem Mountainbiker gewahr, der rechterhand hinauf geradelt kam. Scheinbar wartete eine Gruppe Mountainbiker am Tisch links von ihnen mit gut gefüllten Weizengläsern auf die Nachzügler ihrer Gruppe.

Neben Jubeln erörterte die Gruppe aber auch auf sympathische schweizer Art und Weise Tatsachen zu einem darauf folgenden seltenen Naturschauspiel: Ein wildes Rudel aus neun Porschefahrern (und einer Fahrerin) tauchte vor dem Hotelparkplatz auf und ging den komplizierten Prozess des Einparkens an. Nachfolgend empfehlen wir das Lied „Porsche fahrn’ mit Christian“ zur Untermauerung der folgenden Beobachtungen. Es gestaltete sich wiefolgt: Zunächst ignorierten die Leittiere die eingezeichneten schrägen Linien auf dem Parkplatz und stellten sich parallel neben die Leitplanke. Da der Rest des Rudels keinen Platz mehr fand, röhrten die Leittiere mit ihren Motoren nacheinander laut auf und fuhren einige wenige Meter weiter nach oben. Als jedoch auch dann noch nicht alle Tiere Platz fanden, entstand ein wildes Gemenge, wobei ein Tier nach dem anderen röhrend ob der Steigung der Straße losfuhr, auf ebenjener wendete und rückwärts schräg neu einparkte. Dabei zeigte sich, dass nicht unbedingt die Leittiere diesen Prozess am schnellsten oder leisesten beschlossen – einige Tiere brauchten bis zu zehn Minuten für das komplizierte Wende-Balz(?)-Ritual.


Sowohl der Mountainbike-Nebentisch, als auch Anna und die Autorin genossen das Balzritual der Porsches und staunten aber nicht schlecht, als aus jedem der Autos eine unnötig große und sicher auch unnötig teure Ledertasche gehieft wurden – das Naturschauspiel sollte sie also abends und am nächsten Morgen weiter begleiten.
Neben dem Schauspiel ergab sich die Frage, wie die beiden morgen fahren wollten und ob es wirklich die lange Orbit-Route sein sollte. Mit Hilfe von Strava, Komoot und einer MTB-Karte besprachen sie diverse mögliche Routenoptionen, wobei sich schlussendlich ergab, dass sie morgen spontan schauen wollten, auf wie viel sie Lust hatten. Was schon einmal ganz klar war: Es sollte keinesfalls die Teerstraße werden, die die Porsche-Christians sicher auch benutzen würden.
Zum Abendessen begrüßte ein leicht übermotivierter Kellner und geleitete die beiden zu einem leider fest zugeteilten Tisch – dabei wollten sie doch weiter eine Porscherudel-Feldstudie betreiben! Das Rudel war aber leider ganz am anderen Ende des Gastraumes an einer langen Tafel versammelt. So blieb es nur Anna (die Autorin saß mit dem Rücken zu allen anderen Tischen) der Autorin von einem seltsamen Paar zu berichten, dessen weibliche Hälfte wie das Zebra aus Madagaskar wirkte und dessen männliche Hälfte ganz und gar unbeteiligt war. Insgesamt erschien es wie ein sehr gequältes date-artiges Abendessen, wobei das Zebra immer mehr Worte, Mimik und Gestik auffuhr und ihr Partner immer mehr gequälter in sich zusammensank. Noch wussten sie nicht, dass ihnen die Feldstudie zu den Porsche Christians und deren weiblicher Begleitungen nur bis zum nächsten Morgen beim Frühstück erspart bleiben sollte und sie froh sein würden, dass sie das Gebrabbel über Schönheits-OPs und reiche Partnerschaften nicht auch das gesamte Abendessen über schon ertragen mussten.
Den Abend beschlossen sie mit einem kitschigen rosa Sonnenuntergang vor Alpenkulisse, den auch ein eigens eingefahrener Fotograf sich nicht nehmen ließ (zum Porsche-Bilder machen natürlich). Lustigerweise war auch ebenjener Fotograf der erste, den sie am nächsten Morgen nach dem Aufstehen wahrnahmen, als sie den Sonnenaufgang aus ihrem Hotelfenster genießen wollten. Er ging bereits seiner natürlichen Bestimmung nach: Porsches fotografieren.

Tag 3 – Graveln am Klausenpassgrat von Klausenpasshöhe nach Altdorf: 33km & 725hm
Zum Frühstück begrüßte sie ein (zunächst) erbauender Anblick: Ihr Tisch war direkt neben dem Porsche-Rudel angesiedelt. Schnell zeigte sich jedoch, dass die Gesprächsinhalte des Rudels alles andere als moralisch erbaulich waren und sie sich neben Schönheits-OPs und finanziellen Paarungs- Möglichkeiten vor allem um die abenteuerlichen frühmorgendlichen Taten eines Leittieres drehten (es verspeiste dabei eine riesige Dose voll mitgebrachten Bircher Müslis), welches angeblich bereits früh den Gipfel hinter dem Haus bestiegen und sich dabei mit einem imposanten Stier gemessen hätte. Es zeigte sich außerdem, dass Porsche-Rudel nicht kompatibel mit Frühstücksbuffets sind. Anna musste zunächst zwei Messer extra organisieren, da auf ihrem sonst komplett gedeckten Tisch ebenjene fehlten. Außerdem verstellten die Porsche-Leittiere heroisch röhrend die Kaffeemaschine, sodass nachfolgend jeder Cappuccino (auch in den korrekten Tassen) über lief. (Man hätte natürlich auch direkt ins Regal neben der Maschine schauen können und einfach die richtige, extra mit „Cappuccino“ beschriftete Tassengröße nutzen können bevor man etwas verstellte, aber das wäre ja zu einfach gewesen), sodass nach einer Beschwerde zwei Kellnerinnen etwas ratlos mit dem Manual der Kaffeemaschine anrücken durften. Auch die letzten Stücke Bananenbrot (ein Schild wies noch auf dieses Angebot hin) wurden von den Kellnerinnen vor dem Rudel gerettet. Es stellte sich jedoch heraus, dass vor allem die Ältere der beiden gar nicht per se grumpy war, sondern nur genervt von dem motorisierten Rudel und noch zwei mal Bananenbrot für freundlich fragende Radlerinnen aus der Küche hervorzaubern konnte.
Der Radeltag startete sonnig und auf Prinzessinnengravel an einer freundlich läutenden Kuhherde vorbei, die gerade nach oben getrieben wurde. Nach kurzer Zeit jedoch wurde die Wegführung etwas uneindeutig und führte zu erstem Frust. Wo sollte es denn da lang gehen? Mitten über das vor ihnen liegende Grundstück? Nach erfolglosen Fragen bei den Bewohnern des Grundstücks kamen den beiden schließlich einige Mountainbiker entgegen und sie entschieden sich dazu den Weg einzuschlagen, von dem diese gekommen kamen. Im Nachfolgenden mäanderte der Weg mit deutlich größeren Steinen bestückt immer wieder durch kleine Flüsse, war kurzfristig steil bergauf und bergab und forderte damit die beiden mit ihren Gravelrädern ganz schön heraus. Sie wurden bergab und in den nassen Kurven immer mutiger, aber bergauf zehrte an den Kräften und verlangte oft ein spontanes Absteigen und Schieben. Hier machte sich der dritte Tag deutlich bemerkbar und es wurde nochmal klar, dass das Graveln mit Gepäck doch deutlich anstrengender als Teer fahren war.




Rückblende zu gestrigen Überlegungen: Bis zu einem gewissen Punkt konnte man jederzeit Höhenmeter abkürzen und relativ direkt nach Flüelen und damit zum Vierwaldstättersee und dem Tagesziel Altdorf abfahren. Nach einigen steilen Serpentinen müsste man sich aber irgendwann entscheiden, ob man der Orbitroute folgen wollte, die erst 1200 Höhenmeter hinunter Richtung Muotathal und dann zwangsweise wieder ca. 700 Höhenmeter hinauf Richtung Sisikon führte, oder ob man diese nicht fahren wollte. Nach den Erlebnissen am Pragelpass war außerdem unklar, inwieweit der Gravel bergauf fahrbar sein würde oder man laufen müsste. Nun befanden sich die beiden an diesem gewissen Punkt und waren sich schnell einig, dass sie keine Abfahrt riskieren wollten, die sie zwangsweise in einen 700 Höhenmeter langen nur schiebbaren Anstieg schicken würde. Die Autorin wollte gerne noch zumindest bis zum höchsten Punkt der Originalroute am Chinzerberg fahren, dort wenden und dann gemeinsam mit Anna nach Flüelen abfahren. Gerade als sie klären wollte, ob es wirklich in Ordnung wäre, wenn Anna kurz Pause machte und die Autorin noch das Stück nach oben fahren würde, erlöste sie aber ein Schild aus den Überlegungen: Der gesamte Wegabschnitt, den der Orbit weiterhin vorgesehen hatte, war sowieso wegen Murgang- und Felssturzgefahr gesperrt. Tja – dann mussten sie wohl leider gemütlich weiter fahren!
Beide fuhren also – nun erleichtert ob der getroffenen (bzw. abgenommenen) Entscheidung, weiter auf einem welligen und flowigen Abschnitt bis zu einer kleinen Hütte am Fleschsee, bei der sie sich etwas zu essen und (wie sollte es anders auch sein) jeweils eine Rivella gönnten. Nach dem Bergsee folgte zunächst eine schön flowige kleine Abfahrt, die perfekt für die beiden Gravelräder war: Nicht zu leicht, aber auch nicht zu schwer, ein paar Wurzeln und kleine Trails beinhaltend. Kurz darauf gab das sowieso an Tag drei dauerhaft vorherrschende Alpenpanorama auch noch den ersten Blick auf den Vierwaldstättersee unter ihnen frei – herrlich!

Nach diesem Genuss wurde es deutlich steiler und die Autorin lernte über mehrere Serpentinen hinweg die Vorteile ihres flachen Lenkers kennen – während sie noch bremsen konnte, verließ Anna die Bremskraft irgendwann in den Fingern, sodass sie zum Schieben übergehen musste. Ironischerweise begrüßte (für die beiden unten) wiederum eine rote Botschaft am Fels diejenigen, die den steilen Weg nach oben fahren wollen mit „Eggberge – Jetzt wird’s holprig!“. Nach einem weiteren kleinen Singletrail und kleineren Wege-Wirrungen fanden sie sich schließlich in Flüelen wieder und radelten weiter bis nach Altdorf zu ihrem Hotel.



Dort konnten sie netterweise schon einchecken, kurz duschen und machten sich dann mit deutlich kleinerem Gepäck wieder auf ins Standbad Flüelen, wo sie die Sonne, den Vierwaldstättersee und zwei Cappuccini in netter Atmosphäre genossen (netterweise ohne von einem Schwan angegriffen zu werden, der eisern eine der beiden Treppen ins Wasser bewachte). So ein schönes Standbad mit See könnte Freiburg sich auch mal zulegen!
Abends gingen sie in Altdorf thailändisch essen und schlenderten noch ein wenig durch das Geburtsstädtchen von Wilhelm Tell. Dabei suchten sie noch einen kleinen Kiosk am Marktplatz auf und Anna beobachtete eine Frau, die schamlos mitten auf dem Platz Pornos auf ihrem Handy schaute, während drei Jugendliche zu jeder vollen Stunde (leicht schief) drei Alphörner spielten.

Zuletzt buchten die beiden nach längerem Hin und Her noch den morgigen Zug um – eigentlich wollten sie von Altdorf nach Luzern fahren, aber es war ein heftiges Gewitter angekündigt, das selbst eine Fährfahrt mit den Rädern über den See als Backup-Lösung unwahrscheinlich machte. Ingesamt sollte sich dies als gute Lösung herausstellen, denn nicht nur die Bar unter ihrem stickigen Hotelzimmer war so laut, dass sie ständig wieder aufwachten, auch die Alphörner spielten pflichtbewusst (?) und immer betrunkener bis tief in die Nacht stündlich Wilhelm Tell ein weiteres Ständchen, sodass die Nacht nicht gerade viel erholsamen Schlaf hergab.
Tag 4 – Regen in Altdorf und baden: 9km & 58hm
Bereits beim Frühstückskaffee begann es zu nieseln und so stellte sich bereits morgens der neue Plan – von Altdorf aus heimfahren, in Ruhe frühstücken und nochmal in den See zu hüpfen – als sehr passend heraus. Nach einem kleinen Besuch bei den Badeinseln ganz im Süden des Vierwaldstättersees und dessen Anwohnern – einer süßen Entenfamilie – verabschiedeten sich die beiden von Altdorf und genossen müde die Heimfahrt nach Freiburg um einige Abenteuer reicher.




