• Schweizer Pässe mit Anna 2024

    Auf den Spuren des Final Flare Orbits

    Nach dem erfolgreichen Mallorca Urlaub fragte Anna, ob wir nicht die Schweiz vom Zuhause ihrer Eltern aus in Einsiedeln bikepackend erkunden wollen. Nur wir beide und unsere Gravelräder. So fand sich die Autorin eine Whatsapp-Nachricht später mit einem Link zum „Final Flare“ Orbit und der Frage konfrontiert, ob man diesen nicht in ein drei- bis viertägiges Bikepacking-Abenteuer abwandeln könnte? Eine Stunde später sollte Anna wiederum ein vielsagendes Bild eines großen Bildschirms erreichen – links die Originalroute des Orbits auf Komoot – rechts die „entschärfte“ Variante nach längerer Recherche zu Pragel- sowie Klausenpass und Hotelmöglichkeiten in dem Wissen, dass sie einen Pragelpasstod sterben, aber sie dafür von Annas Eltern aus losfahren und ein tolles Hotel oben am Klausenpass erwischen könnten. Netterweise entschied sich auch die Schweizer Bahn dazu neuerdings über die deutsche App buchbar zu werden und so war schon einige Monate vor der Reise alles beschlossene Sache und es mussten keine Faultiere am Bahnhof beschworen werden um Bahntickets zu erhalten. Die Routenplanung sollte vom bEvW und Gandalf vorher belächelt werden – die Seite des Pragelpasses würden sie beide ja nur in einem Alptraum freiwillig hochfahren – und so packten Anna und die Autorin Dienstagabend bzw. Mittwochvormittag nicht nur die wirklich essentiellen Dinge in ihre Radtaschen, sondern nahmen auch eine inzwischen augewachsene Pragelpasspanik mit zum Bahnhof Freiburg.

    Exkurs: Pragelpasspanik, die – quaeldich.de: „Ambitionierte Radler nehmen den Anstieg von Hinterthal in Angriff. Die Steigung in der unteren Hälfte ist vergleichbar mit der des gefürchteten Mortirolos, denn kilometerlang sind dauerhafte Steigungswerte im zweistelligen Prozentbereich mit vereinzelten Spitzen von 15 bis 18 % zu erklimmen. Keine Pausen, keine Flachstücke! Wer dieses ca. 6 km lange Monsterstück überwunden hat fährt die restlichen Kilometer bis zur Passhöhe fast spielerisch. Vergeblich sucht man nach einem richtigen Passschild und wirft sich somit schnell in die Abfahrt, welche im oberen Teil annähernd so steil wie die Auffahrt ist. Entlang des Klöntaler Sees fährt man 5 km flach und kommt so nach Glarus.
    Der Pass ist für Normalradler eine echte Herausforderung, und wer absteigt, muss sich daher nicht schämen. Dieser einspurige Pass ist der Hammer! Er ist erbarmungslos, nur Schattenspenden kann er, denn durch tiefen Wald sieht man seine gewonnene Höhe nicht einmal. Ansonsten wird dem Radler nichts und zwar gar nichts geschenkt. Wer den Pragelpass nicht fahren muss, sollte es lassen. Mehr gibt es nicht zu erzählen.

    Anreisetag (Tag 0) – Einsiedeln: 3km & 40hm

    Entgegen des letzten Blogeintrags gestaltete sich die Anreise zu diesem Abenteuer weniger abenteuerlich. Obgleich die Autorin Anna nicht glauben wollte, dass drei Minuten geplante Umstiegszeit mit den Rädern klappen kann, wurde sie noch immer besagten Zug mehrmals belächelt (zu Recht) und darauf hingewiesen, dass man sich in der Schweiz befände und es wirklich kein Problem sein wird. Und siehe da? Die gesamte Anreise bestätigte sich als einfach und entspannt – kein Vergleich zur Sprinteinlage in Basel SBB noch vor fünf Tagen. In Einsiedeln erwartete die beiden für einen Mittwochabend recht reges Treiben und so konnten sie mit Glück noch einen Platz für Aperitif und Pizza im Vorbereich einer Pizzeria ergattern, die sich zu Beginn des s.g. Welttheaters spontan entleerte.

    Nach der famosen Pizza und gestärkt durch einen ersten Aperol rollten die beiden vorbei am Welttheater und der Klosterschulanlage entspannt auf die erste Alpenidylle der Reise zu: Auf der gut geteerten Straße bergab taten sich linksseitig der durch die letzte Abendsonne beschienene Sihlsee, rechts einzelne Häuser und geradeaus die Berge der Alpen auf.

    Der Abend wurde beschlossen mit einer ersten Partie Karten und kurzem Austausch über das Packen der Taschen und den potentiellen Snacks – vor allem aber der Vornahme, den Pragelpasspaniktag morgen mit einer Runde Schwimmen im See zu beginnen. Außerdem durfte sich die Autorin für den bEvW noch ein Mitbringsel mitnehmen: Ein handgedrechselter Kreisel von Annas Papa.

    Tag 1 – Ibergeregg & Pragelpass(panik) von Einsiedeln nach Oberurnen: 79km & 1632hm

    Gefrühstückt wurde am ersten Tag mit Ausblick auf See und Berge in der Morgensonne. Um direkt ausprobieren zu können wie gut Bikinis auf den Arschraketen trocknen, sprangen beide noch in den Sihlsee und genossen kurz die menschenleere Weite des Wassers und die Alpenidylle. Außerdem wurde erstmals die extra grammsparende kleine JBL Go Box mit dem Wahoo Musik Feature gepaart genutzt und Meutes „Sail“ als das Lied des Urlaubs auserkoren. Bei einem zweiten Kaffee wurde noch kurz diskutiert, welche von der Frühstücksterrasse aus sichtbaren Berge heute erklommen werden und dass man den Pragelpass im Zweifel ja auch hochwandern könne. Spoiler: Wie Recht der Quäldich.de Autor doch hatte!

    Aber zuerst stand das Ibergeregg an. Gepackt war schnell und so verließen beide das neue Wunsch-Feriendomizil der Autorin und traten den ersten Anstieg an. Zunächst zog sich die Straße von Einsiedeln hin durch Unteriberg und Oberiberg. Bereits vor Oberiberg wurde die Autorin gewarnt, dass es nun eine kleine Zwischenabfahrt bzw. ein eher ebenes Stück gäbe, sie aber bald in Oberiberg rechts abbiegen müssten und dann ein recht steiler Stich käme. Obgleich der Warnung Annas mit diesen genauen Angaben verschaltete sich die Autorin bei ebenjener Abbiegung natürlich prompt. Sie wollte dann auch sehr spontan und mit viel Nachdruck ihren Umwerfer nach unten benutzen und… naja, dann verabschiedete sich leider ebenso spontan die Federung im Schalthebel. Mist. So standen sie also (schon seit Albstadt gestaltete sich das Umwerfen etwas hakelig) am Beginn des ersten richtigen Anstiegs des Tages in Oberiberg und beschlossen: Selbst ist die Frau – wofür haben sie denn schließlich das ganze Werkzeug dabei? Aber es half alles beherztes Schrauben nichts, nach Abschrauben des Bremshebels und Aufschrauben des Schalthebels konnte nur resignierend festgestellt werden, dass sich in Letzterem Teile bewegten, die sich sicher nicht bewegen sollten. Also alles wieder angeschraubt und mit Lockerung des Seilzugs einmal (und für immer) auf das kleine Ritzel geschaltet. Man musste ja sowieso nur bergauf fahren – und bergab war man sicher schnell zu schnell um die großen Gänge benutzen zu könnten. Gut, dass sie keine Tour mit längeren flachen Passagen geplant hatten. Was aber bis heute ein Rätsel blieb, ist der E-Biker, der kurz nach der Panne interessiert gegenüber auf einer Bank Platz nahm und sie aufmerksam beobachtete – hätte er seine Hilfe noch angeboten oder war er einfach nur fasziniert? Man weiß es nicht und wird es nie erfahren…

    Der tatsächliche Anstieg zum Ibergeregg gestaltete sich genauso problemlos und landschaftlich schön, wie die Erzählungen des bEvWs, Gandalfs und die Beschreibung von quaeldich.de es vermuten ließen: Bei bestem Wetter nahmen die beiden Kurve um Kurve und tauchten ab in die Schönheit der schweizer Alpenfauna am Wegesrand. Wiederum fällt der Autorin keine treffendere Beschreibung als „schweizer Alpenidylle“ ein. Oben angekommen tranken sie eine erste Limo/Rivella (musste sein – schließlich hatten sie auch die Maus-Limo-Socken an) und ließen einen Passanten das erste Passschildbild der Tour von ihnen machen.

    Die Abfahrt folgte kurz einer größeren Straße und wartete mit einer Tunnelumfahrung für Radfahrer auf (linksseitig des Tunnels, direkt an den Felsen auf einem Gitter – aber man sei ja in der Schweiz, merkte Anna an, da sei sowas schon sicher gebaut – viel hinunterschauen beim Radeln wollte die Autorin trotzdem nicht), und bog schließlich auf eine kleinere Verbindungsstraße vorbei an ein paar Bauernhöfen und hinunter Richtung Illgau ins Muotathal ab.

    Ab der Straße unterhalb von Illgau folgten die beiden erstmals der Originalroute des Orbits das Muotathal nach hinten. Da der originale Final Flare Orbit von Schwyz aus über Pragelpass, Klausenpass und einiges Gegravel wieder nach Schwyz zurück führt, Annas Eltern aber eben in Einsiedeln leben und das Ibergeregg zwischen Einsiedeln und Muotathal lag, wurde dieses zusätzlich eingebaut. Sie trafen auf eine Route, die sie selbst sicher nicht so schön hätten bauen können – ein kleiner Singletrail führte direkt rechts neben einem Fluss (der Muota) entlang, dem sie eine Weile bis ins gleichnamige Dorf Muotathal folgen durften. Schließlich pausierten sie an einem kleinen Renterbänkchen (das Rentnerbänkchen nebenan wurde sogleich von zwei netten Omas besetzt) in Stalden und harrten – snackend – der Dinge, die da kommen mögen. Der Anstieg. Der Pragelpass. Die Pragelpasspanik.

    An dieser Stelle möchte die Autorin kurz an den Exkurs zur Pragelpasspanik ein Kapitel vorher erinnern: „Wer den Pragelpass nicht fahren muss, sollte es lassen.“ Kurz nach der Weiterfahrt ertönte bereits der Wahoo unheilvoll: Anstieg! Er zeigte ein ebenso unheilvolles orangenes, rotes und tiefrotes Höhenprofil an. 950 Höhenmeter galt es also zu bewältigen, wobei auf dem Profil ca. drei Viertel davon dem eben beschriebenen Farbprofil entsprachen. Oben sollte es besser werden, sagte quaeldich.de – noch konnten die beiden nicht ahnen (wenn sie sich die Route vorher besser angesehen hätten natürlich schon – das taten sie aber nicht), dass die Route des Orbits aber just dann ins Graveln wechseln sollte, wenn die Teerstraße angenehmer wurde.

    Aber gut – zurück zum Beginn des Anstiegs: Der Pragelpass begrüßte mit deutlich über zwölf Prozent Steigung. Schon zuvor wurde geklärt: Die Autorin würde solange wie möglich achtern (sie hasste wandern). Anna war eher früher als später in der Schiebefraktion zu finden. Und genau dies taten sie auch. Hin und wieder wurde aufeinander gewartet, sich gemeinsam wartend über die drei Jugendlichen mit den stinkenden und deutlich überhitzenden kleinen Mopeds geärgert, die die beiden immer wieder überholten, ihre Motoren abkühlen ließen, nur um die beiden dann erneut in gefolgt von ihren stinkenden Wolken zu überholen. Außerdem wurden gegenseitig ironische Bilder von schwitzenden, quälend lächelnden Grimassen auf dem Rad gemacht. Die Straße lag sehr idyllisch, war aber auch entsprechend schmal, sodass Begegnungen mit Autos (von oben kommend oder von unten überholend) gleichermaßen eng ausfielen. Auch die Motorradfahrer teilten sich in die Fraktion der nett und aufmunternd-anerkennend Nickenden oder der böse Starrenden, da wir doch beim Achtern das effektive Kurven schneiden behinderten.

    Etwa nach zwei Drittel des Teer-Anstiegs wurde die Quälerei recht jäh durch eine entgegen kommende Horde Traktoren mit Anhängern unterbrochen, die fröhlich hintereinander zockelnd ihre Bremsen glühen ließen. An einer der wenigen Stellen, an denen die Straße etwas breiter war, sammelte sich die Traktorenmeute, bevor sie weiterzog. Der Tross war faszinierend zu beobachten und ein perfekter Grund für eine lange Pause, bevor unsere tapferen Heldinnen die Strecke bergauf fortsetzten. Immerhin konnten nun eine Weile keine Autofahrer von hinten kommen.

    Unweit höher entdeckten sie ein Haus und hofften auf eine Wasserquelle – das Wasser reichte zwar noch aus, aber ein Refill würde nicht schaden. Neben der vermeintlichen (leider nicht zugänglichen) Wasserquelle saß die Pragelpassfamilie – eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und zwei Töchtern, die ebenfalls mit den Rädern samt Anhänger den Pass bezwangen und gerade fröhlich picknickten. Unsere beiden Heldinnen staunten nicht schlecht (schweizer Familien sind einfach krasser) ob der guten Laune der beiden Teenagermädchen und den Muskeln aller.

    Ihre Fahrt fortsetzend erreichten sich rasch dann das vom Orbit eingeplante Gravelstück. Zunächst freuten sie sich – es war flacher, der Gravel hatte eine Neigung zum Prinzessinnendasein und der Gravelweg folgte einem Fluss linksseitig, der malerisch in einen Wasserfall überging. Die Freude war aber leider nur von kurzer Dauer – wenig später (aber zu spät um wenden zu wollen und doch die komplette Teerstraße zu nehmen) zog sich der Weg deutlich steiniger, in einem welligen Bergauf zwischen Kuhweiden dahin. Immer wieder hofften die beiden auf die versprochene Einkehrmöglichkeit, mussten aber dann doch enttäuscht feststellen, dass die Essensgerüche von privaten kleinen Hütten am Wegesrand herrührten. Nach einer sehr gülleträchtigen Kuhausweichaktion kamen erste Serpentinen in Sichtweite. Oh Gott! Die waren nun wirklich nicht mehr zu fahren – hier musste definitiv geschoben werden. Der geneigte Leser erinnert sich: Die Autorin hasst wandern. Erst recht, wenn sie nach 1400 bereits absolvierten Höhenmetern noch mit ihrem bepackten Rad wandern soll. Anna motivierte sie nach Kräften und zwang sie bei einer kleinen Pause in einer Schutzhütte mindestens eine halbe Packung Katjes Wonderland Gummibärchen zu inhalieren. Das half zumindest insoweit, als dass die Autorin sich freiwillig weiter fortbewegte. Und dann – endlich – nach einer gefühlten Ewigkeit des Wanderns wurde ein unscheinbares Gipfelkreuz bergauf am Horizont sichtbar. Vor diesem entstand noch ein ironisches Bild, das zeigen sollte, was die beiden vom letzten Teil dieses Anstiegs hielten (wenig). Dann rollten sie noch bergab zum Gasthof auf der Passhöhe.

    Der Gasthof wartete mit zwei Limos (natürlich), einer geteilten Portion Älpler Magronen, einem geteilten Eis-Apfel-Dessert und zwei neugierigen Ziegen auf. Außerdem erwarb Anna (im Platz- und Gewichtsbudget waren diese praktischerweise drin) noch ein Paar Ohrringe, die sie für immer an die Pragelpasspanik erinnern können. Endlich geschafft!

    Weiterhin auf dem Plan stand die Abfahrt über eine kleine und ruhige, aber gut geteerte Straße hinunter zum Klöntalersee und linker Hand an diesem vorbei. Während man bei der Auffahrt auf den Pass recht wenig Alpenidylle genießen konnte, machte die Abfahrt wieder einiges wett und gewann deutlich in den Landschaftspunkten, spätestens als die Straße den Blick auf den Klöntalersee unten und die rechts und links verteilten Berge freigab. Am Seeufer angekommen wurde eine Badepause zugunsten eines früheren Abendessens verworfen aber dennoch der Seeblick noch kurz genossen. Dann radelten sie das letzte Stück nach Glarus und über einen kleinen, ebenfalls gut ausgebauten Radweg am Fluss (Linth) entlang nach hinten Richtung Oberurnen. Erstaunlicherweise führte der neu ausgebaute Radweg sie kurzzeitig nicht weiter am Fluss direkt entlang, sondern schnurgerade über das Vorfeld des Flugplatz Mollis. Ein Vertrauen scheinen die hier in die Radfahrer zu haben – das gäbe es zuhause sicher nicht. Große Schilder wiesen darauf hin, dass Flugzeuge Vorrang hätten und man an einem blau markierten Rad-Rollhalt auf Querverkehr Acht geben und gegebenenfalls warten solle. Leider war kein Flugverkehr am Boden in Sicht, so radelten die beiden unspektakulär weiter und kamen schließlich im schnuckeligen und übermäßig viel mit Kerzen dekorierten AirBnB für die Nacht an. Aufgrund der begrenzten Auswahl in Oberurnen gab es für beide noch Yufka-artige Dinge im Garten des AirBnBs, dann fielen sie erschöpft ins Bett – fortan kennt man beide unter „PPPP“ – PragelPassPanikPezwingerinnen!

    Tag 2 – Klausenpass – Hopp Schwitz! Von Oberurnen nach Klausenpasshöhe: 50km & 1504hm

    Tag zwei begann mit sehr reichlichem Frühstück im Garten des AirBnBs, das sich unter Anderem aufgrund der riesigen Portion hausgemachtem Bircher Müsli neben den anderen Leckereien sehr gut als Grundlage für den Klausenpass eignete. Allerdings wurde hierbei auch der eigentlich anvisierte Kaffeestopp in Glarus (aufgrund des Ankommen-Wollens gestern wurde dieser auf den folgenden Vormittag verschoben) obsolet.

    So rollten sie die ersten 25 km des Tages wiederum zuerst am bereits bekannten Radweg neben der Linth entlang – hielten brav am Rollhalt, um einen Helikopter starten zu lassen – und folgten weiter der Linth bzw. der parallel verlaufenden Bundesstraße bis ins gleichnamige Linthal.

    Der ursprüngliche Plan war vor dem ersten Teil des Klausenpassanstiegs (dieser teilte sich fast gleichmäßig in eine obere und eine unter Hälfte, die vom Dorf Urnerboden mittig unterbrochen wird) noch einen ersten Stopp einzulegen und nochmal etwas zu essen. Überraschenderweise fanden sie bereits nach Kilometer 22 in Betschwanden ein hübsches Cafe. Das „Zirkusbeizli“ wartete, zu einem stationären Zirkus und Ferienlager gehörend, mit einem Selbstbedienungscafe in einem Zirkuswagen und zugehörigen sich auf einem langsam drehenden Karussell befindenden großen Ohrensesseln auf. So nahmen die beiden mit zwei Limos und zwei Eis auf ebenjenen Sesseln Platz und beobachteten – sich angenehm langsam drehend – den uralten Zirkushund, der scheinbar öfter versuchte, sich am Karussell verknotend aufzuhängen dabei, wie er wieder entknotet wurde. Ein bisschen verstörend war das schon – aber wer kann schon von sich behaupten, einmal Kaffee auf einem bequemen Sessel auf einem Karussell getrunken zu haben? Das macht schon viel wieder wett. Auch einen dezent suizidalen Zirkushund.

    Ein paar wenige Kilometer weiter wartete ab Linthal der erste Anstieg auf sie. Einige kleine Serpentinen schlängelten sich nach dem Dorf rechter Hand nach oben und sie begannen ob der großen Hitze und der brennenden Sonne von Schatten zu Schatten zu fahren. Bereits hier drängten sich die ersten alten weißen Herren in Oldtimern bzw. Sportwagen auf – diese sollten später nochmal Thema werden und sie tröpfchenweise den gesamten Pass nach oben immer mal wieder überholend begleiten. Spontan tauchte die Autorin (das wollte sie sowieso schon immer mal machen) auch ihren gesamten Kopf in einem Becken mit Wasser am Straßenrand unter, um sich im Anstieg zu kühlen.

    Nach sieben ersten Kehren und ca. 700 Höhenmetern erwartete sie die erste flache Passage und Urnerboden. Über eine Kuppe kommend und erstmals wieder beschleunigend zog sich die Straße ca. fünf Kilometer lang zwischen grünen Weiden, kleinen Flussläufen und eingesäumt in die Bergketten rechter und linker Hand dahin. Ein großes Schild kündigte die hiesige „Street Parade“ mit dem Bild einer Kuhherde an. In der Ferne sah man bereits die wenigen Häuser des Dorfs Urnerboden und konnte erahnen, dass die Passstraße dann einer langgezogenen Rechtskurve folgte und rechter Hand über die Berge führen werde.

    Nach der ersten Recherche über Google Maps am Morgen waren die beiden noch unentschlossen gewesen, wo sie ihre Mittagsmahlzeit einnehmen wollten: im Gasthaus Sonne Urnerboden (4,4 Sterne bei Google Maps) oder der „Klause Ranch“ (4,2 Sterne). Letztendlich fuhren sie an Ersterem aufgrund des großflächigen Frittiergeruchs vorbei um bei Letzterem festzustellen, dass sie sich die 4,2 Sterne eher weniger erklären konnten. Geplagt von einigen Fliegen setzten sie sich draußen, bestellten Schnitzel mit Pommes und einen Teller Pommes extra für eine ungewiss große Summe an Geld und erhielten zwei Stück Putenfleisch mit seltsamer Soße und zwei Portionen Pommes mit nachgeordertem Ketchup. Während sie aßen (die Pommes waren gut – das Fleisch eher experimentell) zogen langsam Wolken auf. Der Regenradar zeigte sie zwar, wenn sie die bisherige Pace beibehalten sollten, noch sicher vor dem richtigen Regen auf dem Pass ankommend, aber so langsam würden sie gerne los. Leider dauerte das Zahlen etwas länger als erhofft, aber schließlich rollten sie weiter.

    Der zweite Teil des Anstiegs sollte sich als wahrhaft schön und idyllisch herausstellen. Obwohl sie erster leichter Nieselregen erwischte, diente dieser eher als Abkühlung. Die Straße schlängelte sich nach den wenigen Häusern von Urnerboden rechterhand in kleinen Serpentinen und großzügigen Kehren den Berg hinauf. Erste Kühe fanden sich – ähnlich dem Timmelsjoch – auf und direkt neben der Straße grasend und aufmunternd läutend. Dabei tat sich vor allem nach der vierten Kehre für ein längeres Stück die Aussicht auf eine Felswand und einen Wasserfall auf. In der langgezogenen Kehre danach hatte jemand ein aufmunterndes „HOPP“ in weiß auf die Felsen neben der Kehre gemalt. Noch fünf Kehren weiter – ein Blick ins Tal und auf die geschafften Höhenmeter schöner als der Andere – und sie erreichten die Passhöhe genau dann als der Regen sich verstärkte.

    Zwei von der plötzlich einsetzenden Nässe und dem Regen schon zitternde Rennradfahrer machen noch ein schnelles Passschildbild von beiden, dann freuten sie sich, dass ihre eigene Abfahrt nur 100 Höhen- und ca. 2 Kilometer lang war, bis sie am Klausenpasshotel ankommen sollten. Wie die beiden (beide unabhängig voneinander) auf die Idee gekommen waren, dass ihr Hotel eine Sauna haben sollte, wussten sie leider nicht mehr – aber enttäuschenderweise hatte das Hotel gar keine Sauna. So checkten sie ein und regelten ihre Körpertemperatur nicht in der Sauna, sondern leider nur mit eine heißen Dusche wieder hoch.

    Nachdem der Regen nachgelassen hatte, konnten sie ihr Begrüßungsgetränk wieder auf der Terrasse mit Blick Richtung Schwyz/Vierwaldstättersee genießen. Da die Terrasse ebenfalls den direkten Blick auf den hoteleigenen Parkplatz direkt an der Passstraße freigab, ergaben sich einige interessante Beobachtungen: Frenetischer Jubel wurde jedem Mountainbiker gewahr, der rechterhand hinauf geradelt kam. Scheinbar wartete eine Gruppe Mountainbiker am Tisch links von ihnen mit gut gefüllten Weizengläsern auf die Nachzügler ihrer Gruppe.

    Neben Jubeln erörterte die Gruppe aber auch auf sympathische schweizer Art und Weise Tatsachen zu einem darauf folgenden seltenen Naturschauspiel: Ein wildes Rudel aus neun Porschefahrern (und einer Fahrerin) tauchte vor dem Hotelparkplatz auf und ging den komplizierten Prozess des Einparkens an. Nachfolgend empfehlen wir das Lied „Porsche fahrn’ mit Christian“ zur Untermauerung der folgenden Beobachtungen. Es gestaltete sich wiefolgt: Zunächst ignorierten die Leittiere die eingezeichneten schrägen Linien auf dem Parkplatz und stellten sich parallel neben die Leitplanke. Da der Rest des Rudels keinen Platz mehr fand, röhrten die Leittiere mit ihren Motoren nacheinander laut auf und fuhren einige wenige Meter weiter nach oben. Als jedoch auch dann noch nicht alle Tiere Platz fanden, entstand ein wildes Gemenge, wobei ein Tier nach dem anderen röhrend ob der Steigung der Straße losfuhr, auf ebenjener wendete und rückwärts schräg neu einparkte. Dabei zeigte sich, dass nicht unbedingt die Leittiere diesen Prozess am schnellsten oder leisesten beschlossen – einige Tiere brauchten bis zu zehn Minuten für das komplizierte Wende-Balz(?)-Ritual.

    Sowohl der Mountainbike-Nebentisch, als auch Anna und die Autorin genossen das Balzritual der Porsches und staunten aber nicht schlecht, als aus jedem der Autos eine unnötig große und sicher auch unnötig teure Ledertasche gehieft wurden – das Naturschauspiel sollte sie also abends und am nächsten Morgen weiter begleiten.

    Neben dem Schauspiel ergab sich die Frage, wie die beiden morgen fahren wollten und ob es wirklich die lange Orbit-Route sein sollte. Mit Hilfe von Strava, Komoot und einer MTB-Karte besprachen sie diverse mögliche Routenoptionen, wobei sich schlussendlich ergab, dass sie morgen spontan schauen wollten, auf wie viel sie Lust hatten. Was schon einmal ganz klar war: Es sollte keinesfalls die Teerstraße werden, die die Porsche-Christians sicher auch benutzen würden.

    Zum Abendessen begrüßte ein leicht übermotivierter Kellner und geleitete die beiden zu einem leider fest zugeteilten Tisch – dabei wollten sie doch weiter eine Porscherudel-Feldstudie betreiben! Das Rudel war aber leider ganz am anderen Ende des Gastraumes an einer langen Tafel versammelt. So blieb es nur Anna (die Autorin saß mit dem Rücken zu allen anderen Tischen) der Autorin von einem seltsamen Paar zu berichten, dessen weibliche Hälfte wie das Zebra aus Madagaskar wirkte und dessen männliche Hälfte ganz und gar unbeteiligt war. Insgesamt erschien es wie ein sehr gequältes date-artiges Abendessen, wobei das Zebra immer mehr Worte, Mimik und Gestik auffuhr und ihr Partner immer mehr gequälter in sich zusammensank. Noch wussten sie nicht, dass ihnen die Feldstudie zu den Porsche Christians und deren weiblicher Begleitungen nur bis zum nächsten Morgen beim Frühstück erspart bleiben sollte und sie froh sein würden, dass sie das Gebrabbel über Schönheits-OPs und reiche Partnerschaften nicht auch das gesamte Abendessen über schon ertragen mussten.

    Den Abend beschlossen sie mit einem kitschigen rosa Sonnenuntergang vor Alpenkulisse, den auch ein eigens eingefahrener Fotograf sich nicht nehmen ließ (zum Porsche-Bilder machen natürlich). Lustigerweise war auch ebenjener Fotograf der erste, den sie am nächsten Morgen nach dem Aufstehen wahrnahmen, als sie den Sonnenaufgang aus ihrem Hotelfenster genießen wollten. Er ging bereits seiner natürlichen Bestimmung nach: Porsches fotografieren.

    Tag 3 – Graveln am Klausenpassgrat von Klausenpasshöhe nach Altdorf: 33km & 725hm

    Zum Frühstück begrüßte sie ein (zunächst) erbauender Anblick: Ihr Tisch war direkt neben dem Porsche-Rudel angesiedelt. Schnell zeigte sich jedoch, dass die Gesprächsinhalte des Rudels alles andere als moralisch erbaulich waren und sie sich neben Schönheits-OPs und finanziellen Paarungs- Möglichkeiten vor allem um die abenteuerlichen frühmorgendlichen Taten eines Leittieres drehten (es verspeiste dabei eine riesige Dose voll mitgebrachten Bircher Müslis), welches angeblich bereits früh den Gipfel hinter dem Haus bestiegen und sich dabei mit einem imposanten Stier gemessen hätte. Es zeigte sich außerdem, dass Porsche-Rudel nicht kompatibel mit Frühstücksbuffets sind. Anna musste zunächst zwei Messer extra organisieren, da auf ihrem sonst komplett gedeckten Tisch ebenjene fehlten. Außerdem verstellten die Porsche-Leittiere heroisch röhrend die Kaffeemaschine, sodass nachfolgend jeder Cappuccino (auch in den korrekten Tassen) über lief. (Man hätte natürlich auch direkt ins Regal neben der Maschine schauen können und einfach die richtige, extra mit „Cappuccino“ beschriftete Tassengröße nutzen können bevor man etwas verstellte, aber das wäre ja zu einfach gewesen), sodass nach einer Beschwerde zwei Kellnerinnen etwas ratlos mit dem Manual der Kaffeemaschine anrücken durften. Auch die letzten Stücke Bananenbrot (ein Schild wies noch auf dieses Angebot hin) wurden von den Kellnerinnen vor dem Rudel gerettet. Es stellte sich jedoch heraus, dass vor allem die Ältere der beiden gar nicht per se grumpy war, sondern nur genervt von dem motorisierten Rudel und noch zwei mal Bananenbrot für freundlich fragende Radlerinnen aus der Küche hervorzaubern konnte.

    Der Radeltag startete sonnig und auf Prinzessinnengravel an einer freundlich läutenden Kuhherde vorbei, die gerade nach oben getrieben wurde. Nach kurzer Zeit jedoch wurde die Wegführung etwas uneindeutig und führte zu erstem Frust. Wo sollte es denn da lang gehen? Mitten über das vor ihnen liegende Grundstück? Nach erfolglosen Fragen bei den Bewohnern des Grundstücks kamen den beiden schließlich einige Mountainbiker entgegen und sie entschieden sich dazu den Weg einzuschlagen, von dem diese gekommen kamen. Im Nachfolgenden mäanderte der Weg mit deutlich größeren Steinen bestückt immer wieder durch kleine Flüsse, war kurzfristig steil bergauf und bergab und forderte damit die beiden mit ihren Gravelrädern ganz schön heraus. Sie wurden bergab und in den nassen Kurven immer mutiger, aber bergauf zehrte an den Kräften und verlangte oft ein spontanes Absteigen und Schieben. Hier machte sich der dritte Tag deutlich bemerkbar und es wurde nochmal klar, dass das Graveln mit Gepäck doch deutlich anstrengender als Teer fahren war.

    Rückblende zu gestrigen Überlegungen: Bis zu einem gewissen Punkt konnte man jederzeit Höhenmeter abkürzen und relativ direkt nach Flüelen und damit zum Vierwaldstättersee und dem Tagesziel Altdorf abfahren. Nach einigen steilen Serpentinen müsste man sich aber irgendwann entscheiden, ob man der Orbitroute folgen wollte, die erst 1200 Höhenmeter hinunter Richtung Muotathal und dann zwangsweise wieder ca. 700 Höhenmeter hinauf Richtung Sisikon führte, oder ob man diese nicht fahren wollte. Nach den Erlebnissen am Pragelpass war außerdem unklar, inwieweit der Gravel bergauf fahrbar sein würde oder man laufen müsste. Nun befanden sich die beiden an diesem gewissen Punkt und waren sich schnell einig, dass sie keine Abfahrt riskieren wollten, die sie zwangsweise in einen 700 Höhenmeter langen nur schiebbaren Anstieg schicken würde. Die Autorin wollte gerne noch zumindest bis zum höchsten Punkt der Originalroute am Chinzerberg fahren, dort wenden und dann gemeinsam mit Anna nach Flüelen abfahren. Gerade als sie klären wollte, ob es wirklich in Ordnung wäre, wenn Anna kurz Pause machte und die Autorin noch das Stück nach oben fahren würde, erlöste sie aber ein Schild aus den Überlegungen: Der gesamte Wegabschnitt, den der Orbit weiterhin vorgesehen hatte, war sowieso wegen Murgang- und Felssturzgefahr gesperrt. Tja – dann mussten sie wohl leider gemütlich weiter fahren!

    Beide fuhren also – nun erleichtert ob der getroffenen (bzw. abgenommenen) Entscheidung, weiter auf einem welligen und flowigen Abschnitt bis zu einer kleinen Hütte am Fleschsee, bei der sie sich etwas zu essen und (wie sollte es anders auch sein) jeweils eine Rivella gönnten. Nach dem Bergsee folgte zunächst eine schön flowige kleine Abfahrt, die perfekt für die beiden Gravelräder war: Nicht zu leicht, aber auch nicht zu schwer, ein paar Wurzeln und kleine Trails beinhaltend. Kurz darauf gab das sowieso an Tag drei dauerhaft vorherrschende Alpenpanorama auch noch den ersten Blick auf den Vierwaldstättersee unter ihnen frei – herrlich!

    Nach diesem Genuss wurde es deutlich steiler und die Autorin lernte über mehrere Serpentinen hinweg die Vorteile ihres flachen Lenkers kennen – während sie noch bremsen konnte, verließ Anna die Bremskraft irgendwann in den Fingern, sodass sie zum Schieben übergehen musste. Ironischerweise begrüßte (für die beiden unten) wiederum eine rote Botschaft am Fels diejenigen, die den steilen Weg nach oben fahren wollen mit „Eggberge – Jetzt wird’s holprig!“. Nach einem weiteren kleinen Singletrail und kleineren Wege-Wirrungen fanden sie sich schließlich in Flüelen wieder und radelten weiter bis nach Altdorf zu ihrem Hotel.

    Dort konnten sie netterweise schon einchecken, kurz duschen und machten sich dann mit deutlich kleinerem Gepäck wieder auf ins Standbad Flüelen, wo sie die Sonne, den Vierwaldstättersee und zwei Cappuccini in netter Atmosphäre genossen (netterweise ohne von einem Schwan angegriffen zu werden, der eisern eine der beiden Treppen ins Wasser bewachte). So ein schönes Standbad mit See könnte Freiburg sich auch mal zulegen!

    Abends gingen sie in Altdorf thailändisch essen und schlenderten noch ein wenig durch das Geburtsstädtchen von Wilhelm Tell. Dabei suchten sie noch einen kleinen Kiosk am Marktplatz auf und Anna beobachtete eine Frau, die schamlos mitten auf dem Platz Pornos auf ihrem Handy schaute, während drei Jugendliche zu jeder vollen Stunde (leicht schief) drei Alphörner spielten.

    Zuletzt buchten die beiden nach längerem Hin und Her noch den morgigen Zug um – eigentlich wollten sie von Altdorf nach Luzern fahren, aber es war ein heftiges Gewitter angekündigt, das selbst eine Fährfahrt mit den Rädern über den See als Backup-Lösung unwahrscheinlich machte. Ingesamt sollte sich dies als gute Lösung herausstellen, denn nicht nur die Bar unter ihrem stickigen Hotelzimmer war so laut, dass sie ständig wieder aufwachten, auch die Alphörner spielten pflichtbewusst (?) und immer betrunkener bis tief in die Nacht stündlich Wilhelm Tell ein weiteres Ständchen, sodass die Nacht nicht gerade viel erholsamen Schlaf hergab.

    Tag 4 – Regen in Altdorf und baden: 9km & 58hm

    Bereits beim Frühstückskaffee begann es zu nieseln und so stellte sich bereits morgens der neue Plan – von Altdorf aus heimfahren, in Ruhe frühstücken und nochmal in den See zu hüpfen – als sehr passend heraus. Nach einem kleinen Besuch bei den Badeinseln ganz im Süden des Vierwaldstättersees und dessen Anwohnern – einer süßen Entenfamilie – verabschiedeten sich die beiden von Altdorf und genossen müde die Heimfahrt nach Freiburg um einige Abenteuer reicher.

  • Touren

    Bikepacking:

    2023

    2024

    2025

    • Schwarzwald mit Anna

    Urlaube (ohne Bikepacking):

    2024

    2025

    • Mallorca

    Tagestouren:

    2025

    • Das erste 200er Brevet: Werdenfelser Frauenrundfahrt mit Anna und Kerstin
  • Schlüsselfiguren

    Die Autorin (Hobbit 1, Planerin) und ihre Räder:

    • Tagschatten
    • Mitternachtsschatten
    • Purzel
    • (Willi)

    Der bEvW (Hobbit 2, Fotobeauftragter) und seine Räder:

    • Nachtschatten
    • Knuffi

    Anna (Panoramatour- und Motivationsexpertin) und ihre Räder:

    • Red Dragon
    • (Willi)

    Kerstin (Motivatorin für Großes und rollender Pizzalieferdienst)

    Mathis (Gandalf) und seine Räder:

    • Namenloser Gebrauchsgegenstand 1
    • Namenloser Gebrauchsgegenstand 2

  • Jura Traverse 2024

    Zunächst möchte dieser Blogeintrag sich allerförmlichst für seine Verspätung entschuldigen. Er wird verfasst in der Fast-Off-Saison. Auch genannt: Herbst. Im Falle von 2024 trat dieser recht früh ein, war sehr schnell sehr verregnet und führte damit relativ direkt dazu, dass bereits im September das in Mathis’ Parallelblog gedisste alte (& irgendwie charmante, aber auch zum Stadtrad degradierte und wieder zum Zwift-Rad beförderte) Villiger vom bEvW (für die neuen Leser: bester Ehemann von Welt) im Indoortrainer eingespannt wurde. Die Rennradsaison 2024 endet – die MTB- und Zwift-Saison beginnt. Kaum zu glauben, dass ziemlich genau vor einem Jahr bei bestem Spätsommerwetter in gleicher Kombination (Mathis, bEvW, die Autorin) aus Freiburg in den warmen Ulmer Biergarten gegravelt, draußen bis spät abends beisammen gesessen und auf den Beginn des PanAromaGravels am nächsten Morgen gewartet wurde.

    Aber gut – eigentlich soll es um einen Ausflug im Juli 2024 gehen. Obgleich die Autorin sich aus Selbstwertgründen selten traut mit Mathis gemeinsam zu fahren und dies bereits öfters erfolgreich vermeiden konnte, wurde doch in einem schwachen Moment einst ein Plan geschmiedet: Ein gemeinsames Bikepacken – auf Wunsch des alten weisen Herrn durch das Jura. Die Autorin plante also eine dreitägige Juratraverse – teilweise auf den Spuren der offiziellen Juratraverse, teilweise auch einfach nach Pässen, Komoot-Highlights und Seen. Nach vergeblicher erster Hotelsuche bestimmte auch die schlichte Anwesenheit eines möglichen Hotels den Weg. (Und natürlich – wie sollte es anders sein: Vor jedem Hotel lag noch ein letzter Anstieg des Tages – aber diesmal war es wirklich nicht anders zu planen.)

    Es gab also zweierlei Herausforderung zu meistern: Fahre drei Tage am Stück mit Mathis (fand der Selbstwert bisher nicht so toll) und bestehe unter dem erfahrenen Blick Gandalfs des Weisen ob der von einer unerfahrenen Hobbit geplanten Streckenführung.

    Wer sich außerdem fragt, warum die Autorin und der bEvW nun Hobbits genannt werden und Mathis Gandalf ist, der lese den Parallelblog unter https://mimradldo.wordpress.com/2024/07/23/jura/. (Dieser Blog hat sich nicht an die Regeln gehalten und wurde im Wissen um den Inhalt des anderen Blogs verfasst. Die Autorin gelobt ausdrücklich keine Besserung. Nach genauerer Überlegung (Hobbits bzw. Halblinge haben besonders viel Glück) möchte die Autorin auch ihrem Dasein als Hobbit nicht weiter widersprechen.)

    Tag 1 – „Schuttmanagement“ von Délemont nach La Sagne: 75km & 1586hm

    Für Tag eins waren ursprünglich eine lange und eine kurze Variante geplant worden. Aufgrund des Wetters (und vier von fünf Wetterberichten) war der Autorin leider schon am Morgen klar, dass es eine regnerische Angelegenheit werden würde. Sie plädierte daher früh für die kurze Route. (Außerdem freute sich ihr Selbstwert natürlich insgeheim, dass sie sich – denn sie hatte es selbst in einer heroischen Minute ohne ihren Selbstwert und dessen Veto geplant – nicht bereits am ersten Tag 100km mit 2400hm abverlangen musste).

    Gandalf erwartete die Hobbits zum dritten Teil der achten Stunde am Bahnhof in Basel. Die Hobbits mussten für den ersten Teil ihrer Reise noch eine Kutsche der deutschen Bahn nutzen und so sendeten sie frühzeitig einen Adler, um Gandalf zu warnen, sodass er die zweite Kutsche aufhalten möge, sollten sie zu spät kommen. … Der sportliche Teil der Juratraverse begann also bereits mit der unheilvollen Überlegung: „Wir sind ganz hinten in Wagen 1 – müssen in Wagen 1 – und Basel SBB ist quasi ein Kopfbahnhof“ sowie einem darauf folgenden Vollsprint, sobald der Zug stand und die Türen freigegeben wurden. Die Autorin rannte voraus und versuchte sich hektisch mit dem Rad einen Weg durch die Menge mit Koffern zu bahnen, während der bEvW in seinen Radschuhen hinterherklapperte und schließlich rettend „Zwischentreppe!! – Zwischentreppe rechts!“ rufen konnte. Nach einem erfolgreichen Stürmen der ersten Treppe nach oben, zweimal außerordentlich schnell beiseite springenden Polizisten und einem weiteren Stürmen der zweiten Treppe nach unten winkte Gandalf freundlich aus dem wartenden Zug. In seiner Weisheit (dabei musste er ja gar keinen Sprint hinlegen) hatte er noch seine Straßenschuhe an und zog sich erst im Zug nach Délemont um.

    In Delémont angekommen gab es zunächst eine erfolgreiche Jagd nach Verpflegung für eine Mittagspause auf dem Weg: Die Autorin kaufte belegtes Baguette, der bEvW „etwas Leckeres“ vom Bäcker. Da die Baguettes weder auf der Arschrakete im spätestens nachmittags von der Autorin erwarteten Regen noch in der (von Gandalf zunächst belächelten) durch die Länge der Baguettes zu knapp bemessenen Foodpouch Platz fanden, wurden sie schließlich im (von der Autorin zunächst belächelten) Rucksack Gandalfs verstaut. Um jedem eine angemessene Aufgabe zu geben (die Autorin navigierte, Mathis war weise) wurde der bEvW fortan zum Fotobeauftragten ernannt.

    Los ging es in nicht erwartetem Sonnenschein. Zunächst fuhren sie an den Bahntrassen entlang hinaus aus Delémont, dann begann recht rasch und steil ein erster Anstieg durch den Wald. Während des Anstiegs meldete sich flott der geknickte Selbstwert zu Wort, dass das alles eine ganz ganz große, momentan auch dazu noch sehr steile Schnapsidee gewesen sei und die Autorin selbst ohne Gepäck die Jungs wahnsinnig bremsen werde. Wie hätte sie auch jemals auf die Idee kommen können, so eine große Route mit so vielen Höhenmetern überhaupt zu planen? Selbst wenn es ein überraschend sonniger Tag werden sollte, würde sie sicher nur die kleine Route schaffen können. Unterbrochen wurde dieser düstere Gedankengang dann aber jäh von des bEvWs klingelndem Handy. Und wie manche Hobbits so sind, wenn der Rest ihres Clans anruft, geht er auch noch ran. „Du schnaufst so – ist alles ok?“ „Wir sind gerade Bikepacken im Jura und in einem Anstieg“ „Achso, ja dann – was gibt’s Neues in Freiburg?“ – ein ganz normales Gespräch der Schwiegerfamilie also. Die Autorin krächzte daher kurz Grüße ins Handy (war sowieso auf Lautsprecher – wie sollte es anders sein) und war dann um die Ablenkung und den irritiert-fragenden Blick Gandalfs ob dieser Telefongesprächskultur dankbar.

    Oben angekommen gab der Wald nach einer kurzen Abfahrt den Blick auf das Jura frei. Waren eben in Délemont und auch im Wald noch keine Spuren des Jura Flairs zu erahnen, so zeigte es sich doch an dieser Stelle das erste Mal in seiner ganzen Pracht aus grünen Bergketten. Alle genossen die erste Abfahrt des Tages und die Autorin freute sich auf den zweiten Anstieg – versprachen doch die Komoot-Bilder und der Name „Gorges de la Sorne“ eine Straße, die sich durch Felsen neben einem Fluss wand. Die Gorges enttäuschten nicht und warteten tatsächlich mit einer angenehm leeren Straße auf, der der bEvW als Fotobeauftragter viele schöne Bilder von den beiden Radelnden vor einer felsigen Kulisse aus grau und grün entlocken konnte. Neben der Straße erstreckten sich mit Moos und Farn begrünte Felsen und kleine Wasserfälle säumten den Weg. Auch der Anstieg gestaltete sich durch die schöne Kulisse angenehmer zu fahren und so kamen sie recht bald am Beginn einer Hochebene neben dem Kloster Bellelay an. Hier wurde es Zeit für einen Mittagssnack (zweierlei belegtes Baguette sowie ein dekadentes Himbeertörtchen) und einen genaueren Blick in zumindest zwei der fünf möglichen Wetterapps, die mit Regenradaren ausgestattet waren.

    Nun begann der Teil des Tages, den weise Zauberer nicht ohne Grund als „Schuttmanagement“ bezeichneten. Die schlimmsten Regenfälle sollten eigentlich an der französischen Gräte des Jura hängen bleiben und unsere tapferen Abenteurer damit auf der kürzeren Route nur die Ausläufer abbekommen… Dem geneigten Leser werden der Konjunktiv und die „…“ gerade aber nicht entgangen sein: Nach einer nur kurzen Weiterfahrt rettete die Gruppe sich zunächst in eine Bahnhofshalle. Nach einer längeren Pause begann sie sich immer dann weiter vorzuarbeiten, wenn es nur noch nieselte oder sogar eine kurze Regenpause da war.

    Nach einem weiteren Anstieg in mystischem aufsteigendem Nebel, mit seltsamer Geräuschkulisse (es sollte sich weiter oben als Windrad herausstellen, das im dichten Nebel lange nicht zu erkennen war) und jeder in seinem Tempo fahrend, erreichte die Autorin genau dann das ironische Schild „Mont Soleil“ bevor ebenjene Sonne sich eine ganze Weile nicht mehr blicken lassen sollte und weiterer Regen einsetzte. Auf der Abfahrt entwickelte sich der Nieselregen zu richtigem Regen (fahren wir noch weiter? Wir fahren noch weiter, haben ja eben erst angehalten…) und schließlich zu einem richtigen Regenschauer. Die Gruppe rettete sich unter ein Garagenvordach, verteilte abwartend Gummibärchen und die Laune begann etwas zu sinken. Es waren ja nur noch 22km bis zum Hotel. Andererseits ging es bergab. Und die Straße hatte sich in einen rauschenden Bach verwandelt. Lichtete der Regen sich etwa minimal? Die Gruppe arbeitete sich zu einem weiteren Vordach vor. Wie in einem schlechten Film bemerkte die Autorin jedoch, dass das Wasser, dass sich zunächst in einer kleinen Pfütze unter dem zweiten Vordach sammelte, weiter stieg. Und stieg. Und ihren ersten Schuh erfasste. Und in ebendiesen Schuh schließlich auch stetig hineinlief. So beschloss sie, dass man noch ein Vordach weiter müsse – das da vorne sehe deutlich größer aus! Das da vorne stellte sich dann (das muss Gandalfs magische Aura oder das Glück der Hobbits gewesen sein) als ein durchaus geöffnetes, muckeliges kleines Café heraus, das die Abenteurer nur zu gerne beherbergte. Passend zum Auffinden der warmen Bleibe begann es draußen zu donnern.

    Was fanden unsere tapferen Schuttmanager also vor? Möchte man in der mittelerd’schen Analogie bleiben, könnte man wohl von einer gemütlichen schwarzwälder Zauberhöhle sprechen. Das Café bot einen leicht absurden, aber gemütlichen Anblick aus (noch funktionierenden und zur vollen Stunde lautstark die Uhrzeit nacheinander verkündenden) Kuckucksuhren an den Wänden. Genauer gesagt, waren die Wände mit Ausnahme dreierlei Fenstern, zweierlei Türen und einer Tafel mit geheimnisvollen Getränken („Petzi“, „Fertig“, …) voll davon. Nach Panaché und heißer Schokolade sowie dem Belauschen des Nachbartisches (der wie sich herausstellte nur einen zehnminütigen Heimweg hatte, aber trotzdem den Großteil des Gewitters lieber aussaß) und mehreren netten Gesprächen mit der bemühten schweizer Gastwirtin waren die tapferen Abenteurer wieder recht aufgetaut. Da der Regen aber noch nicht ganz vorbeigezogen war und die bemutternde Wirtin sie keinesfalls im Regen gehen lassen wollte, bewiesen sie auf Drängen Gandalfs („sind ja nur noch so 20km und ich will wissen, was das sein soll“) Mut und bestellten dreierlei alkoholisierte Zaubertränke von der geheimnisvollen Tafel: Ein „Café Patronne“ für die Autorin (der sollte nicht so stark sein und sie im Notfall dazu befähigen, die beiden Herren noch sicher zum Hotel zu geleiten), einen „Petzi“ (dieser entlockte dem Nebentisch bereits durchaus interessante Geräusche) und einen „Fertig“.

    Nach erfolgreichem Genuß der Getränke ließ der Regen nach ca. anderthalb Stunden endlich nach. So setzten die drei (leicht bis mittelschwer) angeschwipsten Abenteurer ihre Reise in sehr kitschigen Bedingungen fort: Das Gras glitzerte vom eben gefallenen Regen, die Sonne schien wieder, ein Regenbogen war jederzeit zu erwarten. Erste Wolkenschwaden stiegen aus den Tälern links und rechts von ihnen auf und allerlei süße Kälbchen machten auf der kleinen, sich durchs Jura schlängelnden Teerstraße ihre Aufwartung. So verflogen die letzten 20km wie im Flug und die drei ballerten, vom bEvW angeleitet, schließlich auf einem letzten Stück Landstraße nach La Sagne und zu ihrem Hotel, wo sie bereits erwartet wurden.

    Der Abend endete bei einem riesigen Pott Käsefondue, Bier und Weißwein, sowie der durch die gutmütige Zauberin verschenkten schweizer Schokolade im angenehm leeren Gastraum des „Hotel von Bergen“. Aufgrund einer geschlossenen Geburtstagsgesellschaft wurden sie sanft „überredet“ ein Käsefondue zu bestellen und nach mehreren Nachfragen, ob sie alles hätten, was sie brauchten, mit der Flasche Weißwein und dem vor der Reise neu erworbenen Würmchen (das Spiel Heckmeck am Bratwurmeck in Bikepacking-Größe) alleine gelassen.

    Tag 2 – von La Sagne nach Orgelet: 150km & 1698hm

    Bereits morgens wurden unsere tapferen Helden vom Kuss der Sonne beim üppig bekästen Frühstück und meckernden schweizer Omas am Nebentisch begrüßt. Nach einer erstaunlich günstigen Rechnung (sie waren immerhin in der Schweiz – und nach dem Preis vom Hauswein, Bier und Käsefondue hatte gestern keiner gefragt) sattelten die drei Abenteurer ihre Pferde und starteten ihre Navis. Auf ging’s zur bisher längsten Tagestour des bEvW und der Autorin (aber auch mit ordentlich Höhenmetern bergab). Das Hotel von Bergen können alle drei nun sehr empfehlen: Mit Charme, Nettigkeit, gutem Essen und guten Preisen konnte es aufwarten – allerdings möchte die Autorin darauf hinweisen, dass die Gestaltung eines (sehr hübschen und großzügigen) bis zu Vier-Bett-Zimmers ohne Badtür angesichts der Morgentoilette etwas fragwürdig war.

    Während des Frühstücks wurde über die Nutzung von Armlingen oder Windjacke angesichts der Temperatur sowie den direkt anstehenden Höhenmetern nach dem Start wild diskutiert. Es stellte sich heraus, dass die Höhenmeter a) direkt warm genug gemacht hätten, aber Mathis’ Navi einen kleinen Aussetzer hatte, sodass b) eine nicht so geplante, aber dafür umso längere (und kalte) Abfahrt direkt auf den Mini-Anstieg folgen sollte. Irgendwie hatten damit alle Recht – für die Originalroute hätte es keine Armlinge gebraucht, aber nach der spontanen Routenänderung (Mathis’ navigatorische Gadgets scheinen mit der Wandlung zum weisen Gandalf ein wenig vorgealtert zu sein und zeugten von Gedächtnisaussetzern) war eine Windjacke doch die richtige Wahl. In seiner Funktion als Fotobeauftragter machte der bEvW seinem Namen alle Ehre und erinnerte sich außerdem noch rechtzeitig an die gestrige Idee unbedingt das Ortsschild von „La Sagne“ fotografieren zu müssen.

    Nach La Locle (eine sehr hässliche Stadt, die dank der spontanen neuen Route auch noch auf der Nebenstraße neben der Hauptdurchgangsstraße durchquert werden musste) hatte die Autorin eigentlich ein extra Schmankerl für den Passschild-Jäger Mathis in Form einer winzigen Sackgasse zu einem Tunnel direkt an der Grenze Schweiz/Frankreich am „Col des Roches“ einbauen wollen. Es sollte sich leider als ein typisches „Komoot Highlight vs. Reality“ herausstellen: Kein Passschild weit und breit und das „wehende Schweizerkreuz über den Felsen“ war durchaus physisch vorhanden, der Anblick wurde aber durch Baustellen rundherum und eine sehr stark befahrene Straße deutlich geschmälert. Schließlich waren alle froh, dass dies eine sehr kurze geplante Sackgasse war und sie wieder umdrehen durften statt durch den Tunnel direkt nach Frankreich fahren zu müssen.

    Umso erstaunter waren alle, als sie einmal Abbiegen später einen wunderschönen, malerisch gelegenen Anstieg auf gut geteerter und nur sehr wenig befahrener Straße fahren durften. Obgleich sich in der Rückschau eben feststellen lies, dass dieser Anstieg (und auch der darauf folgende) einfach deutlich weniger steil waren, kam dem Selbstwert so langsam die Vermutung, dass die Zyklusphase (die Autorin näherte sich stark dem grünen Abschnitt der Zyklusapp an) gestern eine Rolle gespielt haben könnte. Nach einem guten Stück abwärts ging es nochmal rauf zum „Col sur le Mont“. Nicht der kreativste Name, aber Passschild bleibt Passschild.

    Wieder unten vom kleinen Pass erwartete die Abenteurer ein Radweg, der auf einer ehemaligen Bahntrasse gebaut wurde. Sie ballerten fröhlich auf diesem entlang – der bEvW vorneweg – nur unterbrochen von kleinen Schikanen, wenn eine Straße den Radweg kreuzte. In Pontarlier (nach ca. 50km) verlangte es den weisen Zauberer nach einer Plat du Jour und die Autorin (sie waren nun schließlich in Frankreich) nach einer Portion Crèpes. Nach weiterem Bundesstraßengeballer schlossen sich noch kleinere Anstiege und Abfahrten an, bei denen sich immer weiter herauskristallisierte, dass der weise Zauberer am Berg alle abhängen konnte, jedoch aufgrund der Gewichtsvorteile der Hobbits auf dem Weg nach unten locker wieder eingeholt werden konnte.

    Schließlich verlangte es dem Zauberer (nach einer schönen Abfahrt mit parallel verlaufendem Wasserfall-Fluss) im Örtchen Foncine-le-Haut auch nach einem Panaché. Hierauf folgte noch dreimaliges Hoch-Runter bis zur längsten und letzten Abfahrt des Tages Richtung Lac de Vouglans und ihrem Hotel in Orgelet. Aufmerksame Leser erinnern, dass alle Hotels (aufgrund der dürftigen Verfügbarkeit von Hotels im Allgemeinen) an einem „Berg“ gebucht wurden. So erwartete die tapferen Recken auch nach 145 Tageskilometern noch 150 Höhenmeter Anstieg. Noch dazu auf einer viel befahrenen Bundesstraße mit schlechtem Teer. Wie passend – so ein idyllischer Abschluss für die ersten 150km am Stück? Die Autorin bestand darauf, vorausfahren zu dürfen um nicht im schlimmstmöglichen Moment gedroppt zu werden und gab alles bis zum Ortsschild von Orgelet, was irgendwie noch in den Beinen war. Tatsächlich war es dann gar nicht so schlimm wie befürchtet – aber ehrlicherweise auch weit fernab von der ursprünglichen Idee, am Ende noch über eine idyllische Brücke am Lac de Vouglans zu fahren und kurz in Ruhe am Seeufer anzuhalten und den Anblick des Sees zu genießen.

    Eingecheckt im Hotel (diesmal mit Badtür – juhu!), wurde ein kleiner Spaziergang zum SuperU unter den jammernden Worten des Gandalf genutzt um Bier einzukaufen und die Foodpouch-Gummibärchen-Vorräte wieder aufzufüllen. Spätestens morgen sollte Gandalf die Genialität der hobbit’schen Foodpouch zu schätzen wissen (zweites Frühstück, drittes Frühstück, viertes …). Dann wurden die (unter dem Einfluss von einem halben Bier auf nüchternen Magen noch verschwindend geringeren) Französischkenntnisse der Autorin genutzt, um drei absolut gottlose Käse-Pizzen bei „Pizza Fifi“ zu bestellen und es sich im festlich dekorierten Park gemütlich zu machen. Aufgrund eines Schwächeanfalls nach zu viel Bier (anderthalb Dosen) und Käse bewegte sich die Autorin direkt ins Bett, während die Männer noch eine lokale Bar mit ihrer Anwesenheit beehrten (zur weiteren Beschreibung der besonderen Bar siehe Mathis’ Blogeintrag). Aufgrund des Schwächeanfalls konnte die Autorin leider auch die Aussicht eines kuscheligen Barhundes nicht nochmal zum Aufstehen bewegen und sie sollte nur dann kurz erwachen, als Gandalf (von Alters wegen vermutlich?) nachts gegen die von ihm offen gelassene Schranktür lief und es lautstark krachte.

    Tag 3 – von Orgelet nach Nyon: 114km & 1837hm

    An Tag drei sollte die Reise enden – die Abenteurer mussten passend für ihre Zugverbindung (äh, die von Gandalf bestellten Adler natürlich) in Nyon ankommen. Während die Jungs total entspannt frühstückten, stellte sich bei der Autorin direkt ein Rechenspiel ein: Wenn Komoot sagt, man brauche sechs Stunden – sie aber normalerweise etwas langsamer als Komoots Rennradberechnung fuhr, man noch eine Mittagspause und kleine Pausen in den Anstiegen mit einrechnete und ein Ankunftsbier am Genfer Seeufer trinken wollte, außerdem noch Puffer für eventuelle Platten mitbedenken musste, dann… Hilft am Ende trotzdem alles Rechnen und pünktlich zum Losfahren Antreiben nichts, wenn Gandalf (das Gedächtnis und das Alter…) seine Fernbedienung für die Hörgeräte im Hotelzimmer verlegt hatte. Seufz. Die alten weisen Zauberer sind auch nicht mehr die, die sie mal waren…

    Der Tag begann mit einer idyllischen Straße am und um den Lac de Vouglans drumherum. Es folgte eine erste Tagesabfahrt mit spektakulärem Blick auf ein riesiges Stauwehr im See. Entgegen der letzten Tage war die Foodpouch das erste Mal mit M&Ms statt Gummibärchen gefüllt und die Autorin musste feststellen, dass M&Ms auf Abfahrten so sehr durchgeschüttelt werden, dass sie sich wie in einer industriellen Maschine einfach schälten und sogar bei größeren Unebenheiten aus der Foodpouch zu fliehen versuchten. Letzterem wirkten die Jungs heimlich entgegen, als die Autorin kurz ihr Rad bei ihnen lies um noch ein Foto vom See und dessen imposanten Stauwehr zu machen und sie in flagranti beim M&Ms naschen erwischte.

    Nach einer letzten Brücke über den Lac de Vouglans nahm der bEvW seinen Job als Fotobeauftragter wieder auf und der erste Anstieg wurde in Angriff genommen. Er führte recht steil durch kleine, dörfliche Sträßchen mit aufmunternden Französinnen, die nochmal betonten, dass die Straßen ja wirklich steil seien. Recht weit unten hielten die Männer kurz an, um noch ein Foto vor einem pittoresken Scheunentor zu machen, während die Autorin ihre Chance nutzte um einen kleinen Vorsprung und damit mehr Pausen weiter oben im Anstieg herauszuschlagen. Erst nach einer ganzen Weile (der Selbstwert jubelte innerlich und sie war ebenfalls endlich in der leistungsfähigeren Zyklusphase angekommen) holte sie der bEvW kurz vor einer sehr sehr niedlichen Katze auf der Straße wieder ein, die er natürlich fotografisch festhalten musste. Als er irgendwann keuchend wieder aufschloss, fragten sich beide, wo eigentlich Gandalf abgeblieben war? Normalerweise holte er die beiden doch mit Leichtigkeit am Anstieg ein… da ahnte noch keiner, dass er ebenfalls für die gleiche niedliche Katze eine ausgedehnte fotografische Pause eingelegt hatte.

    Oben angekommen am „Col des Crozatons“ (endlich ein Passschild) zog sich die kleine Straße wellig zwischen verschiedenen winzigen Dörfern dahin. Nachdem immerhin ein rettender Trinkwasser-Brunnen auf einem Kinderspielplatz gefunden wurde, gestaltete sich die Suche nach einer offenen Lokalität für die von Gandalf immer energischer verlangte Plat du Jour recht schwierig. Trotz Fütterungsversuchen aus der Hand oder direkt mit Griff in die inzwischen in der Foodpouch enthaltenen saure Gummiwürmchenmischung kippte die Stimmung des Weisen immer mehr und irgendwann auch die der Mitfahrenden. Google Maps zeigte auf den nächsten Kilometern nur einen zeitaufwändigen Umweg oder, dass man noch über 15 weitere Kilometer bis Morez durchhalten müsse. Schließlich einigte man sich darauf, die mitgebrachten Riegel doch zu nutzen und bis Morez durchzuhalten. Für diese mentale Leistung wurden alle drei postwendend mit einer herrlichen 14 prozentigen Abfahrt auf gutem Teer belohnt.

    Vor Morez wurde die Moral noch von einem Abschnitt unter einer weiteren Bahntrasse (davon gibt es wirklich einige im Jura) hoch gehalten, der zwar mit fragwürdigem Straßenbelag, aber allerlei imposanten kalkweißen Eisenbahn-Aquädukten aufwartete. Hintendrein fahrend übernahm die Autorin kurzerhand die Aufgabe der Foto- und Videobeauftragten und hielt dieses Highlight für die Ewigkeit fest. Nach zehn weiteren Kilometern unter Eisenbahnviadukten hindurch fuhren sie schließlich nach Morez ein und hielten also nach 75km an der nächstbesten Dönerbude an, um einen würdigen Ersatz für die bisher nicht vorhandene Plat du Jour zu finden.

    Nach Köftesandwiches, Pommes, Limo und Ayran (für die Proteine und Elektrolyte natürlich essentiell wichtig) ging es weiter in den letzten, gegenüber allen anderen im Jura eher langgezogenen („echten“) Anstieg bis zur Landesgrenze und der Abfahrt auf der schweizer Seite runter an den Genfer See. Schnell wurde beschlossen, dass jeder sein Tempo fahre – so ordnete sich die Gruppe Gandalf, bEvW (der doch nach der Autorin schauen wollte) und die Autorin hinterher. Gandalf schien einige neue Energie gesammelt zu haben und innerlich über die so freudig erwarteten „echten Serpentinen“ und den „richtigen Anstieg“ zu jubeln und preschte voran. Tatsächlich können alle diesen ersten Teil des Anstiegs sehr empfehlen und er war ebenso viel befahren – hoch wie runter – von anderen Rennradlern. Das ist immer ein gutes Zeichen, oder? Diese anderen Rennradfahrer gestalten sich im Jura übrigens als sehr sympathisch, nett grüßend, angenehm oft der Statur von bEvW und der Autorin statt der von Mathis ähnelnd und in seltenen Fällen auch als Heavy Metal Typ mit aufmunterndem „Allez les filles!“ gegenüber der Autorin.

    Entgegen den positiven Erfahrungen mit anderen Rennradlern entpuppte sich das Passschild mit der imposanten Aufschrift „Montée de Prémanon“ leider noch gar nicht als das Ende des Anstiegs. Es gab eine kleine Zwischenabfahrt, ein kleines Zwischendorf und dann den hässlichsten, betonwüstigsten Parkplatz, den eine Juratraversenroute jemals gesehen haben sollte. (Liebes Komoot – warum sollten wir unbedingt über den fahren statt die parallel verlaufende Straße zu nehmen?) Aber dann – nach Gezeter von Mathis’ über diese böse Überraschung und weitere Höhenmeter – endlich! Die Erlösung! Ein weiteres Passschild: „Col de la Givrine“. Nie davon gehört – ist uns aber auch egal – hier muss doch endlich die ersehnte Abfahrt nach Nyon kommen! Naja. Zumindest fast. Es folgte eine langgezogene, plötzlich sehr stark befahrene Straße, die minimal wellig bergab führte. Na toll! So hatten sie sich das nicht vorgestellt! – Weiteres Gezeter Gandalfs folgte also zugleich, zumal sein Rad auch neuerdings ein komisch wobbelndes Vorderrad aufwies.

    Nachdem das Vorderrad in einer kurzen Zwangspause inspiziert wurde, konnte fachmännisch festgestellt werden: Es ist kein Platter, es wobbelt nur komisch. Also weiter – jetzt kam tatsächlich die richtige Abfahrt! Der bEvW fuhr vorneweg, die Autorin und Mathis (ob des wobbelnden Vorderrads deutlich vorsichtiger) hinterdrein und sie genossen die gut 600 Höhenmeter lange und schön serpentinige Abfahrt nach Nyon.

    Der Weg hinein nach Nyon an den Bahnhof sowie (ob der guten Zeit bis zur Ankunft des Zuges) an die Uferpromenade des Genfer Sees stellte sich als ein erstaunlich leichtes Unterfangen heraus. So wurden direkt noch Finisher-Bilder vor der Seekulisse gemacht, zwei Bier und ein Panaché an der Uferpromenade getrunken sowie von den Herren noch ein Eis auf dem Weg schiebend zum Bahnhof genossen.

    Ein sehr angenehmes schweizer Bahnerlebnis später endete diese Juratraverse erfolgreich im Basel SBB, wo die Abenteurer sich dereinst vor drei Tagen trafen um zu ihrer Reise aufzubrechen. Über das weitere deutsche Bahnerlebnis bis zum Freiburger Hauptbahnhof möchten wir aufgrund der Idylle, die wir am Ende dieses Textes hinterlassen wollen, jedoch lieber den Mantel des Schweigens hüllen.

  • Mallorca März 2024

    Was zuvor geschah:

    Wir machen im März Radelurlaub auf Malle! Magst du mit?“

    Also, ich hab eigentlich keinen so richtig unverplanten Urlaub mehr…“

    Aber schau mal, das AirBnB hätte noch ein freies Bett und hat einen Pool und liegt total schön!“

    Also, ich weiß nicht, ob ich so spontan an einem neuen Arbeitsplatz einfach Urlaub nehmen kann… also wenn ich eine der geplanten zwei Augusturlaubswochen streichen würde, dann ganz ganz vielleicht nur…“

    Wir würden uns voll freuen und wir könnten so viele tolle Panoramatouren machen!“

    Nagut, ich frag mal vorsichtig nach…“

    Und da rutschte wohl mein Finger auf dem Buchungsbutton bei Easyjet aus. Ups. Kann ja mal passieren, oder?

    Tag 1: Vorbereitung & Anreise

    Normalerweise plane ich alle meine Urlaube eher weit im Voraus. Das gehört für mich zum Urlaubsglück dazu – alleine die Vorbereitung, was man alles tun könnte, löst bei mir zuverlässig vorfreudige Glücksgefühle aus. Jetzt hatte ich aber nur noch anderthalb Wochen Zeit und es sollten Strecken ausgeguckt, mögliche andere Aktivitäten angedacht und vor allem Rennräder für acht Erwachsene gemietet werden. Dank Youtube, Komoot und einer mütterlichen Arbeitskollegin erstmal kein Problem, wenn auch etwas gequetschter, als mir lieb gewesen wäre. Nur das Räder buchen wurde extrem kompliziert, da die Website leider in vier verschiedenen Browsern nicht vollständig funktionierte, aber acht Räder in unterschiedlichen Preiskategorien mit unterschiedlichen An- und Abreisedaten gebucht werden wollten. Ich telefonierte letztendlich mit einem netten Niederländer, der mir eingehend erklärte, wie unglaublich wichtig für die gute Abhol-Experience es sei, dass wir wirklich von jedem ganz genau angeben, welche Pedale, welche Sattelhöhe, welchen Reach usw. er an seinem eigenen Rennrad zuhause habe – wir hätten doch sicher alle Rennräder zuhause und es würde uns doch nur kurz zehn Minuten kosten, das nachzumessen…? Ja sicher – nach diversen Klebezetteln an unmöglichsten Orten, insgesamt fünf Buchungen und zwei Stornierungen hatte es per Mail dann doch noch geklappt und ich habe mehrere Tage vor Abflug alle Daten brav zugesendet. Zu diesem Punkt aber später mehr…

    Apropos messen. Die Handgepäcksregeln von easyjet hatten sich leider verändert, denn es gab zweimal Handgepäck: Ein Großes (50 Euro Aufpreis pro Flug) und ein kleines „Normales“. Alle gängigen Rucksäcke schienen genau 1cm zu hoch für das „Normale“ zu sein – ein Schelm, wer Böses denkt. Ich bin also recht aufgeregt angereist, da der versteifte Teil des Rucksacks einfach 1cm zu hoch war, der Inhalt jedoch noch in die Handgepäcksbestimmungen gepasst hätte. Auch riet das Internet eingehend dazu, sich seinen Fahrradhelm einfach strategisch aufzusetzen – auch darauf hatte sich meine Schamgrenze bereits vorbereitet. Aber siehe da – die Lösung war einfach mit Kleinkindern und Babys zu reisen: Du bist vollgepackt mit deinem eigenen Gepäck, einem Helm, einem Plüschtier, einer Tasche mit Babyspielzeug, Essen und folgst einer Familie mit Kinderwagen? Kein Problem, Hauptsache du läufst weiter und alles schafft es überhaupt ins Flugzeug! Funktionierte sicher bei Hin- und Rückflug – nur beim Check In solltest du nicht bei den Familien stehen bleiben, denn wenn da jemand schlecht drauf ist, zwingt er dich vielleicht doch noch dazu, dein Handgepäcksstück in die Prüfbehälter zu stecken.

    Am Basler Flughafen lohnte es sich außerdem sehr, nahe an der Lindt-Shop-Frau vorbeizugehen und mindestens ein Kind im Schlepptau zu haben, um eine gratis Lindt-Probier-Kugel zu ergattern. Der Check-In und Flug verlief insgesamt unspektakulär. Familie Wi.-Schmi. verteilte erstaunlich erfolgreich diverse hartgekochte Eier im Flugzeug. Trotz einer gewissen Erwartungshaltung bei Flügen Richtung Ballermann wurden keine betrunkenen Malle-Touristen gesichtet. Am seltsamsten war wohl die Netflix-Serie auf dem Handy neben mir: Ein Hauptcharakter, der im Hühnchenkostüm betrunken auf einem Klapprad durch einen Wald fuhr. Bereits bei der (im Endanflug recht schwankenden) Landung hätte klar sein müssen, dass es irgendwie ganz schön windig auf Mallorca ist… aber das sollte dem Rennradvergnügen (noch nicht) im Wege stehen.

    Der weitere Tag bestand aus dem Abholen zweier riesiger Neun-Sitzer für die insgesamt neun Erwachsenen, einem Kindergartenkind und drei Kleinkindern bzw. Babys (und eines im Bauch), sowie der ersten Fahrt nach Sa Pobla in eine sonnenbeschienene Tapasbar (el pulpo loco), da wir für den Check-in in unser AirBnB noch zu früh dran waren. Wir wurden mit frisch gekochten Haxen, Fisch, Verdura und Patatas verwöhnt und in die Kunst des Tinto di Verano (Rotwein mit Fanta und Orange) eingeführt, bevor wir unser Domizil erfolgreich bezogen. Dass ich einmal mit einem Vorschulkind gemeinsam in einem Zimmer schlafen würde und meine Seite des Raumes die unaufgeräumtere sein würde (und das trotz nur Handgepäck!) hätte ich mir vorher auch nicht träumen lassen. Abends gab es Pasta a la Norma – das erste von zahlreichen exzellenten Abendessen (und natürlich Tinto).

    Tag 2: Räder im Regen abholen & kreative Spielregeln

    Am nächsten Morgen war klar, dass wir nach dem Frühstück sechs der Räder abholen gehen müssen (das Siebte & Achte waren erst auf einen Tag später reserviert, da wir sowohl an diesem als auch am nächsten Tag noch Zuwachs bekommen sollten durch Ralph und Steffen). Problem dabei: Es war stürmisch und regnete. Es wurde also ein ausgeklügelter Plan ausgeheckt, wer wann wie mit welchem Auto und wie vielen Sitzen im Auto fahren könnte, um drei der Räder motorisiert zu transportieren und dass drei weitere in den sauren Apfel beißen müssten um den Rest der Räder eine halbe Stunde im strömenden Regen nach Hause zu fahren. Bei allen Planungen mussten dann wiederum die Familien- (also Kleinkind-Aufpass- und Schwangerschafts-) Verhältnisse mitbedacht werden, was die Sache nicht unbedingt unkomplizierter machen sollte, wenn man die Pläne und Wünsche der nächsten Tage auch bedachte.

    Wir traten also zu viert die Fahrt nach Alcudía an, um sechs der acht Räder abzuholen – sie waren ja schließlich alle schon auf uns eingestellt, also sollte unser Plan ja aufgehen – oder? Es stellte sich heraus, dass unser Radverleih massive IT-Probleme hatte – sodass unsere sorgsam gesammelten Daten leider nie in Alcudía ankamen. So holten wir unsere Räder ab, gaben alle (im Handy notierten) Daten nochmal durch und brauchten die Flat Pedals des Verleihs ebenfalls restlos auf. (Mal ehrlich – wer hat bei dem begrenzten Handgepäck noch Platz für ein zweites Paar Schuhe? Zumal ich leider bei einem Test mit den Klickies des besten Ehemanns von Welt feststellen musste, dass ich mir mit meiner Arthrose zuverlässig das linke Knie rausdrehen konnte beim Versuch wieder auszuklicken.)

    Das ganze Abholprozedere dauerte demnach keine zehn Minuten, sondern viel mehr mussten alle acht Räder eingestellt werden (Steffens & Ralphs waren schon da, aber passten nicht mehr ins Auto). Bei der Probefahrt von Johannes platzte erst sein Schlauch, dann fiel eins der Pedale ab – beides benötigte eine gewisse Reparaturzeit. Schließlich stellte sich auch noch heraus, dass für Jo kein Willier 105er Di2, sondern ein Fuji Ultegra bereitgestellt wurde – schwierig, wenn man unbedingt mal eine elektronische Schaltung ausprobieren wollte (er durfte das Rad aber am nächsten Tag, als die anderen Räder abgeholt wurden, noch tauschen). Lustigerweise gab es aber Steffens Rad doppelt und Arinas Rad sogar dreifach.

    Puh! Im Zeitplan bezüglich Auto zurückfahren und einkaufen gehen, bevor die Kinder mittagessenhungrig wurden, waren wir also schon einmal nicht mehr. Wir traten dann zu dritt tapfer die halbstündliche Fahrt nach Hause an – über eine eigentlich wunderschöne Landstraße durften wir erstmals den breiten Radstreifen und die wirklich angenehmen Überholkünste der Autos, LKWs und Busse auf Mallorca genießen. Dabei galt es, so schnell zu fahren, dass man schnell aus dem Regen raus war, aber gleichzeitig auch gegen den Gegenwind anzukommen. Für Johannes ganz hinten gab es noch eine Sonder-Challenge: weder meinen noch Jo‘s Strahl an Abwasser von der Straße abbekommen. Seinen Berichten zufolge existiert tatsächlich eine Art triumphierendes Glücksgefühl, sollte man es längere Zeit schaffen, zwischen den beiden Abwasserstrahlen der Rennräder vor einem zu bleiben und keinen davon ins Gesicht zu bekommen. 27 Minuten später – und nach der ersten Begegnung mit einem riesigen Schlagloch direkt vor der Abbiegung zur Straße zum AirBnB – kamen wir (ich völlig fertig und ordentlich am Schwitzen) an. Mit den beiden Jungs im Regen und Gegenwind mitzuhalten hatte mich glücklicherweise so erhitzt, dass sich damit die Möglichkeit einer ersten Poolrunde ergab (unverschwitzt war der Pool noch deutlich zu kalt) – wir gönnten uns also zu dritt eine spontane Abkühlung, denn nass waren wir sowieso schon. An dieser Stelle sei auch noch kurz erwähnt, dass Pools mit einer seltsamen Mischung aus Salzwasser und Chlor offensichtlich auch (vormals) rosa Polster in Bibs zu einem (nunmehr) seltsamen graulila Polstern verfärben können.

    Der weitere Tag wurde mit Uno, The Crew, Tinto und The Game verbracht (in dieser Reihenfolge). An dieser Stelle soll ebenfalls kurz darauf verwiesen werden, dass die Entwickler von The Game sich etwas dabei gedacht haben, dass es eine maximale Spieleranzahl gibt. Möchte man die maximale Spieleranzahl umgehen, hilft es definitiv sehr, Uno-Karten mit ins Deck zu mischen und sich bei der „Wünsche dir eine Farbe“-Karte einfach neue Spielregeln zu wünschen (#ProTipp).

    Tag 3: Morgensonne am Meer & Tattoos

    Tag drei wurde durch eine erste kleine „richtige“ Ausfahrt morgens ans Meer eröffnet. Aus gegenwind-strategischen Gründen wurde ein flaches 43km Viereck an den Strand von Alcudía, dann an der Küste entlang bis nach Santa Margalida und über Muro zurück nach Sa Pobla gewählt. Nach kurzem Mini-Frühstück starteten wir zu zweit in die erste mallorquinisch-sonnige Panoramatour des Urlaubs. Über die schon bekannte Landstraße und vorbei am ominösen Minipony ging es durchs Naturschutzgebiet (mit Flamingos, wir schwören, wir haben sie beide tatsächlich gesehen!) an den Strand von Alcudía. Dort durfte ein kleines Strand-Fotoshooting nicht fehlen bevor wir auf den Rest der Runde aufbrachen. Der Gegenwind verlangte auf dem vorletzten Schenkel Windschattenfahrerwechsel alle zwei Kilometer, war aber noch erträglich. Schließlich fuhren wir durch Muro an einem kleinen Markt mit süßem Kinderkarussel vorbei wieder nach Hause.

    Auf dem letzten Stück zeigte mein Leihrad mir dann leider noch, dass es keine Lust hatte, schnell umzuwerfen – und so sprang erstmals die Kette ab, die dann sehr effektiv (ich war auf diese Eigenart des Rads noch nicht vorbereitet) zwischen Kurbel und Rad feststecken sollte. Mit vereinten Kräften (und nachdem uns ein mallorquinischer netter Opa auf Spanisch erklärt hatte, dass er leider keine Ahnung von Rädern habe, uns sonst aber gerne helfen würde) lösten wir dieses Problem schließlich doch noch erfolgreich ein erstes Mal (nach diversen logischen Versuchen fachmännisch mit roher Gewalt). (Weitere Male sollten folgen.) Während Anna die Schnelligkeit eines nagelneuen Rads mit elektronischer Schaltung genoss, wünschte ich mir mein eigenes Rennrad herbei und fragte mich, warum Wiliers so teuer waren.

    Wieder angekommen wurden wir mit feinstem jakobschen Pfannkuchen-Frühstück begrüßt (die heimische kulinarische Versorgung nach Radtouren war immer bombastisch), bevor wir nach einer schnellen Dusche nach Palma aufbrachen. Auf dem Weg nach Palma wurde das Auto erstmals mit dem Soundtrack zum Urlaub beschallt: Der Gorilla mit der Sonnenbrille(Uh lalala!) und Lotte und Anna sangen voller Inbrunst den Müllauto-Song (Tut-tut – Wir brausen durch die Stadt und schauen, was ihr so in euren Mülltonnen habt!), welches sich im Original als enttäuschend viel schlechter herausstellen sollte als von den beiden performed.

    Palma selbst konnte mich nicht so recht vom Hocker hauen – zumal alle (geneigte Leser wissen um die Wichtigkeit der Google-Bewertungs-Kulinarik-Café-Skala) guten Cafés um den großen Spielplatz drum herum sonntags geschlossen zu sein schienen. Der obligatorische Churro in Spanien passte sich der Stadt an. Außerdem wurde der Ausdruck des „avec jamón“ geprägt, da die Autorin es schaffte, in einem Satz ganze vier Sprachen zu verwenden um ein belegtes Baguette zu bestellen. Mallorca hilft auf jeden Fall nicht, um Spanisch und Französisch besser auseinandersortieren zu können – ganz im Gegenteil scheint es noch sehr rudimentäres Italienisch und zu Hilfe eilendes Englisch mit zu aktivieren.

    Abends saßen wir dann (nach Steffens Ankunft und der Komplettierung der Gruppe) noch zusammen um Pläne für die nächsten Tage auszuhecken. Alle zwei Tage eine große Radtour, Bedürfnisse von Kleinkindern und Schwangeren sowie weniger Radaffinen unter einen Hut zu bringen war nicht ganz einfach. So wurden die Wetterverhältnisse etwas ignoriert und wir nahmen uns für den morgigen (ebenfalls sehr windigen) Tag das Cap Formentor vor (und ignorierten die vorherrschende Föhnwellenwetterlage und die offensichtlich am Himmel hängenden Lenticularis und Staubewölkungen völlig).

    Nach abendlichem frischem Calamari, Tinto- und Biergenuss wurden außerdem noch Kindertattoos aufgeklebt um die Seriosität bei so vielen (angehenden) Doktortiteln vollständig aufzulösen. Dabei mussten wir leider feststellen, dass auch ein bereits erworbener Doktortitel nicht davor schützt zu vergessen vorher die Folie vor dem Aufkleben der Tattoos abzunehmen (der Fünfjährigen musste man das nicht erklären). Außerdem war leider nicht jeder von der Idee begeistert, statt einer Augenbraue einen Tattoo-Regenbogen zu bekommen. Schade.

    Tag 4 – Cap Formentor & gefrorener Kuchen

    Bewaffnet mit Drachen auf Handgelenken, Rittern auf Waden und Regenbögen hinter Ohren zogen wir also morgens zu sechst aus, um das legendäre Cap Formentor zu bezwingen. Der Plan: Alle sechs strampeln hin und werden oben von einer Fuhre Müttern mit Kindern erwartet, um einen Vater wieder mit dem Auto mit zurück zu nehmen, damit dieser seine Frau bei einem Call nachmittags aus der Kinderbetreuung auslösen konnte. Der Weg war weit, zeitweise erstaunlich steil und vor allem windig. Nicht alle waren sicher, ob sie die 85km und knackigen ca. 1500hm hin und zurück schaffen würden.

    Nach mehreren Betonungen am Vorabend, dass die beiden weiblichen Fahrerinnen nicht gewillt waren, den ganzen Tag ein Herrentempo mitzufahren, stellte sich direkt morgens heraus: Nur die weibliche Hälfte hat eine Navigation (also ich). Das Garmin der Herren der Schöpfung hatte leider keine Mallorca-Karten – also nur sehr rudimentäre Navigation. Und bis durch Sa Pollenca durch brauchte man schon noch einen kleinen Plan, wo man eigentlich langfahren sollte, um die Straße zum Cap auch zu treffen.

    Richtung Alcudía zunächst noch fast alleine, reihte sich die bunte Sechser Gruppe dann an der Küste entlang Richtung Sa Pollenca schon in weitere tapfernde Radelnde ein. Kurzzeitig wurde an der Küste ein „eisgekühlter Bommerlunder“ angestimmt – da aber die beiden Niederländer vor der Gruppe eine spontane Fast-Vollbremsung hinlegten, gibt es leider keine Video-Beweise von der sehr deutschen Gesangseinlage (wir waren schließlich auf Malle – und den Gorilla mit der Sonnenbrille konnte (noch) nicht jeder auswendig).

    Nach Sa Pollenca erreichten wir schließlich die Straße zum Cap. Wir teilten uns auf und wollten uns am Col del Creueta wieder treffen – der ersten Passhöhe auf dem Weg zum Cap. Der Weg zum Col war bereits recht windig, aber noch kamen wir voran. Die Straße liegt wunderschön und führt malerisch von der Bucht bei Sa Pollenca hoch auf die langgestreckte Langzunge bis zum Leuchtturm am äußeren Zipfel des Caps. Hier ging es uns noch sehr gut, wenn es auch nicht wenig anstrengend aufgrund des Windes war. Oben angekommen warteten die Jungs bereits – es war ebenfalls noch herrlich leer, nur ca. drei Autos bevölkerten den großen Parkplatz am Col.

    Wir überlegten dann noch eine Stichstraße zu einem Aussichtspunkt zu fahren. Diese Straße war wahnsinnig schlecht geteert, voller Schlaglöcher, schmal und recht steil – aber man kommt ja vermutlich nur einmal hier vorbei. Also entschlossen wir uns doch alle den Weg nach oben anzutreten. Die Aussicht sollte entlohnen, wenn uns auch bereits am Weg nach oben hätte klar werden müssen, dass die Windböen sowohl die Auf- als auch die Abfahrt denkbar schwierig gestalteten. Ausgerechnet in Wellenflugbedingungen eine exponierte Landzunge zu fahren war wirklich eine herausragend dumme Idee. Bereits auf dem Weg nach oben warf eine Windbö die Autorin sowie einen weiteren Mitfahrer in Schrittgeschwindigkeit einfach vom Rad als wären sie gegen eine Wand gefahren. Trotz allem entschädigte der Ausblick oben und auch die ersten Belohnungs-Riegel bzw. -Bifi starben am Aussichtspunkt. Der Weg nach unten wurde langsam und vorsichtig angegangen. Unten angekommen hatte sich der Parkplatz inzwischen restlos mit Autos aufgefüllt und auch der Beginn der Stichstraße war schon so zugeparkt, dass selbst mit den Rädern zunächst kein Vorbeikommen an zwei miteinander erbost diskutierenden (davon einer sehr überforderten) Autofahrern war.

    Die Abfahrt vom Col hinunter in Richtung der weiteren Passstraße ließe sich sicher an einem weniger windigen Tag deutlich mehr genießen. Wiederum trennten sich Männlein und Weiblein – die Männer eilten ehrgeizig voraus, wir fuhren gemächlich und vorsichtig hinterher. Insgesamt gehört die Straße sicher zu den schönsten Straßen, die die Autorin jemals gefahren ist – leider bekam sie davon nicht allzu viel mit. Bei jeder exponierten Kurve erfasste der Wind das Rad und sie fühlte sich mehr Vorhaltewinkel berechnen und dementsprechend steuern als wirklich eine Abfahrt genießen. Auch füllte sich die Straße mit immer mehr Autos (die sich schließlich am Leuchtturm selbst stapeln sollten). Die Jungs berichteten später von einer Ziege, die auf der Straße einfach umgefallen sei vor lauter Wind – den Windverhältnissen nach ist diese Geschichte tatsächlich sehr glaubwürdig und sollte nicht angezweifelt werden. Die Straße zum Cap zog sich daher in ihrer (eigentlich angenehmen) Hoch und Runter Manier etwas kaugummiartig dahin und fühlte sich der 5 Schwierigkeitssterne bei quaeldich.de würdig an (tatsächlich sind es nur 2,5). In einer der letzten Kurven riefen schließlich entgegenkommende Radler uns sogar noch zu, dass wir hier besonders vorsichtig fahren sollten – war doch die Straße rechts und links nur von Meer umgeben und der Wind hier noch böiger. Fertig und ausgehungert kamen wir Mädels schließlich einige Zeit nach den Jungs oben an.

    Zeit zum Verschnaufen? Gab es für Anna leider kaum. Aufgrund von vorhergehender Krankheit und deutlich weniger Trainingsmöglichkeit (mit Familie) beschloss sie, sich mit nach Hause nehmen zu lassen und wurde sogleich dazu aufgefordert, ihr Rad doch schonmal einzuladen – die Jungs waren schließlich schon eine Weile da und man könne ja dann gleich los. Die Autorin kaufte schnell einiges an Hungerast-Kalorien ein – ein Blätterteigteilchen, zwei Limos und zwei Stück Kuchen wurden von beiden (fast) inhaliert. Zu einem kurzen Selfie hat es noch gereicht, dann musste Anna schon wieder los. Sie warnte die Autorin jedoch noch rechtzeitig vor dem noch gefrorenen Käsekuchen, der schließlich zur gelungenen Ausrede beitrug um sich wenigstens noch eine Viertelstunde Verschnaufpause gönnen zu können, bevor sie wieder losrollten. Den Jungs wurde schließlich schon kalt und sie würden sich natürlich der Autorin in der Geschwindigkeit gerne anpassen – denn sie hatten ja keine Navigation dabei – aber so langsam los könne man ja wirklich schon, oder? Somit wurde es für beide Mädels eine hektische, allzu kleine Pause und die Autorin trat nunmehr zu viert mit den übrigen Jungs den Rückweg an.

    Tatsächlich wurde sich sehr gut an die Geschwindigkeit der Autorin angepasst, die versuchte, langsam aber stetig zu fahren um den ganzen Rückweg überhaupt schaffen zu können. Bis zum Col de Creueta war daher das Motto eindeutig „Kräfte sparen“, damit man es noch sicher nach Hause schaffen kann. Dies klappte erstaunlich gut, sodass die Autorin eigentlich erleichtert mit den anderen gemeinsam am Col oben ankam. Wo die Zwischenabfahrten davor schon abenteuerlich waren, wurde die Abfahrt nach Sa Pollenca vom Col hinunter noch abenteuerlicher. Schließlich stellte sich eine Geschwindigkeit um die 30km/h als nützlich heraus: Weder so schnell, dass man nicht mehr auf seltsame Böen reagieren könnte, noch so langsam, dass einen der Wind einfach Richtung Schlucht hinunter blies. Das Vertrauen in das fremde Leihrad und dessen Bremsen sowie aerodynamische Eigenschaften erfuhren dabei einen regelrechten Boost.

    Unten angekommen sammelte sich die zeitweise durch Autos getrennte Gruppe wieder und trat den restlichen Heimweg an. Mit netten innerpsychologischen Gesprächen mit Johannes rollte es sich dann noch wie im Flow dahin und natürlich durfte – endlich zuhause wieder angekommen – auch ein Dip im Pool nicht fehlen. Geschafft! Gesamtfazit des Tages: Wir fahren nicht mehr die Pace der Männer mit – wenn, dann müssen sie sich uns anpassen – und wir brauchen eine richtige Genießerpause. Außerdem: Keine Landzungen bei irren Windböen fahren. Und auch jetzt war schon klar: Die Autorin muss wiederkehren, um die Schönheit des Cap Formentors ohne Wind genießen zu können. Im Rückblick war dies zwar weder die längste noch höchste Tour der Woche, dafür aber sicher die härteste. Desweiteren wurde der Begriff des „Typ 2 Spaß“ geprägt (dazu siehe auch: https://www.rei.com/blog/climb/fun-scale).

    Tag 5 – Kinderballermann zum Markttag in Alcudía & Sonnenuntergangstour

    An Tag 5 kündigten sich die ersten (ernst zu nehmenden) Halsschmerzen an. Drei schniefende Kleinkinder – welches kinderlose Immunsystem könnte das schon unbeschadet überstehen? Weiterhin galt für den Urlaub also einmal täglich heiße Zitrone mit Ingwer trinken, aber jegliche weiteren Krankheitssymptome einfach ignorieren. Dies klappte trotz fast täglichem Sport erstaunlich gut – danke nochmal dafür Körper!

    Da wir keine Fans des mallorquinischen „Krümelbrotes“ wurden, buk Ralph dankenswerterweise erstmals morgens frische Brötchen, sodass wir wieder ein königliches Frühstück genossen. Danach ging es mit der Entdeckung der „Kinder Ballerman Hits“ Playlist von Spotify nach Alcudía auf den Markt (Mama Laudaaa & Uh lalala!). Über den Markt war schnell geschlendert, neben riesigen bunten Plüsch-Lamas (die aber vom besten Ehemann von Welt leider nicht als Mitbringsel gewünscht wurden) gab es nur wenige Highlights. Wir kehrten in ein von Jakob erinnertes Café an der alten Stadtmauer und einem süßen Hinterhof gespickt mit Orangenbäumen, Efeu und Spatzen ein und gönnten uns einen guten Kaffee sowie Croissants, Tiramisu, Schokokuchen und die beste Zitronentarte überhaupt. Nach weiterem Bummeln durch Alcudía pflückten Ralph und Lotte heroisch noch zwei frische Mandarinen von einem Baum, bevor es wieder nach Hause ging.

    Gegen Abend brachen wir beiden Mädels dann noch zu einer kleinen Runde an die Küste nördlich Alcudías und östlich der gestrigen Landzunge auf um eine zweistündige Panoramatour im Sonnenuntergangsflair zu genießen. Die Abendsonne stand perfekt und trotz den ersten ernsthaft steilen (d.h. für Mallorca über 10 Prozent) Abschnitten würde ich diese kleine zwei Stunden Tour jedem in der Nähe von Alcudía wärmstens empfehlen! Auch wenn der eigentliche Weg ins Naturschutzgebiet gesperrt war (Google Übersetzer sprach von Jagdgebiet – daher trauten wir uns nicht, die kleinen Schilder zu ignorieren) und wir zur Ermida de la Victoria hochfuhren, nur um oben festzustellen, dass Wahoos spontan berechneter Rennradrundweg leider in eine Schotterstraße und einen Mountainbike-Trail übergingen, lohnte sich alleine der Ausblick von der Küstenstraße übers Meer in die Abendsonne allemal. Auch tierisch war auf der kleinen Runde einiges los: Das legendäre Minipony, Flamingos, Enten, Fasanen (oder ähnliches Federvieh), Schweine und ein Fohlen wurden erfolgreich gesichtet.

    Nach kleinem Kettenzwischenfall (wollte da etwa wieder jemand den Umwerfer benutzen und dachte naiverweise, er fahre ja eine schnelle elektronische Schaltung?) kamen wir, die letzte Abendsonne perfekt ausnutzend, zum Abendessen wieder nach Hause und wurden mit bestem Pollo, Salat und Kartoffeln belohnt.

    Tag 6 – The first big thing: Col de Sa Batalla, Puig Major & Col de Soller

    Da die meisten sich beim Planen darauf einigten, lieber die berühmte Sa Calobra Bucht in zwei Tagen mitzufahren, aber nicht unbedingt die große Runde mit dem Puig Major sehen zu wollen, machte sich die Autorin am sechsten Tag alleine auf den Weg (und genoss auch die Zeit für sich etwas). Auf dem Plan standen 119km mit 1860hm – sicher die größte Tour der Autorin jemals – aber sie hatte die Option auf ein Abholtaxi für den Rückweg und konnte sich den ganzen Tag Zeit nehmen.

    Begonnen wurde der Tag mit einem ausgiebigen Frühstück (man brauchte ja ein paar Kalorien zum Verbrennen) mit Pancakes und wiederum frisch selbst gebackenen Brötchen. Eingedeckt mit Riegeln, Dextro und Magnesium im Wasser ging es zunächst über kleine mallorquinische Dörfer nach Caimari in den Anstieg zum Col de Sa Batalla. (Bis heute ist der Autorin unklar, warum er manchmal auch Col de Sa Bataia geschrieben wird und was eigentlich richtig ist). Sich durch die Dörfer zu fädeln empfiehlt sich auf jeden Fall morgens mehr als abends, denn morgens kann man die kleinen steilen Stichstraßen in den Dörfern noch richtig genießen.

    Auf ihrem Weg kreuzten immer wieder große Rennradgruppen. Die Autorin ist sich nicht ganz einig, ob sie die Gruppen mag aufgrund der Dichte der Radfahrer allgemein auf Mallorca oder aber eher nervig findet, da man entweder hinter ihnen feststeckte oder von ihnen waghalsig überholt wurde. Handzeichen werden dabei auch nicht oder wenn, dann nur sehr sparsam verwendet. Biegt eine Gruppe also vor dir rechts ab, du willst selbst aber geradeaus fahren, brems‘ lieber schon mal vorsichtshalber und sei auf waghalsige Manöver einzelner Gruppenmitglieder gefasst. Über die Woche wurde auch klar, dass man alleine oder zu zweit eher oft gegrüßt wurde – aber grüßen für Gruppen irgendwie keine Option zu sein schien.

    Nach Caimari gehörte die Passstraße dann eindeutig nur noch den Radlern. In angenehmer Steigung ging es Kurve um Kurve nach oben durch ein wunderschönes Naturschutzgebiet. Oben angekommen ignorierte die Autorin das Passschild und die Tankstelle mit Café (sie würde beides zwei Tage später noch mit Anna nutzen) und begab sich direkt auf die gewellte Straße Richtung Aquädukt, an dem sich die Straßen zum Puig Major oder nach Sa Calobra bzw. zum Col del Reis trennen. Alleine die Straße zwischen dem Col de Sa Batalla und dem Aquädukt ist wahnsinnig schön. Nach rechts genießt man den Ausblick aus dem Tramuntana Gebirge auf die Ebene hinunter, später auf das Meer. Teilweise wurde die Straße einfach durch den Fels des Gebirges durchgehauen, als fahre man durch ein riesiges, eigens für sich selbst gebautes, Tor hindurch. Schon dieser Abschnitt war herrlich und rollte sich einfach so dahin. Die Autorin machte schließlich eine kurze Riegelpause auf Felsen mit Blick hinunter zum Meer (gerade noch rechtzeitig, bevor der Schokomüsliriegel sich sowieso wegen der Sonne und Körperwärme in seine Bestandteile aufgelöst hätte).

    Angekommen am Aquädukt bewunderte sie die perfekten Verhältnisse für Rennradler – direkt auf dem Col de Sa Batalla hätte man sich stärken können und auch hier, 8km weiter, gab es ein kleines Büdchen, Toiletten und ein Schild, dass für frisch gepressten Orangensaft warb. Besser konnte man sich nicht verpflegen lassen. So machte sie einen ersten kleinen Limostopp in der Sonne und nutzte dankbar die vorhandene Toilette, bevor sie zum Puig Major aufbrach.

    Ordentlich Respekt hatte sie vor den weiteren Höhenmetern insgesamt schon – bisher war sie noch nie so viele Höhenmeter (und noch 120km) an einem Tag gefahren. Also ging sie die weiteren 300hm Richtung Puig Major sehr langsam an und genoss vor allem die Landschaft, in der sie fahren durfte. Vorbei an den beiden Bergseen Gorg Blau und Cúber führte die Straße sachte immer höher, bis man schließlich am militärisch gesperrten Gipfel des höchsten Berges Mallorcas ankommt. Der eigentliche „Gipfel“, der kein Gipfel sondern einfach der höchste Punkt der befahrbaren Straße am Puig Major vorbei ist, fällt dann schon sehr unspektakulär aus. Zu erkennen vor allem daran, dass es danach durch einen Tunnel bergab geht und sowohl von der einen Seite, als auch aus dem Tunnel kommende Rennradler zur Seite fahren und verschnaufen (oder im Falle eines jungen Mannes eine ganze Tüte roter Lakritzstangen innerhalb von zwei Minuten inhalierten). Die Autorin machte dort ebenfalls Bekanntschaft mit einer sächsischen Gruppe Männer, die sich zum Training für den Ötztaler Radmarathon auf Mallorca getroffen hatten und darüber diskutierten, ob man für die kurze Tunnelfahrt nun die Sonnenbrille einpacken sollte oder nicht und begab sich hinter diesen ebenfalls auf die lange Abfahrt hinunter Richtung Sollér (mit eingepackter Sonnenbrille).

    Die Abfahrt war traumhaft und perfekt so gestaltet, dass man weder zu viel bremsen noch zu langsam werden konnte. Die Autorin genoss auf ihrer Abfahrt ein regelrechtes Cyclists‘ High und hätte fast vor Freude geweint (aber nur fast!), sodass sie ihre Abfahrt (denn sie hatte die Route über einen kleinen weiteren Bergkamm nach Sollér geplant) ebenfalls (nur fast!) verpasste. Dem Rad gefiel es natürlich nicht, dass dabei in Sekundenschnelle Entscheidungen getroffen und ein gewisser Umwerfer betätigt wurden, sodass sie nicht etwa halbwegs elegant weiterfahren konnte, sondern sich mit den letzten beiden Tempos um die Finger erstmal eingehend mit ihrem Rad und der Kette beschäftigte. Hierbei wurde ihr netterweise von einem niederländischen? (er hatte orange an und einen niederländischen Akzent im Englisch) Radler Hilfe mit der Kette angeboten, die sie dankend ablehnen konnte – das Problem war ja bekannt und hatte natürlich – wie bisher bei jeder Fahrt – auch heute mindestens einmal passieren müssen.

    Weiter ging es also über kleine Nebensträßchen erst nochmal hoch, dann aber rasch wieder runter ins Küstenstädtchen Sollér. Es war traumhaft vom höchsten befahrbaren Punkt der Insel innerhalb einer Stunde unten mit Meerblick ein Mittagessen genießen zu können. Zwischen Bars und Strand fährt in Sollér außerdem alle paar Minuten eine historische Straßenbahn, die zwischen Sollér und Palma verkehrt und sowieso auf der „evtl. mit Kindern machen“ Liste stand. Sie suchte sich eine gemütliche Strandbar und war zunächst von der Auswahl der verschiedenen frischen Smoothies ohne Orangen (der feuchte Traum eines jeden Menschen mit Orangenallergie) völlig überfordert, entschied sich aber schließlich für einen „Revive“, da sie den Namen so passend fand. Dazu gab es einen Garnelenwrap und die bereits erwähnte wunderschöne Aussicht direkt in die Bucht.

    Sich zur Weiterfahrt aufzuraffen war weniger schwierig als gedacht – hinaus aus Sollér Richtung Col de Sollér war die Straße aber leider erstmals eher schlecht befahrbar. Wenngleich alle Autofahrer sich sehr viel Mühe beim Überholen gaben und viel Abstand ließen, so war die Radspur dort trotzdem voller Split und die Mittagssonne brutzelte unbarmherzig von oben. Aus vorheriger Recherche war klar, dass sich aber bald die Straßen teilen würden: Die Autofahrer fuhren durch einen Tunnel, die Radler wurden über den Col de Sollér geführt. Zunächst war die Autorin sehr froh, schließlich von der großen Straße auf die kleinen Serpentinen abbiegen zu dürfen, stellte jedoch schnell fest, dass ihr Körper langsam merkte, wie viele Höhenmeter es insgesamt werden sollten (bzw. schon waren). So mühte sie sich die engen, kleinen Serpentinen immer weiter hoch und freute sich über jedes Schattenplätzchen. Da oben ein Café sein sollte, berechnete sie ihren (eigentlich noch üppigen) Wasservorrat genau bis dorthin – leider musste sie aber oben angekommen feststellen, dass das Café geschlossen war. Überraschenderweise erreichte sie in der vorletzten Serpentine von hinten die Frage „Is your chain ok again?“ und sie traf den netten Niederländer nochmal. Die Abfahrt vom Col de Sollér war sicher insgesamt auf Mallorca die am schlechtesten geteerte Straße – sodass sie die Abfahrt (vor allem im Vergleich zu den beiden Straßen zuvor) nicht so recht genießen konnte. Auch die Kilometer machten sich langsam bemerkbar und das Wasserproblem wollte noch gelöst werden. Sie ignorierte eine Tankstelle und hoffte darauf, in Bunyola einen kleinen Supermarkt finden zu können, vor dem sie ihr Rad einsehbar kurz abstellen konnte – ein Schloss hatte sie natürlich nicht mitgenommen.

    Bunyola kam – der Supermarkt kam – und der Supermarkt hatte einsehbare Wasserflaschen direkt am Eingang! Tschakka! Also schnell die beiden Flaschen aufgefüllt und auf ging‘s auf den gut 45km langen, flach geplanten Transferweg zurück nach Sa Pobla. An dieser Stelle muss nochmal dringendst ein Loblied auf die Radinfrastruktur auf Mallorca angestimmt werden. Selbst der Rückweg gestaltete sich mit kleinen Sträßchen wahnsinnig gut – man konnte auf dem Rennrad meistens einfach dahinfliegen. Durch kleine Dörfer, neben weiten Orangen- und Zitronenplantagen und an Windmühlen vorbei vergingen die 40km nicht wie im Flug, aber doch, so gut es eben nach einem solchen Tag geht. So wie immer waren natürlich die letzten 15km besonders zäh, aber auf diesen setzte nerviger Gegenwind ein – und da macht man dann einfach nichts mehr, außer versuchen, diesem im Unterlenker zu entgehen.

    Nach 6 Stunden Fahrtzeit (ohne Pausen!) erreichte die Autorin schließlich das berühmte Schlagloch und damit die Abbiegung zur AirBnB Finca – von dieser aus winkten schon Anna und Paula kräftig und nahmen sie jubelnd, fertig und wahnsinnig stolz in Empfang. Da gleichzeitig mit ihrer Ankunft die Wasserversorgung der Finca kurz stillstand, musste sie leider direkt in den Pool springen und duschte sich schließlich mit dem Restwasser der Außendusche ab. Der Abend endete mit einem riesigen Teller Tapas und einer Autorin, die stolzer auf sich nicht hätte sein können. Diverse Bilder und Erzählungen mündeten darin, dass sie morgen direkt wieder in Sollér einen Smoothie genießen würde und sie diese Woche nicht die einzige der Gruppe bleiben sollte, die den Puig Major fuhr…

    Tag 7 – Pausetag in Sollér

    Eigentlicher Plan: Markttag, die Drachenhöhlen anschauen, vielleicht durch Orangenplantagen wandern. Tatsächlicher Plan: Die Bilder von Sollér sahen so schön aus – hättest du etwas dagegen, da morgen nochmal so hinzufahren? Hatte die Autorin nicht – sie hatte ja nicht umsonst so davon vorgeschwärmt!

    So zogen alle nach einem guten Frühstück mit den Autos aus (ihr wisst schon: Der Gorilla mit der Sonnenbrille – Uh lalala – tanzt so gerne mit Sibille – Uh lalala! Den Mambo tanzen beide gerne – Uh lalala! – und abends zeigt er ihr die Sterne). So lernte die Autorin auch die Tunnelvariante nach Sollér kennen. Angekommen wurden Postkarten eingeworfen (die seltsamerweise später ankamen als die am letzten Tag vom Flughafen abgesendeten) und die Promenade entlangspaziert. Dabei entdeckten wir einheimische Eismanufakturen mit verlockenden „5er-Probier-Kombinationen“ – nach einem Tag wie gestern zu zweit keinerlei Problem (und wirklich unglaublich lecker). Wir spazierten also ein bisschen durch’s Städtchen – waren von der Auswahl potentieller anderer Mitbringsel für den besten Mann von Welt sehr underwhelmed (die Autorin hätte doch so ein blaues Lama mitnehmen sollen und als Handplüschgepäck des Fast-Schulkindes tarnen) – und stiegen hoch zum maritimen Museum um den Ausblick auf das Meer zu genießen. Die Smoothie-Zwickmühle des gestrigen Tages löste sich ebenfalls noch dadurch auf, dass die Autorin einfach einen weiteren Smoothie to go in der gleichen Bar holte und gemeinsam mit den Anderen am Strand genoss.

    Aus ästhetischen Gründen wurde die Rückfahrt entgegengesetzt der gestrigen Radfahrt gestaltet – mit dem Auto hoch zum Puig Major, vorbei am Aquädukt und runter über den Col de Sa Batalla verlangte leider vom Fahrer einiges an Können und Geduld ab, mündete aber darin, dass die Jungs ihre Pläne des morgigen Tages spontan abänderten. Dazu morgen mehr.

    Zuhause angekommen genossen wir die Sonne am Pool, malten Postkarten aus, tranken bestes mallorquinisches Bier (El Aguila) und harrten der Pallea mit frischen Garnelen. Abends wurden die weiblichen Waden spontan noch mit einer Rakete (Autorin) und Sternchen (Anna) sowie jeweils einem Ritter gepimpt, um die tapferen Pläne des morgigen Tages zu bestärken: Col de Sa Batalla & Sa Calobra. Außerdem wurde bereits in der weiblichen Vorbesprechung (der Wert der Tour sollte auf Genießen, Fotos, Kuchen & Limo gelegt werden) von Anna der Begriff der „Panoramatour“ geprägt.

    Ein Wechsel in die Panoramatour ist stets möglich!

    Tag 8 – The second big thing: Col de Sa Batalla / Col del Reis (x2) / Sa Calobra

    Heutiger Tagesmittelpunkt: Sa Calobra (& Col de Sa Batalla). Tagesziel: 112km, 2100hm. Starring: Sockenbuddy und bester Panoramatourguide Anna, Panoramatourmodus, kräftige Erkältung, ordentliche Motivation, Tattoo-Wadeln, ordentlicher Respekt vor Höhenmetern und Kilometern.

    Nach der Misere am Cap war von vornherein klar: Wenn wir Mädels zum ersten Mal über 2000 Höhenmeter (und gleichzeitig über 110 Kilometer) schaffen wollen, dann sicher ohne die Jungs irgendwo treffen zu müssen. Diese hatten sich außerdem spontan dazu entschieden, nicht die gleiche Runde wie wir zu fahren, sondern sich von einer geduldigen Ehefrau (samt Kleinkind) zu dritt mit ihren Rädern nach Sollér fahren zu lassen, um den Puig Major von dort hinauf zu fahren, am Aquädukt (wie wir auch) zum Col del Reis nach Sa Calobra abzubiegen, dann wieder hochzufahren und über den Col de Sa Batalla ganz abzufahren, um wirklich alle Highlights noch mitnehmen zu können (das sollten dann wohl 2200hm werden – also mehr, als wir fahren würden – was vielleicht für einen der Fahrer minimal wichtig fürs Ego war, munkeln manche böse Zungen?).

    Egal – wir fuhren zu zweit voller Elan los und kauften uns direkt ein paar extra Kilometer (und einen bösen Blick der deutlich korrekteren Fünfjährigen) ein, da die Autorin ihren Helm vergaß. Upsi – Vorbild sein? Kann sie wohl. Immerhin wurde bereits am Ortsausgang Sa Pobla bemerkt, dass es am Kopf doch erstaunlich zugig war. Es folgte die Auffahrt zum Col de Sa Batalla und das (für mit Anna nach hinten verschobene) obligatorische Passschildbild, sowie ein Stück Erdbeerkuchen und zwei Kaffee mit Limo (ohne Fanta Lemón im Urlaub in Spanien – ohne mich). Außerdem wurde das erste „fremde“ (also nicht zu Anna oder Steffen gehörende) Team Gelato (Trikot) gesichtet.

    Weiter ging es über die 8km lange Straße mit traumhaften Ausblicken zum Aquädukt – die Fanta dort wurde auf nach Sa Calobra verschoben – und hinauf zum Col del Reis. Hier hoch schwitzten beide schon ordentlich, wunderten sich aber nicht schlecht, als bei einer Foto- und Filmpause von drei Serpentinen weiter unten plötzlich drei Gestalten auf Rädern nach ihnen riefen. So trafen sich also alle (so gut hätte es keiner planen können) oben am Col del Reis. Hier hatte die Autorin trotz starker Erkältung samt schleimiger Begleitung auch noch gerade so die Power, sich zuerst nach oben zu strampeln und eine Fotosession der Anderen zu machen. Die Fotos wurden wunderbar mystisch, denn der Col del Reis war zu dieser Zeit genau am Gipfel wolkenverhangen und grüßte mit den letztjährigen Timmelsjoch-Verhältnissen.

    Die Abfahrt nach unten gestaltete jeder im eigenen Tempo durch den Nebel. Die Kehren erwiesen sich als gute Bremstester, da immer mal wieder ein Bus entgegen kam, der spontan den kompletten Verkehr lahmlegte. Insgesamt war die Abfahrt wunderbar mystisch und kühl, da über der gesamten Meerseite der Bucht eine Wolke hing und die Straße vernebelte – im Nachgang hätte die Autorin die gesamte Abfahrt gerne gefilmt (aber dachte sich, sie könne ja auf dem Weg nach oben auch noch filmen und Fotos machen). Die Faszination, mit dem Rad über eine Straße zu rollen, die sich selbst kreuzte, war, genau wie von einigen Influencern beschrieben, extrem da. Außerdem fand sich wiederum eine Art durch den Fels gehauener Straßenabschnitt, der im Nebel wunderbar mysteriös wirkte. Die Abfahrt zog sich lange nach unten, bis schließlich alle unten in der Bucht ankamen.

    Tja, und jetzt waren sie ja alle unten. Also mussten sie zwangsläufig auch alle irgendwie wieder hoch. Aber zuvor wurde aus den Strapazen des Caps natürlich gelernt: Ein Mittagessen musste her! Entgegen der Annahme, dass alle Cafés und Restaurants unten in Sa Calobra restlos überteuert sein würden, bekamen sie jeweils große Portionen Pommes mit Calamari, Pommes mit Croquetas und Spagetti Bolo von einer freundlichen Servicedame. Es wurde sich köstlich am Tisch amüsiert – und alle wurden heimlich (naja, nicht wirklich heimlich im Nachhinein) von einem einzelnen anderen Radler beobachtet, der einsam am Nebentisch saß. Je nach Gesprächsinhalt lachte er einfach mit – und schlussendlich schlich er sich im Hintergrund auch noch auf ein Selfie. Er ist nun bekannt unter dem Namen „der creepy Typ“. Die Autorin könnte außerdem schwören, sie kenne ihn von irgendwoher.

    Auf der Auffahrt wurde wieder klar kommuniziert, dass die Mädels nun weiter den Panorama-Modus genießen würden (ein Wechsel in die Panoramatour ist stets möglich!) und dies wurde auch ebenso getan. Die Autorin schaute unten (sie hatte mal wieder Angst, das kennt man ja schon von ihr) noch die Schwierigkeitswertung des Sa Calobra bei quaeldich.de nach: 4,5 Sterne! Das war ja so schlimm bewertet wie das Timmelsjoch! Von Italien aus!! – Aber es half ja nichts, sie mussten wieder hoch. Die Erkältung forderte inzwischen deutlich ihr Tribut, sodass sie gegen Ende des Anstiegs nur noch hinter Anna herkroch – und immer mehr und mehr Fotopausen nicht nur um der Fotos willen brauchte. Trotzdem schafften es beide (inzwischen in der Sonne statt in der Mystik) erfolgreich nach oben. Oben angekommen war es aber insgesamt (bedachte man die Erkältungs- und bisherige Höhenmeter-Situation) wirklich sehr fraglich, wo die 4,5 Sterne bei quaeldich.de herkommen sollten.

    Die weitere Ab- und Auffahrt zum Aquädukt genossen sie dann wiederum leicht getrennt, da die Autorin rasche Abfahrten immer noch mehr genießt als Anna. So traf die Autorin schließlich als erste die drei Jungs – Limo und Orangensaft schlürfend – am Aquädukt-Kiosk wieder. Beide Gruppen wählten dann zu unterschiedlichen Zeitpunkten (die Jungs gleich, die Mädels erst nach einer Limo-Pause) unterschiedliche Heimfahrrouten. Die Jungs rollten über den Col de Sa Batalla heim, die Mädels entschieden sich für die noch ungefahrene Route über den Col de Femenia nach Sa Pollenca und von dort (im Wind statt gegen den Wind) heim nach Sa Pobla. Der Col de Femenia und die Abfahrt nach Sa Pollenca erwiesen sich als ebenfalls traumhaft schön, einfach rollen lassen ohne groß bremsen zu müssen. Sie begegneten noch einem Mama- und einem Teenager-Schaf, die leider in die Rickon-Schule des Wegrennens gegangen waren – die Armen rannten die Kurve der Straße vor den Rädern entlang, statt in einem einfachen Satz geradeaus in die Böschung zu springen.

    Durch Sa Pollenca verließ die beiden kurz das Navi und sie verirrten sich in den vielen Einbahnstraßen, da die Route spontan morgens aufgrund des Windes umgedreht wurde (der geneigte Leser erinnere sich daran, warum zum Cap unbedingt ein Navigationsgerät mit Kartenmaterial gebraucht wurde.) Ein minimaler Trotzanfall der Autorin konnte von Anna schnell abgelenkt werden – aber beide hatten genug vom Radeln und wollten endlich nach Hause kommen.

    Sie kamen schließlich, glücklich und stolz wie Bolle, nach 6:45 Stunden Fahrtzeit wieder an der Finca an. (Zuvor wurde sich natürlich noch vom Schlagloch verabschiedet, sollte es doch die letzte Tour sein.) Die Jungs waren (natürlich) schon eine Weile zuhause und fragten neugierig nach den Höhenmetern und Kilometern des gesamten Tages… und es stellte sich heraus, dass die Mädels diesen (schwanzähnlichen?) Vergleich mit ihrer Panoramatour sogar noch gewonnen hatten. Es soll an dieser Stelle unklar bleiben, ob der Vergleich nur ebendeshalb, weil er scheinbar von männlicher Seite aus so wichtig war, seinen Weg in die Langzeiterinnerung der Autorin und ebendiesen Blog gefunden hat.

    Tag 9 – Letztes Eis mit Buch am Strand & Radrückgabe

    Der vorletzte Tag auf Mallorca verlief unspektakulär muskelkaterig. Die Erkältung fühlte sich (natürlich) etwas auf den Schlips getreten aufgrund der gestrigen Aktion und forderte ihr Tribut in Form von ordentlicher Müdigkeit. Die Autorin ließ sich daher (statt zur Wanderung) in ein (versehentlich in den Frühjahrsmonaten sehr zombieartiges) kleines Dörfchen am Meer mitnehmen und verweilte dort mit einem Buch und einem Eis der einzig offenen Eisdiele ein paar Stündchen an der Strandpromenade zwischen verlassenen Hotelbauten.

    Am restlichen Tag hieß es aufräumen, packen, Räder wegbringen (mit dem Auto und drei anderen Fahrern) und Essensreste möglichst fantasievoll vernichten. So kam es unter Anderem zu einem Mittagessen mit Popcorn, Melone y avec jamón. Außerdem wurden (natürlich) zahlreiche Eier für den anstehenden Flug hartgekocht. Abends opferte sich die Autorin noch gemeinsam mit Steffen eine Flasche Wein aufzuräumen und es wurde gemeinschaftlich Alfa Males geschaut.

    Tag 10 – Rückflug & Reifenpannen

    Die Fahrt zum Flughafen wurde sehr früh angetreten (der geneigte Leser möge an dieser Stelle wieder den Kleinkindfaktor beachten), da auch der Flug (eigentlich) recht früh um halb elf abfliegen sollte – tat er nur nicht. So konnte am Flughafen selbst noch außerhalb der Security in Ruhe gefrühstückt, der erste Kaffee des Tages getrunken und die ersten hartgekochten Eier erfolgreich unterm Café-Tisch gedealt werden. Hier wurde leider klar, dass die mallorquinischen easyjet Mitarbeiter keine so gute Laune hatten und einer Familie wurde ihr (1cm zu großes) Handgepäck unnötigerweise abgenommen. Daher wiederum der Tipp: Als kinderloser Handgepäcks-Single vor allem in Mallorca nicht in die Nähe des Aufgabegepäckbands kommen!

    Erfolgreich am Gate angekommen, fuhr unser Flugzeug ebenso erfolgreich mit einer Stunde Verspätung vor, spuckte seine ersten Gäste (aus Basel ankommend) sowie deren Gepäck erfolgreich aus… – dann aber spielten sich eines Segelfluggeländes würdige Szenen ab: Gut einsehbar vom Gate standen zwei Hansele sehr lange vor dem Vorderrad. Und da standen sie. Dann telefonierten sie. Dann standen vier Hansele ums Vorderrad drumherum. Dann waren diese vier Hansele wieder weg. Dann kam ein Auto (Aufschrift „Brok-Air“ – sehr originell). Die Hansele aus dem Auto standen etwas weiter weg am Rad – auch diese Hansele standen da eine Weile herum. Der geneigte Segelflieger (oder auch Kenner – oder auch Jakob) mutmaßte bereits: Da ist eventuell was kaputt. Aber unser Gepäck wurde eingeladen und es erfolgte ein Boarding-Versuch – wir standen also (bepackt mit Kindern, Kindersachen etc.) ca. 20 Minuten im Gate-Gang und konnten nichts mehr beobachten. Schließlich schrieb uns Steffen (der den Kindertrick beim Boarding nicht für sein absolut passendes Handgepäck brauchte und noch nicht mit den Kindern als erster wie ein Lemming ins Boarding gelaufen war, also noch draußen am Gate saß) „Unser Gepäck wird wieder ausgeladen“. Also Kommando irgendwann zurück und vier Stunden Warten am Gate, bis ein neuer Reifen aus Mailand eingeflogen und angebracht wurde.

    Pro: Die Flüge waren dank der Rückerstattung wegen Verspätung quasi umsonst und wir bekommen auch bei den horrenden Preisen am Flughafen Mallorca noch etwas zurück. Kontra: Der Burger King am Terminal C ist der schlechteste und langsamste Burger King, den die Welt je gesehen hat. Pro: Ich konnte meinen Verzehrgutschein erfolgreich in Mandel-Croissant-Dinge von Paul (beste Bäckerkette ever) und einen ordentlichen Kaffee umsetzen. Kontra: Sprints ohne mögliche Klopause, weil es plötzlich doch an einem geänderten Gate losgeht (und zwar jetzt gleich!), sind nicht gut für blasenschwache Menschen oder generell Kinder unter fünf geeignet. Die laufen da üblicherweise spätestens im Flug aus. Pro: Wir haben’s alle pünktlich in den Flieger geschafft. Doppelpro: Der beste Ehemann von Welt hatte uns geduldigerweise am Flughafen Basel abgeholt. Kontra: Der Arme musste doppelt lange warten, weil direkt beim Koffer abholen noch der Windelunfall rückgängig gemacht werden musste und wir auch noch blöderweise nach Frankreich statt in die Schweiz (zum parkenden Auto) liefen. Wähle also deine Tür am Flughafen Basel-Mulhouse nach dem Gepäckband weise!

    Größtes Kontra: Wir waren nicht mehr auf Mallorca, sondern zurück im kalten Deutschland.

    Pro: Es gibt da ein berühmtes Lied, das behauptet, Malle sei einmal im Jahr – also dann, bis nächstes Jahr! Bucketlist: Cap Formentor ohne Böen und mit ungefrorenem Kuchen, Sa Calobra ohne Erkältung & Drachenhöhlenbesichtigungen (diesmal feat. den besten Ehemann von Welt, Mathis, die Wi.-Schmi.s und s.g. wilde Tschingalinos?)

  • Transalp August 2023

    Prolog (vorm Prolog)

    Man könnte ja mal dieses „Bikepacking“ ausprobieren. Vor allem, wenn man (krank im Bett liegend) anfängt, sich zahlreiche hübsche Youtube-Videos dazu anzuschauen. Immer um Freiburg herum wird ja irgendwann langweilig, oder? Also zumindest wenn man die „kleinen“ Standardrouten alle kennt und sich an alles größere eher weniger (also noch nicht) traut. Ziel des Frühjahrs bis zur Approbationsprüfung: Den Kandel bezwingen. War zwar letztes Jahr auch schon Ziel, aber dieses Jahr hat man ja dank Kündigung vor der Prüfung mehr Zeit – naja. Zumindest bis Ende April.

    Und mit wem teilt man diese Ideen? Natürlich mit dem besten Ehemann von Welt. Der wirkt allerdings gar nicht so begeistert als Bikepacking durch Dänemark in den Raum geworfen wird – da sei er ja schon so oft gewesen. Zum Beispiel mit seiner Ex. Nochmal wäre langweilig. (Diese Ex-Freundin ist mir wirklich noch nie in die Quere gekommen – warum denn ausgerechnet jetzt?) Einzig valides Argument: Da gibt’s Gegenwind. Und davon eine Menge. Ich weiß nicht warum, aber schließlich endet es so: Fahr du mit Jan den Südschwarzwald-Radweg, ich mit Mathis in die Schweizer Alpen und wenn es uns taugt, dann gehen wir zusammen Bikepacken im Sommer. Und ich Depp kontere natürlich mit: Nagut, und wenn ich den Kandel bis zur Prüfung schaffe, dann schaffen wir auch eine Alpenüberquerung. Oh sweet summer child.

    Südschwarzwald-Radweg mit Jan: Easy. Tatsächlich. Macht Spaß – ist fast ein bisschen künstlich gedehnt in drei statt zwei Etappen ab Hinterzarten (und mal ehrlich – wer aus dem Schwarzwaldverein empfiehlt bitte armen, irregeführten Familien, am ausgerechnet letzten Tag einer Fünftagesreise sich und ihre Kinder mit den niedlichen Kinderfahrrädern und Gepäck den Rinken hoch zu quälen? Als würde irgendwer den Teil Freiburg – Hinterzarten über den Rinken fahren. Also wirklich. Jeder startet in Hinterzarten und fährt bis Freiburg). Und auch Alex kam heil aus der Schweiz zurück (und endlich sportlich mal etwas mehr gefordert als mit mir – er musste für die Alpenüberquerung also nur downgraden und sich auf meine Launen gefasst machen).

    Ich schreibe diese Zeilen übrigens im Januar 24 bei der Planung diverser nächster Schnapsideen – denn wenn man zwischen Januar und August 23 von „ich schaff den Schauinsland schon irgendwie“ auf Tage mit 1700hm über die Alpen upgraden kann, kann man ja wohl auch bis diesen Sommer auf Tage mit 2400hm upgraden – oder? Kommen wir also zum nächsten Punkt: Die Planung der Alpen 23. Was waren wir denn mit dem Motorrad gefahren? Das war hübsch, das war extrem hübsch… also dieses Timmelsjoch, das würde ich ja schon gerne auf dem Rad gefahren sein. Dann gibt’s da noch diese Geschichte mit dem Lago – da enden ja irgendwie alle Youtube-Alpenüberquerungen in dem Gebiet. Und dann halt irgendwie noch zurück. Wenn möglich, nur eine Bahn-Odyssee einplanen, zwei davon vermeiden. Ich soll Mathis fragen, was hübsch ist. Ich frage also Mathis, was es sich zu fahren lohnt. Und ich bekomme diverse gute Antworten – über die wir später nochmal diskutieren müssen. Angst habe ich lustigerweise nicht vorm Timmelsjoch (denn das will ich ja wirklich selbst fahren, weils so hübsch ist!) sondern vor allem vorm steilen Hahntennjoch und dem ebenso steilen Gaviapass. quaeldich.de lässt grüßen. Und Erinnerungen an sehr sportliche Rennradfahrer, die sich da schon hochgequält haben, während wir mit dem Motorrad einfach vorbei düsten. Zur Not kann ich ja schieben (dass ich auf einer vielbefahrenen, sacksteilen Straße sicher nicht schieben werde, sondern lieber auf statt neben meinem Fahrrad weniger Platz auf der kleinen Straße einnehmen wollen würde, war mir hier noch nicht bewusst – aber auch dazu später mehr). Ah – und natürlich eine Absprache: Wenn ich mit Alex so lange unterwegs bin und auf seine moralische Unterstützung angewiesen, sollte ich ihn vielleicht nicht wegen meiner Launen und Verzweiflung in den Anstiegen anschreien. Ob ich dann also auf Mathis sauer sein dürfte, um es kanalisieren zu können? Ja. Ok. Ich werde davon Gebrauch machen…

    Also gut. Die Route steht. Sie muss an diversen Stellen an Züge (ich will den Lago nicht mit dem Rad umrunden müssen, das kostet ja nur Zeit in der Sonne) und an die Hotelsituation angepasst werden. (Wie man sich erst dort ein Hotel suchen kann, bleibt mir schleierhaft – um ein Wochenende musste die Route mehrmals angepasst werden und trotzdem ein schäbiges Hostel mit in die Planung einfließen). Es gibt einen offiziellen Pausetag an einem kleinen, schnuckeligen See. Es gibt Addon-Strecken für Alex, damit ich halbe Pausetage machen kann. Dank Mathis wurde auch die An- und Abreisesituation noch rechtzeitig aussortiert – Epiloge sind Schmutz, ein Prolog soll her. Also gut – Prolog vom Bodensee rein ins Allgäu.

    Und zuletzt: Der Transfer: Flixbus Freiburg – Friedrichshafen. Easy per App gebucht. Bahn von Landeck nach Freiburg. Weniger easy zu buchen. Dank Mathis ist schon klar: Man kann in der App vorweg schauen, wo Fahrradstellplätze frei sind – aber Züge im Ausland mit Fahrradstellplätzen einfach per App buchen? Definitely not (Stand 2023). Nagut. Also zum Schalter gelaufen. Und mal ehrlich: Wenn wegen Verspätungen, Baustellen und Streiks an fast jedem Schalter jemand wild diskutiert, müsste man sich dann nicht über eine Kundin freuen, die vorher recherchiert hat, 40 Minuten später am Schalter steht und genau aufgeschrieben hat, welche Verbindung sie wann haben möchte? Weit gefehlt. „Ich möchte gerne Zug X am Y für zwei Erwachsene und zwei Fahrräder“ „Das glaub ich nicht.“ … Der geneigte Leser soll sich hier an das Faultier aus Zootopia erinnert fühlen – sowohl was Sprach- als auch Arbeitsgeschwindigkeit anbelangt. Schließlich wurde Herr Faultier wohl gewahr, dass es doch geht, und plötzlich druckte der Bahn-Drucker. Faultier schob mir eine Fahrkarte (1 Mensch, 1 Rad) über den Tresen – „Bar oder Karte“. „Äh – also für zwei Erwachsene und zwei Fahrräder…“ Faultier macht die Geste, die Faultiere machen würden, würden sie die Augen im Kundencenter verdrehen dürfen. „Das glaub ich nicht…“ (Ich dachte mir, ich sei wohl demnächst in einer Zeitschleife gefangen…). Man kennt es wohl – diese Momente, in denen man sich selbst fragt, was man hier eigentlich macht? Aber es war die deutsche Bahn. Die kennt man ja durchaus auch. Also abwarten und schlussendlich halte ich zwei Fahrkarten, zwei Fahrradkarten, zwei Reservierungskarten und einen Fahrtverlauf in Händen. Sicher das Gepäckstück, das am Ende am (unnötig) meisten Platz wegnehmen wird. Aber es existiert. Und damit ist ja alles gebucht und es kann losgehen.

    Tag 1 – Prolog: Friedrichshafen – Nesselwang (116,57km & 1673hm)

    Frühstück 6/10: Backwerk im Flixbus

    Das Wetter an Tag 1 lässt sich ca. mit diesen Stichpunkten zusammenfassen:

    • Wir wollen sowieso unsere Regenkleidung mal voll austesten
    • Der weibliche Part der Reise ist froh, sich vorher Regenüberzieher für die Schuhe gekauft zu haben (der männliche Part wird sich nach der Reise welche zum Geburtstag wünschen)
    • Der Wind stürmt immerhin aus der richtigen Richtung (und wir werden am Ende froh sein, dass der Bodenseeradweg gar nicht so viel am direkten Ufer des Bodensees, sondern deutlich windgeschützter in den Dörfern herum verläuft)
    • Wir wissen genau, dass wir im Hotel (der besten Hotelkette ever) leistungsstarke Föhns, eine Sauna und zur Not auch spät abends noch Essen bekommen werden. Vor allem die Föhns sind auf der Hochzeitsrückreise übers regengeschwängerte Timmelsjoch schon ausgereizt worden, als alle Motorradklamotten nass waren und sind damit auf jegliche Standhaftigkeit getestet worden
    • Warum so viele Spots zum etwaigen Baden eingebaut worden sind? Man weiß es nicht. Für dieses Wetter jedenfalls völlig überflüssig (und einer sollte noch zum Verhängnis werden)

    Bis hierhin sollte dem aufmerksamen Leser bereits klar sein: Es stürmt und regnet. Und zwar nach Wettervorhersage den gesamten Tag, die gesamte Strecke. Die Fahrt mit dem Flixbus ist unkompliziert, die Räder schon gut gewaschen, als wir in Friedrichshafen das Startbild vor grauer Bodensee-Kulisse machen. Die ersten Kilometer rollen gut dahin, flach am Bodensee entlang. Als wir auf der kleinen Mini-Insel bei Lindau den ersten kleinen (Aussichts-)Stopp machen, werden wir innerhalb von ca. 5 Minuten vom Wind trocken geblasen.

    Die Strecke des ersten Tages folgt grob dem Verlauf des Bodensee-Königssee Radwegs, wobei die Scheidegg der einzige bei Quaeldich verzeichnete Anstieg ist und das Königssträßchen nach Prüfung der Gesamthöhenmeter dieser Etappe und trotz eingehender Beratung durch Mathis aus der Planung ausgeschlossen worden ist. Bei dem Wetter vermutlich eher kein Verlust. Aufgrund der Wetterverhältnisse und damit fehlender fotografischer Erinnerungshilfen können genaue Streckendetails nicht mehr aus der Erinnerung rekonstruiert werden.

    Was noch klar ist: Wäre ich die Strecke bei Sonne gefahren, wäre ich vom Bodensee-Teil enttäuscht gewesen (da habe ich mir deutlich mehr Aussicht vorgestellt). Cafes am Streckenverlauf: Selten bzw. streckenweise gar keine auffindbar. Wir machen schließlich Halt an einem ganz unscheinbaren Straßencafe an einer Bundesstraße, das sich als sehr nett (aber auch wahnsinnig leer) herausstellt und uns zwei Stück Torte und einen warmen Kaffee beschert.

    Irgendwann werden wir an einem kleinen Stück entlang der Bundesstraße von einem Mensch mit Transporter gefragt, ob er uns bis zu einem Café bringen könne – da das Regengebiet aber den ganzen Tag mit uns ziehen soll und eher noch näher kommt, lehnen wir dankend ab. Im weiteren Verlauf sind in Erinnerung: Viele kleine Stichstraßen, aber keine dauerhaften Anstiege im Regen. Hoch und runter. Kurze Pausen in Bushaltestellen mit Blicken aufs Regenradar auf dem wenig Besserung in Sicht ist. Das Wetter zieht mit uns – ist weder deutlich schneller, noch langsamer. Riegel essen. Nach zehn Minuten beschließen, dass es so nur noch kälter wird und weiter fahren.

    Im weiteren Verlauf fragen wir uns, warum wir plötzlich ein kleines Stück fernab der geteerten Wege am Fluss entlang fahren sollen (samt überfluteter Mini-Brücken-Überquerungen). Das überforderte Gehirn der Planerin wird an dieser Stelle zu spät merken, dass das die in den heißen Freiburger Sommertagen angedachten Bademöglichkeiten waren und dass man diese jetzt wirklich skippen statt mitfahren sollte. Dabei wird ihr Hinterrad sich auf den letzten Metern zurück Richtung Teerstraße erfolgreich durch einen Platten über diese nicht gerade grandiose Gedächtnisleistung (ich sag’s ja – ab dem Doktortitel geht’s bergab) beschweren. Trotz eingefrorenen Händen und nasskaltem Zittern wird der beste Ehemann von Welt die Gesamtsituation unter einer Brücke erfolgreich fachmännisch lösen. Die Planerin wird dankbar sein, dass sie in dem Moment dann doch einfach „Mädchen“ sein darf und dumm daneben stehen, bisschen mit der Handylampe leuchten und herumhüpfen, weil ihr ab dem Anhalten natürlich direkt kalt wurde.

    Schließlich – das Allgäu. Grüne Wiesen. Sanfte Hügel. Und ein letzter, eher langgezogener Anstieg nach Nesselwang. Eine hübsche Teerstraße, erste blaue Lücken in der Wolkenschicht, einzelne Sonnenstrahlen auf nassen grünen Wiesen vor Bergkulisse und da – ein Regenbogen! Die Beine beschweren sich im letzten Anstieg, aber er ist endlich, die Kulisse ist traumhaft und die Aussicht auf die Hotelsauna exzellent. Die Einfahrt nach Nesselwang wird begleitet vom starken Rückenwind, der richtig anschiebt.

    Kurzes trauriges Intermezzo: Wir fahren von Norden oberhalb von Nesselwang ins Dorf ein. Pro: Der Blick aufs Städtchen von oben ist wunderschön. Kontra: Unser Hotel liegt im Süden. Am Hang. Und zuhause hat sich jemand bei Youtube-Videos immer darüber lustig gemacht, wenn Hotels am Hang gebucht waren und am Ende des Tages nochmal jemand einen Stich hoch musste. Haha. Wir müssen also einmal runter ins Dorf rollen und die Stichstraße zum Skihang gegenüber wieder hoch. Na Bravo. Auf dem Weg durchs Dorf wird beschlossen, die Reihenfolge im Hotel wird sein: Duschen, Sachen zum Trocknen aufhängen, im Hotel essen und dann die Hotelsauna noch ausnutzen. Nach den ersten Metern den steilen Südhang hoch übernimmt der Wind und schiebt uns sogar die Steigung hoch, sodass es nicht so schlimm wird wie zuerst befürchtet. Trotzdem sind die weiblichen Beine tot und die Frage groß: Und morgen das Hahntennjoch – wer hat sich denn den Scheiß nochmal aufschwatzen lassen?!

    Abendessen 8/10: Flammkuchen, Pizza, Sandwich, Bier & die Entdeckung, dass Magnesiumbrausetabletten doch gut schmecken (bis heute bleiben die Magnesium-Tabletten vom Ghetto-Netto einfach die Besten)

    Hotel 10/10: wie erwartet, Sauna genau am richtigen Tag an genau der richtigen Stelle und besonders romantisch durch Sturm draußen vor dem Fenster

    Tag 2 – Hahntennjoch: Nesselwang – Imst (89,09km & 1419hm)

    Frühstück 10/10: Wie erwartet gut, alle drei Frühstücksgänge (herzhaft, Joghurt mit Früchten und Müsli, süß) der Planerin umsetzbar und guter Kaffee.

    Da die Planerin Angst vorm Hahntennjoch hat, gibt es eigentlich die Idee von Pfronten bis Reutte mit dem Regionalzug abzukürzen. Problem hierbei: Der Regenradar ist der Meinung, dass unsere Zugabkürzung uns genau ins nächste Regengebiet ausspucken wird. Also überredet der beste Ehemann von Welt, dass man die Strecke bis Reutte doch radeln könne, um einfach langsamer als der Regen zu sein. Also gut, wir fahren die ganze Strecke.

    Der Regenradar hat gelogen – bzw. ist er durch die Berge ringsherum ganz schön ungenau. Schließlich halten wir immer wieder an und finden uns unter einem großzügigen Kirchenvordach wieder, alternierend zwischen auf der Suche nach Empfang fürs Handy in einem Radius von 100m das Handy immer wieder in die Luft recken, resignierend abwarten und besserwisserisch Wolken, Wind und Berghänge selbst analysieren. Irgendwann fasst der Himmel sich ein Herz und wir fahren auf nassen aber wieder sonnenbeschienenen Straßen (von unten werden wir also immer noch zielgerichtet nass) durch Pfronten und schließlich dort über die deutsch-österreichische Grenze, wo wir noch im Januar eine sehr schlecht gelaunte Abfuhr bezüglich der dortigen Rodelbahn und deren seltsamen Öffnungszeiten bekommen hatten.

    Nach einem Supermarkt-Snack-Stopp in Reutte und der Entdeckung leckerster Linzerschnitten geht es eine Weile hübsch mäandernd mit pitoresken Brücken am Lech entlang Richtung Süden.

    Bald werden wir abbiegen vom Lechradweg hoch zum Hahntennjoch – und das schon mit Kilometern in den Beinen. Die Angst und Spannung steigt (in Zukunft bei solchen Sätzen bitte immer bedenken, dass es sich dabei lediglich um den weiblichen Teil handelt). Ein weiterer Snack bzw. ein richtiges Mittagessen wäre vermutlich hilfreich vorm Hahntennjoch – doch die Suche gestaltet sich schwierig, alle annähernd am Weg liegenden Restaurationen hatten unterirdische Bewertungen oder zu. Schließlich entdecken wir bei der Durchfahrt durch Vorderhornbach sowohl zwei bepackte Fahrräder am Zaun eines Gasthauses, als auch ein Schild, das mit frischem Strudel wirbt. Es solle sowieso gleich wieder regnen – also warum nicht? Im Endeffekt sind das einzig vertrauenserweckend anmutende im altbackenen Gasthausinneren die beiden Mädels, die wohl den Fahrrädern draußen zuzuordnen sind. Anderes Essen als Strudel gibt es nicht und auch dieser stellt sich (als immerhin dadurch etwas vertrauenswürdigerer) TK Strudel mit einem Haufen Sprühsahne und einer Tonne Puderzucker über dem gesamten Teller inklusive der beigelegten Serviette heraus. Besser als nichts.

    Wir brechen also gestärkt wieder auf und fahren das letzte Stück an der Lech entlang. Unheilvoll wachsen die Berge linker Hand – und da sollen wir jetzt hoch? Die Erinnerung von der Hochzeitsreise ist schon richtig (und die Angaben auf Quaeldich auch) – das ist schon sacksteil. Aber gut. Jetzt gibt’s e keine andere Möglichkeit mehr als durchziehen. Und in den ersten steilen Kilometern, direkt nach der Abbiegung hinauf zum Pass von der Bundesstraße weg, wird klar – du wirst hier sicher nicht absteigen und schieben. Du wirst dich tapfer durchquälen durch die 12-15 Prozent und mehr Steigung – denn zwischen den auf der anfänglichen Rampe noch relativ zahlreichen anderen Verkehrsteilnehmern ist gar kein Platz um irgendwo abzusteigen und am Rand zu schieben. Und außerdem geht das. Es fühlt sich nicht gut an, aber es geht. Also zieh halt durch.

    Die Steigung nimmt im weiteren Verlauf ab. Ob der Temperaturen, dem Nieselregen und der Hitze durch die körperliche Anstrengung wird immer wieder angehalten: Jacke an, Jacke aus, Jacke um den Körper binden, kurze Trinkpause, Jacke an… Repeat. Man fährt, der beste Ehemann der Welt fährt voraus, versucht die Steilheit der Kurven fotografisch einzufangen, holt wieder ein. Kurze Pause beim Abzweig zum Dorf neben dem Anstieg. Dann geht es weiter. Wir sehen einzelne andere Rennradfahrer – alle (der Erinnerung nach) ohne Gepäck. Irgendwann fährt ein VW Bus langsam neben uns, fragend, ob wir irgendetwas bräuchten – Gel, Riegel, Wasser? Wir lehnen dankend ab – daran liegt’s ja nicht.

    Der weibliche Part entdeckt, dass man Taschen an den männlichen Part abgeben könnte (morgen wird davon spontan Gebrauch gemacht werden) und dass sie auf den Anstiegen den Wahoo hüten wird, denn damit lässt sich die Kraft besser einteilen und man kann sich motivieren, wie lange das rot (oder auch tiefrot) noch anhalten wird. Sehnsüchtig wird der Wechsel von grüner Landschaft zu schroffen Felshängen abgewartet – und schließlich kommen nach einer Unendlichkeit die letzten Kurven, beide kommen jubelnd (und ein Part völlig fertig) oben an. Strahlendes erstes Passbild (ohne gescheites Passschild). Trockenes zweites Radtrikot und beide Jacken für die Abfahrt anziehen – oben auf dem Pass ist es schweinekalt. Kurzes Gespräch mit dem VW Bus Fahrer von eben: Sie seien drei Kumpels, er heute Fahrer, die anderen beiden fahren gerade zum zweiten Mal das Hahntennjoch hoch. Vor zwei bis drei Stunden habe es oben auf dem Pass noch geschneit. Ebenjener Schnee ließ sich auch 150m an den steilen Hängen hinauf noch bewundern. Doch gut, dass wir erst heute Nachmittag hier angekommen sind.

    Auf der Abfahrt begegnet uns endlich die Sonne wieder, die Landschaft ist so schön wie von der Hochzeitsreise erinnert. Mit zwei Kapuzen übereinander ist die Kälte gut händelbar, nur die Hände werden so kalt, dass viel angehalten wird (und Fotos gemacht werden). Schließlich beginnen die Wälder wieder und die Jacken werden zurück auf die Taschen gestopft. Der Sommer hat uns wieder.

    In Imst Stopp bei einem Fahrradladen (neuer Ersatzschlauch und neues Kettenöl, da die Dame des Hauses gewichtssparsamerweise versehentlich das fast leere eingepackt hatte) und Stopp für neue Snacks im Aldi (und einem Block Käse – den wir leider im übernächsten Hotelkühlschrank vergessen werden, sodass doch kein ikonisches Video gedreht werden wird, wie Alex einen Block Käse auf dem Fahrrad snackt (Idee siehe GCN)). Hier gibt es außerdem Snack-Delphine statt Snack-Kängurus. Lecker.

    Einchecken im von Mathis empfohlenen rustikalen Hostel. Bestellung von bester (erster) Pizza und Calzone der Reise samt Vorspeisensalat. Aufgrund von Hunger verschwindet schon die halbe Känguru-Packung vor der Pizza und die erste Bierflasche ist natürlich auch schon offen – hierdurch leicht schlechtes Gewissen gegenüber den offensichtlich besser erzogenen Kindern der anderen anwesenden, mehrheitlich selbst und gesünder kochenden Familien. Ups. Vorbild sein? Können wir!

    Abendessen 10/10: Gelieferte Pizza, Bier aus dem Hostelkühlschrank und Kängurus zur Vorspeise.

    Hostel: Für ein Hostel 9/10, leider sehr altersschwacher, aber dennoch ausreichender Föhn. Pluspunkte für Charme. Mehr Pluspunkte, falls Wetter Aufenthalt draußen und Lagerfeuerabend zugelassen hätte.

    Tag 3 – Der Wasserfalltag: Imst – Sölden (54,42km & 1301hm)

    Frühstück 5/10: Unerwartet gut, im Hostel gibt es frische Brötchen, wir können zu unserem Block Käse und Resten des süßen Snackeinkaufs außerdem Butter und Marmelade zählen. Trotzdem kein Vergleich zu verwöhnten Hotelbuffet-Gaumenschmäusen.

    Dieser Tag ist geplant als halber Pausetag für die Planerin und beginnt mit einem erstaunlich steilen Anstieg auf vielbefahrener Straße raus aus Imst. Während am Anstieg spontan die Lenkertasche zum besten Ehemann von Welt umverteilt werden muss, stellt sich zwei Dörfer weiter heraus, dass der auf Komoot entdeckte „Geheimtipp – unglaublich schöne Strecke!“ abseits der Hauptverbindung zwischen Imst und Ötz diese kurzen steilen morgendlichen Strapazen tatsächlich gut wettmacht.

    Nach einer Weile treffen wir auf einen neu ausgebauten Radweg, dem wir spontan folgen. Nach einigen engen Fahrradweg-Serpentinen landen wir an einem romantischen Weg entlang eines Baches, an dem wir spontan die erste Pause einlegen und auf einer Holzbrücke unsere Füße ins Wasser strecken. So kann der Wasserfalltag doch losgehen!

    Nach dieser idyllischen Pause geht es zum eigentlichen (geplanten) Highlight des Tages: Der Tumpen Wasserfall. Laut Recherche ist dieser der einzige Wasserfall, der neben den zahlreichen anderen Wasserfällen auf dem Weg nach Sölden immerhin nur ein kleines Stück Gravel beinhaltet, das bis auf wenige Meter tatsächlich gut überwindbar ist. Wir stellen die Räder unterhalb des Wasserfalls ab, gleiten elegant über die nasse Holzbrücke und laufen neben Ziegen den Rest zum Wasserfall nach oben. Pluspunkte gibt es zuhauf für den Wasserfall – der männliche Part möchte jedoch kleine stechende Minuspunkte an die ortsansässigen Moskitos verteilen.

    Weiter geht es wieder am Radweg an der Bundesstraße entlang. Wir kommen vorbei am zweifachen Hotel der Hochzeitsreise in Ötz, das uns auf die beste Hotelkette von Welt aufmerksam gemacht hat. Schließlich halten wir in Ötz an und gönnen uns ein überraschend üppiges und kalorienreiches Mittagessen (eine riesige Portion Pommes und ein „Salat“ mit den zwei größten Kaspressknödeln, die jemals gesichtet worden sind). Dazu Cola, Almdudler und ein Wasserflaschen-Refill am örtlichen Brunnen, da der Sommer uns endlich wirklich gefunden hat.

    Auf dem Weg von Ötz nach Sölden halten wir uns wieder an den Radweg neben der Bundesstraße, der einige extra-Anstiege und hübsche Brücken mit kleinen Flussquerungen eingebaut hat. Zu unserem Erstaunen findet bei einem kleinen Trinkstopp ein Schmetterling zunächst Alex Pedale, dann auch unsere Hände wahnsinnig attraktiv und stellt sich für ein ausgiebiges Fotoshooting zur Verfügung (das tatsächliche Highlight des Tages). Als wir schließlich weiter wollen, ist er kaum davon zu überzeugen, auch seiner Wege zu flattern. Die Planerin ist insgesamt eher wenig begeistert von den Anstiegen und Abfahrten, die der Radweg immer wieder eingebaut hat. Umso mehr freut sie sich aber über die Brücken, die sie schon vom Motorrad aus so gerne einmal selbst mit dem Rad befahren wollte. Check!

    Schließlich Ankunft in Sölden in einem Hotel, dessen freundliche oma-artige Besitzerin einen schrecklichen Nippesgeschmack an der Rezeption beweist, aber im eigentlichen Hotelzimmer einen deutlich geschmackssichereren Innenausstatter konsultiert haben muss. Der Block Käse von gestern wird im Kühlschrank verstaut – leider für immer. Während Alex tapfer (ohne Taschen) zur Ötztaler Gletscherstraße aufbricht, kümmert sich die Planerin um die Wäsche, belegt den großzügigen Balkon mit tropfnasser Fahrradkleidung und stattet der örtlichen Apotheke und dem örtlichen Supermarkt einen kleinen Besuch ab. Auf dem Rückweg scoutet sie außerdem eine große Schaukel, die abends auf dem Weg zum Abendessen noch genutzt werden wird.

    Erschöpft auf das Bett sinkend, geht sie außerdem noch ihrem Scouting-Job für Abendessen nach (ernüchternd – Sölden ist ein teures Pflaster, zudem strotzend vor eher schlechten Bewertungen) und checkt kurz nochmal die Zugverbindungen für übermorgen (Bozen – Brescia). Oh Schreck – der Zug ist weg! Nach Auffrischung der italienisch-Kenntnisse des Google Übersetzers wird klar: Zwischen Bozen und Trento fährt nur Schienenersatzverkehr – und dieser auch definitiv nicht mit Fahrrädern. Also fix eine Route am Radweg geplant, 65 extra Kilometer für übermorgen eingefangen. Auf die Bahn ist wirklich nirgends Verlass – auch nicht in Italien (oh Wunder).

    Exkurs zur Ötztaler Gletscherstraße: Der erste steile Anstieg hinter einer Volksschule sei wohl eher kein ernsthafter Radweg, sondern viel mehr ein geteerter Wandersteig gewesen, von der Steigung her weder für Rennradler noch für übermotorisierte Mountainbikes oder auch alles dazwischen geeignet. Sorry, bester Ehemann von Welt! Ab der eigentlichen Straße sei es aber gut und gleichmäßig fahrbar gewesen, bis auf einen Bus und den einen oder anderen E-Mountainbiker habe es auch kaum Verkehr gegeben. Auf dem Weg zum „Gipfel“ weiter oben muss eine Mautstation passiert werden – darauf ließe sich vermutlich der geringe Verkehr zurückführen. Die letzten Meter seien leider wegen Sprengarbeiten gesperrt gewesen, aber eine Kapelle habe sich als alternatives Ziel angeboten. Der eigentliche Gletscher sei noch ein bisschen von der Route entfernt an einem Hotel gelegen und wurde nur von der Ferne aus begutachtet. Die Abfahrt habe aber richtig Spaß gemacht.

    Nach der Rückkehr des tapferen Gletscherstraßenbezwingers wird eine Dönerbude (die sich „Pizzeria“ nennt) als beste Option zwischen teuer, satt machend und guten Rezensionen für das Abendessen auserkoren. Nach ausgiebigem Schaukeln wird dort ein Döner und ein Cheeseburger mit Pommes zum Mitnehmen bestellt und gemeinsam im Hotelbett gegessen. Dabei ergeben sich seltsame Sprach- bzw. kulturelle Barrieren zwischen österreichischen Dönerbudenbesitzern und schwäbischen vor uns Bestellenden, die davon ausgingen, dass (wie ja wirklich völlig normal!) man irgendwann „mit allem?“ gefragt werde. Das scheint in Österreich wohl nicht so zu passieren. Da wird einfach „mit allem“ gemacht und verpackt. Und der Ärger ist groß, wenn dann aber nicht „mit allem“ gewünscht war. Gut, dass ich sowieso einen Tomatentag hatte und damit auch nichts zu beanstanden hatte. Die Qualität des Döners lag aber nur knapp vor Dönern aus Jena, die nur betrunken essbar sind. Die 4,0 der Google Bewertungen lassen sich mir nur dadurch erklären, dass Sölden einen eigenen Bewertungskosmos hat.

    Abendessen 2/10: siehe oben

    Hotel 9/10: weil fehlende Sauna und wir verwöhnt sind

    Tag 4 – Timmelsjoch/Passo Rombo: Sölden – Bozen (105,61km & 1594hm)

    Bereits vorm Frühstück: Checken der diversen TV-Kanäle des Ötztals zu Wetterlagen im Gebirge. Was wir mehrheitlich sehen: Wolke, Regen, Nebel, Gradzahlen nahe null. Ciao Sommer – das war ein kurzes Intermezzo mit dir! Wir konsultieren beim Frühstück wieder das allseits beliebte Regenradar. Hilft aber nicht. Immerhin wissen wir ja von der Motorradreise, wie schön das Timmelsjoch eigentlich ist. Und Gipfelbilder mit Motorradklamotten vs. Fahrradklamotten – so ein großer Unterschied ist das ja nicht. Erstere haben wir ja schon, also – was soll‘s?

    Frühstück 9/10: Weil wir verwöhnt sind: „Nur“ Filterkaffee, aber alle drei Gänge möglich und perfekte Kombination aus Speck, Laugenbrötchen und Philadelphia.

    Nach dem Frühstück resignieren. Alex bekommt die schwere Lenkertasche zusätzlich zur großen Arschrakete. Die Planerin darf somit mit reduzierter kleiner Arschrakete und Wahoo fahren. Regenkleidungsstatus: An. Es wird nicht wegziehen – es hängt vorm Berg (irgendwie logisch). Also Augen zu und durch. Im Keller aufgedrücktes kurzes Gespräch von E-Biker, der nach dem Ladestatus seines Fahrrads schauen will. Warum er freiwillig von Sölden aus Tagestouren macht, wenn er doch nicht den besten Ausgangspunkt fürs Timmelsjoch braucht, bleibt mir schleierhaft (Ötz ist viiieel schöner!).

    Auf geht’s! Auf den ersten Stücken braucht es immer wieder Atempausen – der Selbstwert der Planerin wird aber gestützt, da ein durchaus sportlich aussehender Mann (aber mit schlechterem Rad und Rucksack) ebenfalls in gleichen Abständen Pausen braucht. Wir witzeln, dass wir uns dann irgendwo oben begegnen. Wir begegnen seiner orangenen Jacke aber nie wieder. Etwas beunruhigend. Aufgrund des Regens, der zeitweise schlimmer wird, kurzes Unterstellen in einer Bushaltestelle und in Zwieselstein, bis es jeweils nur noch nieselt. Trotzdem insgesamt Freude, endlich diese Strecke aus eigener Kraft zu fahren und besondere Vorfreude auf die Straßen am Ende, die sich zwischen Kuh- und Schafweiden im Grünen entlangschlängeln werden.

    Schließlich erreichen wir die Mautstation und das dahinter liegende Motorradmuseum mit Restaurant – auf dem Parkplatz erstes Mal fast angefahren worden (besonders ärgerlich, wenn man bedenkt, dass die Autofahrer im warmen und trockenen Auto wirklich alle Zeit der Welt haben um vom Parkplatz runter zu fahren, während man selbst zitternd und durchnässt gerade ankommt und das Mittagessen herbeisehnt). Mehrere andere nasse Fahrräder stehen neben unseren.

    Das Restaurant ist voll, aber wir werden sehr schnell bedient. Gut zu wissen: Es gibt sogar kleine Kaminfeuer, um die man sich setzen könnte – an diesen war aber leider gerade nichts frei. Eine Portion Kinderspagetti und Kinderschnitzel mit Pommes später hilft nichts mehr – wärmer wird uns nicht, die Straße wird nicht trockener, und die Zwischenabfahrt wird auch nicht von alleine verschwinden. Also wieder raus auf die Sättel und irgendwie durch. Am Anfang der Zwischenabfahrt kommen uns schon total durchnässte andere Radler entgegen – oder fahren an uns vorbei hinab. Es ist sackkalt und nass (vor allem von unten). An einem sonnigen Tag sicher eine wunderbare Abwechslung vor dem restlichen Anstieg – heute: Eher eklig, kalt, nass und in der Nebelsuppe, die sich immer weiter verdichten wird, so gar nicht zum Genießen. Ziel der Sache: So schnell wie möglich durch, aber so langsam wie möglich bezüglich Kälte und Nässe. Gesamturteil: Brrrr!

    Endlich kommt der letzte Anstieg zum eigentlichen Timmelsjoch. Und die Planerin ist auch ganz schön fertig. An der „Höhe des süßen Kälbchens“ wird es zach. Sehr zach. Aber das war ja zu erwarten – und hier ist die Nebelsuppe immerhin noch nicht so dicht, dass man die süßen Kälbchen auf und neben der Straße nicht mehr sieht. Sooo süüüß! Die letzten Serpentinen begrüßen aber mit dichteren Nebelschwaden – herzlich willkommen in der Wolke! Irgendwie haben die eingelagerten Wolken bzw. der Nebel auch etwas schön Mystisches. Und es ist dank der körperlichen Anstrengung nicht mehr ganz so kalt. Schließlich kommt der Vogel (Adler?) und der eigentliche Pass! Schnell ein Passbild gemacht (höchstes Passschild ever – wohl aus Schutz vor Aufklebern?). Dann im Denkmal oben hektisch trockene Klamotten angezogen (samt Leggings) und unglaublich stolz sein, das geschafft zu haben. Wie befürchtet gibt es zumindest auf der österreichischen Seite keinerlei Aussicht. Aber sei’s drum, die kennen wir ja immerhin schon.

    Abfahrt! Auf der italienischen Seite wird es direkt schöner, wir haben eine Aussicht! Also zweites Gipfelbild mit dem besten Ehemann von Welt und Rennrad vor italienischem Alpenpanorama. Die Abfahrt wird genossen. Erstes Mal innerliches Bedanken bei den neuen Bremsbelägen. Auf halber Abfahrt mit Schrecken feststellen, dass bisher trotz Spende und Versprechen kein Gipfelbild mit Speichensternchen (von Lotte!) gemacht wurde. Schnelles Nachholen, aber auch Feststellen, dass sich eine Aussicht und ein Speichensternchen nicht so einfach gleichzeitig scharf und hübsch aufs Foto bringen lassen.

    Auf der Abfahrt finden wir den Sommer wieder (der uns danach nicht mehr verlassen wird). Auf Italien ist also doch Verlass! Weg mit den Jacken, weg mit der Leggings. Nach einem kleinen Gegenanstieg fahren wir eine wunderschöne kleine Straße im Wald weiter hinab und laufen auf einen SUV auf, der uns sogar extra vorbei lässt, damit wir die Abfahrt durch das Wäldchen genießen können. Sachen gibt’s, an die glaubt man ja gar nicht mehr.

    Auf was aber auch Verlass ist: Dass wir beide irgendwie zu dumm sind, um in Meran ein hübsches Fleckchen mit Mittagessen zu finden (das war ja mit dem Motorrad schon genauso…). Also fahren wir direkt durch Meran durch und begeben uns auf den Radweg nach Bozen, der uns später an der Etsch (was für ein dämlicher Name für einen Fluss) entlang führen und uns auch morgen einen unfreiwilligen halben Tag noch begleiten wird (danke Bahn). Schon dezent ausgehungert stoßen wir schließlich an einem Kreisverkehr auf ein großes Gebäude mit verdächtig vielen abgestellten Gravelrädern und einer Terrasse – hallo Kaffee-Stopp! Wir gönnen uns etwas, das wir wohl in der Fastnachtszeit als Scherben bezeichnen würden mit jeweils einer Kugel Eis. Wären wir nicht mit den Rädern unterwegs, könnte man hier auch prima Mitbringsel einkaufen. Kurz vor Bozen dann der zweite (und letzte) Platte: Des Ehemanns Vorderrad.

    Eigentlicher Plan war es, an diesem langen Tag früh im Bozener Hotel nahe des Radwegs anzukommen und am nächsten Tag sich gemütlich die Innenstadt beim Frühstück anzuschauen. Daher ist ein Hotel gebucht worden, dass nahe des Radwegs, aber eher fern der Innenstadt liegt, um die letzten km in die Innenstadt zu sparen. Tatsächlich ließ sich das Hotel der Kette „B&B“ nur schwer finden (grüne Corporate Identity, aber lila Fahnen um den Eingang zum Parkplatz zu markieren) und entpuppt sich als winziges Zimmer, in dem wir uns zum ersten Mal an den Rädern vorbeiquetschen müssen, da es auch keinen Fahrradkeller gibt. Die versprochenen Abendessenmöglichkeiten im Hotel sind ein Automat und eine Mikrowelle. Außerdem gibt es Wassersparhinweise in der Dusche, die so viel Wasser sparen will, dass zum Rinnsal-Duschen insgesamt bestimmt dreimal so lange und so viel Wasser gebraucht wird. Wir sind eher sehr verunsichert, ob diese wenig durchdachte Wassersparmaßnahme nicht viel mehr zu alternativloser Wasserverschwendung führt.

    Abendessen: Problematisch. Die erste Idee, sich abends doch noch die Bozener Innenstadt anzuschauen, scheitert an: a) keiner sicheren Option die Räder abzuschließen bzw. zu hohem Risiko, b) der öffentliche Nahverkehr braucht gut 45 Minuten in die Innenstadt mit unsicherem Rückweg, c) laufen dauert viel zu lange, d) Taxi ist uns zu teuer (irgendwo hört der Urlaubsluxus schließlich auf – wir brauchen unser Geld für gutes Essen!). Also 25minütiger Spaziergang zum nächsten großen Supermarkt, der immerhin bis 22 Uhr geöffnet ist. Wahnsinnig hübsches Industriegebiet (nicht). Die Planerin jammert (natürlich). Im Supermarkt ebenfalls Ernüchterung, da keine Schüttelsalate mit Dressing vorhanden (natürlich, wer nutzt in Italien schon Dressing?), also Sammelsurium an Essen eingekauft (unter viel Hunger natürlich immer schon eine schlechte Idee). Außerdem Schwierigkeiten mit der Packungsgröße von leckeren süßen Sachen, die man nicht an einem Abend aufbrauchen kann (bzw. zu viel Schokolade für Transport durch die Sonne beinhalten). Erstes Bild von übergroßem italienischen Pan di Stelle Regal gemacht und an Sunaina geschickt.

    Abendessen 1/10: Erinnerung kaum noch vorhanden an restliches Sammelsurium, nur eindrücklich an trockenen Schüttelsalat (ohne Schüttelnot, weil Schütteln macht ja nur mit Dressing Sinn).

    Hotel 2/10: Would not recommend.

    Tag 5 – SEV & Lago d’Iseo: Bozen – Trento (64,05km & 103hm) // Brescia – Lovere (57,22km & 238hm)

    Bereits am Vortag ist die Frühstückssituation im Industriegebiet von Bozen recherchiert worden und hat sich als halbwegs zufriedenstellend entpuppt. Eine sehr gut bewertete Bäckerei befindet sich angegliedert an den Bozener Obi, direkt in der Nähe des Radwegs an der Etsch. Also gut – typisch italienisches Frühstück, here we come! Naja. Zur Hälfte zumindest. Bei der Planerin gibt es Kaffee und ein Pistaziencreme-Croissant, auf dem Teller des besten Ehemanns von Welt befindet sich ein eher typisch deutsches belegtes Brötchen und auf einem weiteren Teller türmen sich zwei große süße Teilchen.

    Frühstück 7/10: Zu italienisch, keine drei Gänge, aber pappsatt nach dem Pistaziencroissant, das einer 8/10 in der Croissant-Welt entspricht.

    Aufgrund der Zugsituation und der Länge der heutigen Etappe(n) mit insgesamt ca. 125km entscheiden wir uns endgültig gegen die Bozener Innenstadt – da müssen wir wohl nochmal wieder kommen! Wir machen uns also nach dem Frühstück vom Obi auf in Richtung des bekannten Etschradwegs. In bereits genannten Youtube-Alpenüberquerungen wird dieser gern genutzt, um den letzten Rest Richtung Gardasee abzufahren – ich frage mich eher, wer nach den schönen Pässen Lust hat, Kilometer auf einem eintönigen Radweg durchs Tal zu schrubben. Vielleicht belohnt die erste Aussicht auf den Gardasee – aber der wurde sowieso zuhause schon als zu touristisch komplett weggestrichen. Aber gut, jetzt befinden wir uns auch hier. Immerhin nur bis Trento, ab dort sollen wieder Züge fahren. Man möchte damit dem Etschradweg gar kein Unrecht tun – er wäre sicher wunderschön, würde man zum Beispiel 30km auf ihm zurücklegen. Aber nach mehr als 80km insgesamt ist er einfach schnell zu eintönig. Die Planerin hält sich mehrheitlich in Alex‘ Windschatten auf, droppt immer wieder raus, wenn sie ihre Handhaltung verändern möchte, da ihr die Finger einschlafen und geht wieder rein, wenn die Hände wieder aufgewacht sind. Sie wünscht sich einen Rennradlenker herbei – zum ersten Mal reift der Gedanke nochmal stärker, sich ein „richtiges“ Rennrad zuzulegen. Wir verfahren uns auch noch zweimal – kehren wieder um. Das kommt davon, wenn man eine Strecke kurz abends im Hotel auf dem Handy zusammenschustert.

    Der Supergau ereilt uns dann am Ortseingang Trento – frischer Teer ohne Warnschild. Und natürlich hängt er an allen vier Rädern. Ich sehe uns schon vier neue Mäntel kaufen und am kommenden Pausetag aufziehen. Wir rollen also schmatzend und dabei jegliche kleine Körnchen von den Straßen einsammelnd Richtung Bahnhof Trento. Und damit ist Trentos Schicksal als Städtchen auch besiegelt: Wir mögen Trento nicht.

    Nach dem Kauf der Tickets bleibt noch Zeit für einen kleinen Bäckerei-Abstecher hinter den Bahnhof, dann geht’s in den Zug. Im Zug angekommen erwartet uns ein großzügiges Fahrradabteil, in dem wir die Räder aufhängen und bis zur Abfahrt üben, mit einem Taschenmesser die Teerreste von den Mänteln zu knubbeln. Es dauert. Zu Beginn der Fahrt werden wir dann auf die Sitzplätze verwiesen, niemand dürfe sich während der Fahrt im Radabteil aufhalten. Schade, hätten wir so doch gut anderthalb Stunden zum Rumknubbeln gehabt. Stattdessen unterhalten wir uns bis zu unserem Umstieg in Verona mit einer netten italienischen Bikepackerin, die uns schließlich aufklären kann, warum die Route mehrmals aufgrund der angespannten Hotelsituation am kommenden Wochenende umgeplant werden musste: In Italien steht ein langes Brückentagswochenende an, alle machen Urlaub. Jippie.

    Beim Umstieg in Verona beweisen wir kurzzeitig deutschen Bahnverspätungsoptimismus, die Italienerin verpasst aber leider trotz der Tragehilfe um Haaresbreite ihren Zug. Wir haben eine halbe Stunde zum Knubbeln, bis wir schließlich uns und die Räder in weniger nette, sehr knapp bemessene Fahrradstellplätze in einzelnen Wägen quetschen. Aber es klappt. In Brescia angekommen verbringt der beste Ehemann von Welt (da mehr Kraft und damit schneller) nochmal gut eine Stunde am Gleis, um unsere Räder vom Teer zu befreien – bis wir schließlich von sehr unfreundlichem Reinigungspersonal des Bahnsteigs verwiesen werden. Dass wir unsere Sauerei gerne selbst noch aufgeräumt hätten, sehen sie nicht als Begründung – sie schimpfen lieber und machen den entstandenen Dreck selbst weg. Die Laune ist ein bisschen im Keller.

    Die ersten Kilometer aus Brescia hinaus wird die Laune auch nicht besser – seltsame, sehr kleine, random beginnende und endende Radwege gespickt mit Glassplittern erwarten uns, bis wir es aus der Stadt hinaus geschafft haben. Die Planerin hat sowieso schon keine Lust mehr, sie spürt die unerwarteten ersten 60km zu sehr in den Beinen. Und überhaupt – dieser Tag hat mit einem Innenstadt-Frühstück und bummeln beginnen, ein kleines Bahn-Intermezzo beinhalten und schließlich mit entspannten 60km am Iseosee entlang enden sollen, niemand hat jemals von teergespickten Mänteln, eintönigen Etschradwegen und uneinsichtigen Reinigungsmitarbeitern gesprochen. Pff.

    Der eine Part kann also die eigentlich sich malerisch auftuende Strecke vorbei an einem Weingut mit Schloss hin zum Iseosee nicht mehr in vollen Zügen genießen. Wie vorgewarnt ist am Südende des Sees (und damit der touristischsten Stadt dort) relativ viel los. Dennoch sehen wir viele andere Rennradler, die offensichtlich trotz der stark befahrenen Straßen den See umrunden und fühlen uns damit etwas sicherer, machen wir doch gerade zum ersten Mal Bekanntschaft mit italienischen vollen Straßen, italienischer Fahrweise und dem Feiertagsverkehr. (Auch die plötzlich beginnenden und unerwartet endenden Radwege werden uns in Italien erhalten bleiben.)

    Die weitere Straße am westlichen Ufer des Sees zieht sich dann dahin, ist aber immer wieder gespickt durch schöne Aussichten auf den See, kleine Tunnel, Plätze zum Fischen, kleinere Dörfer und am Ende mit Kanus in einer Bucht. Es könnte herrlich sein – wären da nicht die unerwarteten km des Morgens in den Beinen, die immer wieder entnervt fragen lassen „Wie weit noch? Noch 10km?! Das sind sooo lange 10km!!“ Man würde jederzeit wieder um den Iseosee fahren wollen – aber bitte ausgeruht und mit besserer Laune. Generell wird uns der See und auch das Dörfchen Lovere am nordwestlichen Ende noch sehr ans Herz wachsen (im Gegensatz zu Brescia und Trento!). Wir folgen schließlich steilen Straßen und Kopfsteinpflaster in Lovere bis zu unserem AirBnB für die nächsten zwei Nächte, das relativ versteckt in einem Hinterhof eines Restaurant-Hinterhofs liegt und zu dem wir netterweise schnitzeljagdähnliche Bildbeschreibungen für die Anreise erhalten haben. Trotz der Beengtheit schaffen wir es, beide Räder im AirBnB unterzustellen.

    Nach einer ausgiebigen Dusche machen wir uns auf den Weg runter zur Uferpromenade auf der Suche nach Abendessen. Dabei entdecken wir süße kleine Tünnelchen „al Lago“ mit Bücherregalen in Felswänden. In einem kleinen imbissartig anmutenden Laden bekommen wir eine der besten Pizzen unseres Lebens und gutes Bier. Draußen füllt sich der Platz, ein Konzert beginnt. Alle singen mit, es klingt nach einer kleinen Variation von Eros Ramazotti. Wir feierns trotzdem ein bisschen mit und lassen den Abend nach der Pizza noch auf der Uferpromenade ausklingen, bis wir durch verschiedene Lichtinstallationen zurück zum AirBnB wandern.

    Abendessen 10/10: Drittbeste Pizza ever (Nummer 1: Rote Plastikstuhl-Klippenpizza auf dem Rückweg von Castellane in Südfrankreich, Nummer 2: Die Regen-Flieh-Pizza in Cortina d’Ampezzo), leckeres Bier in coolem Glas

    AirBnB 9/10: Könnte minimal größer sein, sonst alles da, was man begehrt

    Tag 6 – Pausetag: Lovere

    Nach Google-Erörterung der Frühstückssituation gehen wir (typisch deutsch) gescheit frühstücken. Wir sitzen alleine am Fenster einer kleinen Konditorei und genießen einen Espresso und drei (übergroße) süße Teilchen, deren schriftliche Beschreibung ihnen in keinster Weise gerecht werden könnte. Die Autorin lernt (echten!) italienischen Espresso zum ersten Mal zu schätzen und wird im Verlauf der Reise bitter feststellen müssen, dass dies von kurzer Dauer war und sich nicht auf ganz Italien beziehen wird.

    Frühstück 10/10: Zuckerschock inklusive.

    Wir gehen im Folgenden einkaufen und entdecken danach, dass Fahrräder sich am besten mit (nicht so gut für empfindliche Haut geeigneten) Feuchttüchern aus Supermärkten putzen lassen. Der Ehemann ist natürlich deutlich gründlicher – war ja klar – und geht danach das Städtchen erkunden, während der weniger höhen- und kilometerstarke weibliche Part des Paares einer sehr ausgiebigen Siesta erliegt. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt schwinden auch jegliche Kanupläne dahin und es wird sich im Nachgang herausstellen, dass auch die Fähren über den See bereits verpasst worden sind. Tja – dann gilt wohl auch hier, dass wir wieder kommen müssen.

    Der beste Ehemann von Welt scoutet erfolgreich Schaukeln, (hässliche, aber man tut, was man kann) Postkarten, eine Frühstückslocation für den nächsten Morgen und eine Eisdiele, zu der der träge Rest sich dann auch aus dem gemütlichen Bett hieven kann.

    Auch der Rest des Tages wird eine kulinarische Festivität: Erst riesiges Eis, gefolgt von Aperol in Bar eins, gefolgt von (typisch deutsch frühem) Abendessen mit drei italienischen Gängen, Bier und Weinbegleitung, abgerundet mit zwei Cocktails in Bar zwei. Gut, dass wir mit den Rädern unterwegs sind – andernfalls könnte man so viel leckeres Essen gar nicht genießen!

    Abendessen 10/10: Siehe oben. Details würden zu einem Restaurantführer ausarten, daher keine.

    Tag 7 – Zurück Richtung Alpen und Lago Moro: Lovere – Edolo (63,43km & 790hm)

    Heute geht es wieder zurück auf die Räder – dank des, wie wir inzwischen wissen, italienischen Feiertagswochenendes, nicht so weit, dafür mit ausgiebigem Badesee-Stopp und durch das Val Camonica bis Edolo.

    Frühstück ist bereits gestern gescoutet worden – wir gehen noch ohne Räder zur Uferpromenade und nähern uns schon wieder – wie sollte es anders sein – einer Patisserie und bestellen ein Sammelsurium an kleinen süßen Teilchen, mit denen wir uns an das Ufer des Sees setzen und die Wellen beobachten. Danach wird noch geschaukelt, bevor wir uns im AirBnB richten und auf die Räder schwingen.

    Frühstück 8/10: Zweiter Zuckerschock, aber vorm Radfahren zu süß und ohne Kaffee, daher kleiner Punktabzug

    Wir fahren also am Rande des Iseosees entlang, bis wir irgendwann steil einem Stich nach links zum Lago Moro mit diversen kleinen Serpentinen folgen. Oben angekommen empfängt uns ein wunderschöner Bergsee mit Kiosk und schwimmendem VW-Bus. Wir genießen also eine Weile den kühlen See und man probiert erstmals aus, wie es sich in Sport BH und Radelhose schwimmt – gar nicht so übel, wenn beides erstmal nass ist. Der Ehemann war weniger geizig mit seinem Gepäck und zieht eine waschechte Badehose an. Am Kiosk wird die im weiteren Verlauf als beste Fanta der Welt angesehene „Limonada“ zum ersten Mal entdeckt. Sie wird im Folgenden immer wieder zelebriert werden.

    Auf dem weiteren Weg durchs Val Camonica folgen wir mehrheitlich einem mäandernden Radweg und begegnen vielen sehenswerten Brücken über sehr blaue Gewässer. Wie man sich Italien eben so vorstellt. Gegen Ende müssen wir einer Bundesstraße folgen, die erstmals nach den vollbepackten Straßen im Süden des Iseosees für Unmut sorgt. Freunde der italienischen Überholweise (erstes Auto überholt Radfahrer, ein Motorrad überholt dabei noch erstes Auto und ein zweites Auto kommt entgegen) werden wir sicherlich nicht werden. Und sonderlich schön ist das letzte Stück nach Edolo rein auch nicht. Zu allem Übel erwartet uns dann auch noch eine Brücke mit dem netten Schild von „30% Steigung“ auf dem Weg zum Hotel. Wie war das mit Hotels am Berg buchen? Auch für das AirBnB vorgestern mussten wir schon wieder einen Stich in Lovere hoch – man könnte ein Muster erkennen.

    Apropos „Hotel gebucht“ – das hätte man mal besser für den richtigen Tag buchen sollen. Ein Hotelzimmer in Edolo haben wir – nach verwirrtem Anruf – nämlich für die darauf folgende Nacht erst. Ups. Kleiner Nervenzusammenbruch, denn – wir erinnern uns – die Hotelsituation war schon vor drei Monaten so angespannt, dass mehrmals umgeplant werden musste. Und italienische Feiertage. Und so weiter. Wir versuchen also zu recherchieren, haben aber kaum Empfang und lassen uns daher auf gut Glück in den Ortskern von Edolo herunterrollen. Dort fragt der beste Ehemann von Welt tapfer (eigentlich muss ja der weibliche Part immer Anrufe tätigen und Dinge erfragen) in einem Hotel nach, ob sie noch ein Zimmer haben – und sie haben eins! Schick kann man es nicht nennen und der Charme ist mindestens in den 70ern stecken geblieben – aber es ist ein Zimmer, es gibt Frühstück und der Rezeptionist ist wahnsinnig freundlich und unterhält sich mit uns über unsere weiteren Vorhaben auf dem Rad, als wir die Räder in den Fahrradkeller schieben. Schwein gehabt!

    Im weiteren Verlauf stellen wir fest, dass wir trotz ausgiebiger Lago-Nutzung noch wahnsinnig früh am Tag dran sind. Wir holen uns also unten im Städtchen einen Mittagssnack im Supermarkt, gehen auf dem ortsansässigen Spielplatz nochmal schaukeln und vertreiben uns während ein unerwartetes Gewitter aufkommt die Zeit ein wenig im Hotelzimmer. Dabei stellen wir fest, dass das gekaufte Baguette leider hätte aufgebacken werden müssen. Ubsi.

    Wieder im Trockenen machen wir uns auf zur Jagd nach Abendessen. Es wird wiederum eine Pizzeria werden (Google Rezensionen sind einfach wahnsinnig nützlich – Sölden ausgenommen), die wiederum im Rennen um die besten Pizzen unseres Lebens weit vorne Plätze belegen möchte. Und endlich! Nach erfolgloser Suche in Lovere ergibt sich für den männlichen Part ein Tiramisu zum Abschluss und für den weiblichen Part ein weiterer guter Espresso.

    Abendessen 9,5/10: Weil die anderen einfach einen Ticken besser waren

    Hotel 7/10: Einige Pluspunkte für das spontane Hotelzimmer schon mit eingerechnet

    Tag 8 – Passo Tonale: Edolo – Passo Tonale (46,88km & 1644hm)

    Frühstück 4/10: Enttäuschendes Hotelbuffet (wiederum sehr italienisch), immerhin gibt es alternativ zu trockenen Croissants auch Fruchtjoghurt, Pluspunkte für die nette Bedienung und die Cappuccino/heiße Schokolade Optionen

    Wir verlassen unser ungewolltes aber doch ein bisschen lieb gewonnenes Hotel in Richtung Ponte di Legno und damit Passo Gavia und Passo Tonale. Aufgrund der angespannten Hotelsituation fahren wir den Passo Tonale heute Nachmittag hinauf, um ihn morgen früh wieder herunter zu fahren und den Passo Gavia anzugehen (trotz Warnungen von Mathis, wie blöd der Passo Tonale sei – der Passo Tonale hatte immerhin ein gutes und verfügbares Hotel…). Wie gestern wird ob der Kürze der Strecke ein Bergsee eingebaut, der durch tiefblaue instagram-taugliche Bilder auf Komoot lockt.

    Der Tag startet nach einem kleinen Teil Bundesstraße aus Edolo hinaus mit einem Stich in Incudine, der selbst den Ehemann in den allerletzten Metern dazu zwingt, das Rad schieben zu müssen (mehr als auf das Vorderrad lehnen kann auch er sich nicht – wenn es dann immer noch abhebt, ist es einfach zu steil und wird als nicht mehr fahrbar deklariert). Auf dem folgenden netten Radweg werden wir kurz darauf von einer Horde italienischer e-Biker überholt, die uns aber mit Nachdruck gerne wieder vorbeilassen wollen, bevor es (sie sind deutlich ortskundiger) wieder bergab geht und wir sie überholen werden wollen. Auch mal eine nette e-Biker-Erfahrung.

    Wir folgen dem mäandernden Radweg weiter bis zu einer Sperrung, müssen kurz ausweichen, verfahren uns minimal in ein Gravelstück, aber kommen insgesamt gut voran. Dabei sieht man viele andere Familien, die unterwegs sind, grillen, Rad fahren oder einfach spazieren gehen. Ebenso voller Familien ist die Abzweigung zum Bergsee kurz vor Ponte di Legno. Wir kämpfen uns die steilen fünf Serpentinen zwischen wandernden Familien, Mountainbikern und zahlreichen Hunden zum Rifugio Capanna Valbione hinauf und ahnen schon, dass das kein angenehm leerer See sein wird. Außerdem schwant uns Übles für die Abfahrt, da selbst für die eigentlich geteerte Straße hier ein Mountainbike mit ordentlicher Federung sehr hilfreich wäre, da sie durchzogen ist mit Schlaglöchern, Schotter in den Kurven der Serpentinen und immer wiederkehrende Stellen mit einbetonierten Pflastersteinhaufen aufweist. Jippie.

    Der Bergsee selbst entpuppt sich als künstlich angelegtes Kleinod, das aus dem richtigen Winkel fotografiert sehr idyllisch wirken kann – allerdings eigentlich umgeben ist von einem riesigen Restaurant-Kiosk-Komplex und alles ist (natürlich) voller Menschen. Wäre ein klassischer Fall für „Instagram vs. Reality“ oder in dem Fall „Komoot Highlight vs. Reality“. Hübsch anzusehen und pausentauglich ist es trotzdem, wenn man die Menschenmassen ignoriert. Und natürlich macht auch die geneigte Planerin ein Bild, auf dem alles idyllischer aussieht, als es eigentlich ist. Wer kann, der kann. Der Ehemann erkämpft sich währenddessen tapfer eine Portion Pommes und ein Sandwich samt zweier Limonaden, die sich als Eistees entpuppen, bevor wir uns auf die rumpelnde Abfahrt zurück Richtung Ponte di Legno machen. Pluspunkt für die Gastro dort: Saubere Toiletten und Sonnenschirme.

    Nach kurzem Einrollen in Ponte di Legno (man muss schließlich auch die Ponte einmal anschauen), direkte Flucht wieder raus vor lauter Autos und Stau. Gegenüber dem Bergsee-Chaos, der Bundesstraße und Ponte di Legno selbst ist entgegen von Mathis‘ berichteten Horrorerfahrungen der Verkehr hoch zum Passo Tonale überhaupt kein Problem – die Straße ist angenehm ruhig, gut zu fahren und unser Weg wird immer wieder von kleinen pittoresken Gondeln über unseren Köpfen begleitet, die ihren ganz eigenen Weg von Ponte di Legno hoch zum Passo Tonale finden. Da unser Hotel leicht unterhalb der eigentlichen Passhöhe liegt, ist dies unser erstes Ziel. Trotz dass die Strecke so kurz ist, merkt man doch immer wieder die letzten 200-100hm des Tages, die zu einem spontanen Schwäche-Anfall in den Beinen führen (ganz unabhängig davon, wie groß die Etappe insgesamt ist).

    Am Hotel angekommen sind wir viel zu früh dran. Unser Zimmer sei noch nicht fertig, aber wir dürfen gerne die Radtaschen schon einmal da lassen und den Rest des Wegs ohne Taschen fahren. Das klingt doch nach einem Deal, den wir gerne annehmen. Dabei erste Verwirrung ob der Pass-Schilder (ja Mathis, ihr habt übrigens auch ein falsches Passschild-Bild gemacht…) – bereits am Hotel steht das erste Schild mit „Passo Tonale“ und diversen Aufklebern – aber der Anstieg reicht noch gute 100hm weiter. Das ist also ein Ortseingangsschild – keinesfalls aber ein Passschild. Also weiter. Nach einer Gondelstation begegnen wir einem weiteren vermeintlichen Passschild und machen selbst Fotos. Verwirrenderweise – dass es ein Ortsschild sein kann, war ja schon ausgeschlossen – gibt es aber weiter oben, nahe des Weltkriegsdenkmals noch ein weiteres Passschild. Also da nochmal Fotos gemacht. Und am Denkmal auch. Man kann ja nie wissen und sicher ist sicher.

    Wenn wir schon mal hier oben sind, fahren wir ein Stück weiter, ein kleines Stück den Pass wieder runter und noch einen kleinen Stich zu einem alten Flugplatz hoch – auf diesem müssen wir erschreckenderweise feststellen, dass zwei Wanderer auf der Start- und Landebahn spazieren gehen. Überall das Gleiche! Wir lassen uns dann wieder durch den Ort zum Hotel runterrollen (entdecken dabei das Ortsschild auf der anderen Seite, an dem gewisse Herren wohl fälschlicherweise ihr Passschild-Foto getätigt haben), checken ein, duschen und spazieren später nochmal in den Ort hoch um uns die Zeit zu vertreiben. Vor dem Hotelzimmerfenster sagt uns noch ein kleiner Hase freundlich hoppelnd hallo.

    Da wir irgendwie früh, aber dafür wiederum zu spät dran sind, verschieben wir den Besuch des Gletschers spontan auf den nächsten Morgen nach dem Frühstück und versuchen uns noch in Passo Tonale selbst zu beschäftigen. Bei der Suche nach Tempotaschentüchern entdecken wir im ortsansässigen Supermarkt Weihnachtstees (im August?!) und schlendern noch durch einen weiteren Supermarkt, weil Supermärkte gucken in fremden Ländern einfach spannend ist. Dabei werden saure Gummibärchen eingekauft, die in den nächsten beiden Pässen noch eine notfall-energieliefernde Rolle erhalten werden. Ein bisschen Touri sind wir ja auch, also kaufen wir uns noch zwei Pralinchen und Bruchschokolade zum direkt snacken in einem Touri-Schokoladen-Shop und schauen uns auch die anderen Kuriositäten an, die feilgeboten werden – bis zum Abendessen ist irgendwie noch ganz schön viel Zeit.

    Schließlich öffnen auch italienische Restaurants ihre Pforten (wir sind die Ersten – kurz nach uns treffen noch zwei Schwaben ein, sehr bezeichnend für Deutsche im Ausland…) und man gönnt sich eine Haxe mit Polenta (typisch italienisch – nicht), der männliche Käse-Fan dafür einen Teller Gnudi als Vorspeise und als zweiten Gang (die Autorin ist immer noch mit ihrer Haxe beschäftigt) einen Block gebackenen Gouda mit Kartoffelspalten. Die kulinarische Höhe war’s nicht, aber die Latte hat nach den letzten Tagen sowieso viel zu hoch gelegen. Für „lecker“ reicht es aber allemal. Der Guter-Espresso-Äquator wurde aber auch schon wieder rückschrittig überschritten. Schade.

    Abendessen 6/10: Weil wir inzwischen auch hier zu hohe Standards haben.

    Hotel: 8,5/10: Entgegenkommen beim zu früh ankommen und zu spät abreisen, Hase vorm Hotelfenster, nettes Zimmer, aber Sauna im Sommer geschlossen

    Tag 9 – Gletscher & Passo Gavia: Passo Tonale – Bormio (57,68km & 1426hm)

    Dieser Tag wird emotional werden und unter Anderem dazu führen, dass Mathis fragt, ob er vor unserer Rückkehr nach Freiburg lieber auswandern solle. Kurzfristig wär’s sicher besser gewesen – aber an emotionaler Breite ist heute wirklich alles dabei.

    Beginnen wir am Anfang und positiv: Frühstücksbuffet im Hotel mit zahlreichen frischen Früchten, frisch gepressten Säften (nicht nur Orange, da geht einem das Orangen-Allergiker-Herz auf) und – absolutes Highlight – frische Pancakes und Ahornsirup. Die drei Frühstücks-Gänge werden zugunsten der Pancakes und Früchte natürlich über den Haufen geworfen und eine Überfüllung direkt vor Angehen des Passes muss nicht gefürchtet werden, da zunächst der Gletscherbesuch ansteht.

    Frühstück 10/10: Siehe oben.

    Wir starten also mit einem Spaziergang hoch zur Gondelstation, zweierlei Gondelfahrten, Zwischenstation mit kleinen Mini-Gletscherseen, weiterem Weltkriegsdenkmal und Mini-Bunker-Museum und Besuch des eigentlichen Preseno Gletschers mit Überwinden der im Wahoo feierlich festgehaltenen 3000hm Grenze (und das ganz ohne Sauerstoff – fühlt sich ein bisschen illegal an). Die Laune kann besser nicht sein.

    Danach wartet die Abfahrt Richtung Ponte di Legno, direkt gefolgt vom Anstieg zum Passo Gavia. Wir erinnern uns? Der zweite quaeldich.de Angstgegner, der aber wunderschön sei und ein ganz kleines Sträßchen mit kaum Verkehr, also kein Problem, wenn man ob der Steilheit achtern müsse. Ja…. Nein.

    Die Straße ist schön. Sie ist klein. Sie hat geile Aussichten. Sie hält wirklich alles, was Mathis und quaeldich versprochen haben – bis auf eine entscheidende, klitzekleine Kleinigkeit: Sie ist gerappelt voll für ein so kleines Sträßchen. Und es wird der Tag werden, an dem die Autorin lernt, 15% Steigung aus Angst vor überholenden Autos schnurgeradeaus zu fahren. Im Wiegetritt ein bisschen nach rechts und links schwanken? Better not. Hoffen, dass die Autos die absolute Engstelle abwarten, bis sie überholen? Wir sind Italien – wo denken Sie hin, Frau Dr.? Das wäre ja absurd! Und so war der Anstieg – auch ob der immer wieder anziehenden, wahnsinnig steilen Stellen, ganz und gar beschwerlich (für den weniger nervenstarken Part des Paares). Und es kommt, wie es kommen musste – die Planerin macht Gebrauch vom zuvor erfragten „darf ich dann auf dich sauer sein?“ und sie war sauer. Nicht wirklich auf Mathis persönlich (scheinbar wurden die Erfahrungen von Passo Tonale und Passo Gavia ja vertauscht), aber schon sehr hart auf die Gesamtsituation und die nicht eingehaltenen Versprechungen. Und irgendwo muss die Wut ja hin – bestenfalls nicht zu sehr zum besten Ehemann von Welt, der sie ja noch bis zur Passhöhe antreiben muss. Also leidet sie. Und das irgendwann nicht nur durch die Wut, sondern auch einfach durch die toten Beine. Viel rekonstruieren kann sie nicht mehr, sieht aber auf den durch Ehemann gemachten Fotos, wie schön der Pass eigentlich war. Und auch jetzt braucht sie die Fotos, um sich zu erinnern, was eigentlich zwischen diesem besch***** roten Kombi, der wirklich am allerengsten und dümmsten relativ weit unten überholt hat, und dem Refugio oben an der Passhöhe eigentlich alles so passiert ist. Ah – an eine Sache erinnert sie sich doch noch ganz gut: Der besagte rote Kombi steht irgendwann weiter oben am Seitenstreifen und sie muss sich sehr zurückhalten, ihm nicht gegen die beiden Felgen (äh quatsch – die Radkappen natürlich) zu treten (wobei wir wieder bei den kaputten Beinen wären – das kann sie sich an der Stelle einfach nicht leisten. Sie will den Ehemann darum bitten, aber auch dafür hat der Atem nicht mehr gereicht). Der rote Kombi hat’s sogar auf ein Foto geschafft – fällt ihr jetzt gerade auf. Sie glaubt auch, noch zu wissen, dass an diesem Tag die Wasservorräte bereits knapp bemessen waren und die letzten Dextro Energy gestorben sind. Dies wird morgen noch relevant werden.

    Ein Part der beiden kommt auf jeden Fall sehr fertig und weinend vor Erleichterung – beide aber sicher gemeinschaftlich erleichtert oben an. Im Refugio sind sie spät dran, bekommen aber von der netten Kellnerin trotzdem noch ein Mittagessen, was die zickige Kellnerin mit einem bösen Spruch auf italienisch quittiert. Es gibt Gulaschsuppe, Spagetti Bolo und die allseits lebensrettend gute Limonada.

    Nach dem obligatorischen (sehr hübschen) Passschild-Bild mit Murmeltier geht es an die Abfahrt, unter Anderem am Lago Nero vorbei, die beide nun gestärkt und emotional wieder gefangen absolut genießen können.

    Und dann… kam Bormio. Hierbei muss ich nochmal auf die große Kluft zwischen der Beschreibung von Bormio in einschlägigen anderen Rad-Blogs sowie Mathis‘ Schwärmen und unserem Erlebnis von Bormio hinweisen, das sicher der Hotelsituation im Vorfeld geschuldet ist. Es gibt nämlich kein einziges buchbares Hotel (unter 250 Euro aufwärts pro Nacht) in Bormio selbst. Das heißt, wir rollen fertig vom Gavia-Pass und relativ spät nachmittags durch Bormio durch und nach Bormio wieder nordwestlich hinauf, um zu unserem Hostel zu gelangen. Aufgrund der Höhenmeter-Differenz und dem Fertigkeitsgrad der Autorin ist zum Abendessen nochmal runter und danach wieder rauf fahren keine Option mehr. Auf dem Weg zum Hostel werden wir uns bereits Abendessen in einem schnuckeligen kleinen Supermarkt kaufen, in dem wir die altbewährte Paris-Käse-Einkaufs-Technik anwenden: Käsetheke plündern, Baguette einkaufen, etwas Tiroler Speck für die Autorin noch dazu, Limo und Bier (dem schlechten, nach Etikett ausgesuchtem Rotwein aus der Original Paris-Ausgabe sind wir seither nicht mehr auf den Leim gegangen), Snacks im Sinne von Chips. Hallo Abendessen. Außerdem entdecken wir Pan di Stelle Eis! Auch das wird Sunaina natürlich direkt berichtet.

    Das Hostel ist wie erwartet (dezent) rustikal, der Besitzer Typ ehemals drogenabhängig, eine Mischung aus nett und ziemlich durch. Wir können uns immerhin als erste Ankommende die Betten im noch leeren zweiten Schlafsaal aussuchen und relativ unbehelligt duschen gehen. Weiterhin anwesend: Eine nette indische (Junggesellen-?) Gruppe im anderen Schlafsaal, später noch zwei andere Radler (mit kaputtem Rennrad im Kofferraum ihres Autos – sehr trauriger Anblick), ein schnarchender Motorradfahrer. Wir hätten es schlimmer treffen können – aber ob der empfindlichen Haut schläft die Autorin lieber auf ihrem Handtuch und dies soll sich auch als nützlich erweisen, bildet sich doch tatsächlich Ausschlag dort, wo sie mit dem eigentlichen Leintuch der Betten in Berührung kommt.

    Während des Abendessens am Gartentischchen kommt eine Gruppe tschechischer Bikepacker mit Zelten an – selbst die Campingplätze in Bormio sind so voll, dass sie ein gutes Stück bergauf zurück zum Hostel gefahren sind, um dort im Garten ihre Zelte aufzuschlagen. Die Badsituation bei einem Bad, einer Toilette und einer Dusche in genau einem Raum? Dezent angespannt, aber noch erträglich. Wir gehen abends mit unseren Limonaden noch spazieren und beobachten einen Hund 10 Minuten beim im Fluss toben. Bevor wir restlos verstochen werden, gehen wir zurück und legen uns schlafen – Podcast und Kopfhörer sei Dank bekommt die Autorin zumindest etwas Erholungsschlaf, denn der Motorradfahrer kommt wahnsinnig spät, leuchtet zielsicher mit dem Handylicht in ihr Gesicht und beginn bald zu schnarchen. Sie ist zu alt für diesen Sch*** (äh, Hostels mit Gemeinschaftsschlafsäälen natürlich).

    Abendessen 8/10: Altbewährte Methode mit Käse geht immer

    Hostel 2/10: Hätte noch schlimmer sein können.

    Tag 10 – Umbrailpass: Bormio – Mals (50,29km & 1436hm)

    Wir müssen uns nochmal über italienisches Frühstück unterhalten. Wir sind also – da Bormio ja so schön sein soll – fürs Frühstück nochmal runter ins Städtchen gefahren und haben uns daher angetan, diverse Höhenmeter mehr (nagut, vielleicht 150 extra?) zu fahren. Für Bormio. Weil’s ja so schön sein soll. Am Morgen eines italienischen Feiertages gestaltet sich aber auch die Frühstückssituation eher… sagen wir… schwierig. Die Gässchen waren schön, aber fast alle der Bäckereien und Cafes haben schlicht nicht offen. Schlussendlich finden wir eines, das recht nett ist und noch ein Plätzchen für uns hat. Wir frühstücken jeweils ein trockenes belegtes Baguette und Alex holt sich noch etwas Süßes – die Planungsbeauftragte war leider nach dem übergroßen trockenen Baguette schon relativ satt, sodass sie sich aufgrund des Magens und des direkt bevorstehenden Passanstiegs nichts Süßes mehr zutraut. Sie bittet außerdem die eher schlecht gelaunte Gesamt-Stimmungs-Lage mit Muskelkater, schlechtem Schlaf, morgens erstmal auf freies Bad warten müssen usw. zu beachten und in die Schlussbewertung von Bormio als „meh, aber könnte irgendwann noch eine zweite Chance bekommen“ miteinzubeziehen.

    Frühstück 4/10: Underwhelming für Café Frühstück (zu Italienisch und damit keine gute Leistungsgrundlage?).

    Danach geht es los in Richtung Umbrailpass. Der Umbrail erweist sich als wunderschön (tatsächlich wird dies trotz der Strapazen auch während der Fahrt schon bewundernd registriert), wird aber von der Autorin als ebenso hart wie der Gavia wahrgenommen. Trotzdem bleibt er in deutlich besserer Erinnerung und gefällt insgesamt auch landschaftlich besser durch die imposante Serpentinenschlange, die kleinen Flüsschen und Wasserfälle am Weg (nicht dem blöden Tunnel mit der blöden roten Ampel mittendrin und der depperten Steigung im gesamten Tunnel) und der letzten grünen Anhöhe vor dem Abzweig zum Stelvio, die mit süßen braunen motivierend glockenläutenden Kühen bevölkert ist.

    Zurückkommend auf die Beschreibung des gestrig fast entstandenen Wasserproblems sei hier darauf hingewiesen, dass für den Umbrail (nach nur Kaffee zum Frühstück) zwei normal große Wasserflaschen pro Person nicht mehr bis zum Gipfel reichen. Auch die Dextro Energy sind schon ausgegangen, die Riegel zu trocken im Mund (bei der Wasserknappheit) und die letzten sauren Gummischlangen bereits weiter unten am Pass gestorben. Es bleibt also zu hoffen, dass vor der Passhöhe noch ein Gasthaus kommt – und auch hier enttäuscht der Umbrail nicht. Wohl aber der (ehemals!?) beste Ehemann von Welt, der mit einer 1,5 Liter Flasche Classic Sprudel und einer Limonada Dose wieder aus ebenjenem Gasthaus tritt. Aufgrund des großen Durstes folgen 10-15 Minuten Qual, bis man die Kohlensäure endlich wieder los wird und weiter fahren kann. Auch irgendwie typisch deutsch – lieber Sprudel statt stilles Wasser zu kaufen, sobald es wieder verfügbar ist.

    Oben angekommen begleitet der (wieder) beste Ehemann von Welt noch kurz zum Umbrail Passschild – lässt sich ablichten, wirft die Radtaschen zur chillenden Ehefrau ins Gras und macht sich auf zum Stelvio. Bevor er in Rekordzeit wieder ankommt, ärgert sich die Ehefrau kurz, dass sie die weiteren Höhenmeter voraussichtlich nicht mehr schaffen wird (oder nur unter zu großen Qualen), dann aber eben auch hier nochmal herkommen müsse (und Bormio evtl. die zweite Chance bekommt, die es wohl verdient?), snackt Kekse, tauscht Kekse mit Snacks anderer Bikepackerpaare, die hier pausieren, lichtet Motorradfahrer und ältere Rennradfahrgruppen am Passschild ab und döst vor sich hin. Die Stelvio-Passhöhe sei touristisch überlaufen, es gäbe seltsame Essensstände, wird berichtet.

    Dann wartet die Abfahrt vom Umbrail, wir queren dabei erfolgreich einen kleinen Zipfel Schweiz, wobei diese Abfahrt ebenfalls eine der besonders schönen Abfahrten sein wird. Irgendwann sieht man Regen in der Ferne und beginnt sich zu beeilen – verwirft daher einen Pausenstopp im Café an der Hälfte der Abfahrt – und fährt durch bis zu einer bereits fest eingeplanten Eisdiele in Glurns.

    Auf der Abfahrt versucht die Autorin immer wieder zwei Motorräder hinter ihr vorbeizulassen, da sie nervig ähnlich schnell fahren und sie inzwischen einiges über italienische Fahrstile gelernt hat. Irgendwann verstehen die beiden Nasen das dann auch und fahren vorbei, sind tatsächlich nur wenig schneller in der Abfahrt – aber man hat sie trotzdem lieber vor sich als im Rücken. An einem Wasserfall machen alle Parteien Halt und die Motorradfahrer entpuppen sich als deutsch und entrüstet, dass man ihnen als Deutsche solch italienische Fahrstile zugetraut habe (klar, ich sehe den Motorrädern beim Schulterblick nach hinten natürlich auch an, welche Nationalität auf den Nummernschildern über ihren Hinterrädern steht und müsste ihnen daher als deutsche, korrekte Mitbürger vertrauen, dass sie ordentlich fahren können… Völlig logisch.)

    Nach einer rasanten Abfahrt gegen das herannahende Regengebiet finden wir uns schließlich im kleinsten (und sehr pittoresken) Städtchen Glurns im Vinschgau wieder, fahren durch das alte Stadttor in die kleine gepflasterte Innenstadt und stehen inmitten einer Vielzahl von Cafés, Eisdielen, überfüllten Fahrradständern und Kindergeräuschen. Aber auch in der Sonne statt im Regen – das vor dem Regen fliehen hat also ganz gut geklappt. Wir gönnen uns (an der eingeplanten, überfüllten und in Komoot vielgelobten Eisdiele) zwei große Mittagessen-Eisbecher – zur Feier des letzten „großen“ Passes (der Reschenpass morgen zählt nicht so richtig dazu) auch mit Schuss.

    Von Glurns geht es nochmal 110hm hoch nach Mals und zum nächsten Hostel, das – wie könnte es anders sein – an einem Stich bergauf liegt. Wir checken ein, duschen gemütlich und schlendern vor dem Abendessen durch das kleine Dörfchen, in dem heute ein Volksfest stattfindet. Trotzdem finden wir (natürlich vorher gegoogelt, wir brauchen schließlich nochmal ein sicheres Highlight) noch eine spontane Reservierungsmöglichkeit und eines der besten Abendessen der Reise – man merkt doch, dass man irgendwie wieder in Italien ist, wenn auch alle deutsch sprechen. Wir gönnen uns einen Teller Ravioli und mit Ziegenfrischkäse gefüllte Zucchiniblüten als Vorspeisen, den größten Teller Spagetti Bolo der Welt und eine Pizza als Hauptgang und Tiramisu bzw. Himbeersorbet und Griesnockerl als Dessert. Das ganze begleitet von Wein und Bier und einer super netten Bewirtung – was will man mehr nach den letzten Tagen? Nach dem Abendessen gibt es einen recht schweißtreibenden (da steilen) Aufstieg zu einem Abenteuerspielplatz – leider ist die Seilbahn abgebaut, aber es bleiben Schaukeln – und genießen das Konzert des Volksfests von oben, da die Autorin (schlechte – bzw. zu gute) Erfahrungen mit zu Bands tanzen nach anstrengenden Fahrradtagen gemacht hat und morgen gerne noch bis Landeck kommen würde. Der Abend klingt aus im Hostel mit bestem Bier aus dem Hostelkühlschrank. Hostels mit Privatzimmermöglichkeit sind eben doch nicht ganz zu verachten.

    Abendessen 10/10: siehe oben

    Hostel 9/10: Minimaler Punktabzug für die Stockbetten, vor denen Paare aber eingehend auf der Website gewarnt wurden

    Tag 11 – Reschenpass: Mals – Landeck (64,99km & 841hm)

    Das Frühstück ist hostelbedingt einfach, weist aber alles Notwendige auf. (Pluspunkt) Honig und Marmelade gibt es in großer, qualitativ hochwertiger Auswahl zu (Minuspunkt) schnöden hellen Brötchen, die wenig satt machen. Aber wir müssen heute ja auch keinen großen Pass fahren, also was soll‘s.

    Frühstück 5/10: Total ok für Hostelverhältnisse, aber die Sache mit dem verwöhnt sein…

    Wir starten über Feldwege und sich erstaunlich steil anfühlende kleine Anstiege (die Anfänger-Beine sind einfach durch, anders kann man’s nicht mehr sagen) westlich des Lago della Muta (oder Haidersee – aber das klingt nicht so schön) und entscheiden uns auch am Reschensee für den westlich gelegenen Radweg. Von einem weiteren Bekannten wurde uns eine Pizzeria am östlichen Seerand empfohlen – allerdings macht Pizza um ca. elf Uhr morgens einfach noch keinen Sinn. Daher gibt es hier keine Stippvisite, bis wir nach zahlreichem Hoch und Runter entlang des Sees am nördlichen Ende enttäuschend registrieren müssen (vor allem die Planerin ist sehr enttäuscht ob diverser Youtube Videos und Instagram Beiträge, mit welchen man mal wieder „Instagram vs. Reality“ spielen könnte), dass diese berühmte Kirche im Wasser des Reschensees zumindest Mitte August eher in einer eigenen kleinen Minipfütze des Sees steht, die vom eigentlichen Reschensee deutlich durch eine völlig ausgetrocknete Schicht getrennt wird. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Aber gut. Immerhin wartet das nördliche Ende des Sees noch mit einem durchaus brauchbaren Spielplatz und verschiedentlichen Schaukeln auf, sodass zum Ende der Reise auch am letzten Tag nochmal ausgiebig geschaukelt werden kann. Ein Badestopp wird aber verworfen – zu kalt und zu früh.

    Es wird dann weiter dem Radweg am Reschenpass gefolgt (wann kommt denn endlich der eigentliche Pass? Von dieser Seite eher unspektakulär…) und Halt am Passschild gemacht, für das umständlich Leitplanken umfahren werden müssen. Hier treffen wir zwei Bikepacker, die gerade erst loslegen und mit optimistisch vielen Bananen auf den Lenkertaschen in die andere Richtung fahren. Gegenseitiges Passschild-Abgelichte – dann geht es weiter.

    Wir folgen versehentlich kurz einer vielbefahrenen Straße beim Schloss Naudersberg, die bei der Planung mit „super zu fahren“ in Komoot quittiert wurde. Inzwischen ist der neueste Kommentar, dass sie zu schnell und zu dicht befahren für Radfahrer sei – dem würden wir uns vom Gefühl her anschließen wollen. Da wir sie aber bergab fahren, können wir mit etwas mehr Tempo verhindern ständig überholt zu werden – trotzdem sind wir froh, danach wieder einen klassischen Radweg auf der Route zu haben. Im Folgenden kommen wir an einer sehr interessant anmutenden Brücke vorbei, die sich als erster österreichischer Fischaufzug herausstellt. Was es nicht alles gibt!

    Schließlich finden wir das Highlight des Tages – in einem kleinen Dörfchen stehen vor einer Gaststätte verdächtig viele Rennräder und wir beschließen, dass dem Apfelstrudel-Schild vor diesem Gasthaus vermutlich deutlich mehr zu trauen sei. Wir drehen also spontan um und fahren ein kleines Stück zurück um uns ein frühes Mittagessen zu gönnen. Kurz nach uns (der männliche Part bestellt Kaspressknödel-Salat, ich Apfelstrudel und werde absolut nicht enttäuscht werden – bester und größter Apfelstrudel meines Lebens, dazu jeweils ein vorzeitiges Tour-Abschluss-Radler) fällt eine Horde Rennradmädels ein. And so it began … da steht ein Liv – also eigentlich stehen da sogar zwei Liv Rennräder. Und beide habe ich mir ja durchaus schonmal zuhause angeschaut und beide sehen durchaus wahnsinnig schick aus und… es ist mir fast ein wenig unangenehm (nagut, es war mir unangenehm) diese Räder anzugeiern. Aber sie waren so hübsch. Und sind sicher so schnell… und… überhaupt. Ebenjenes wird dem besten Ehemann von Welt gegenüber auch kundgetan, der entgegnet, ich könne ja mal fragen, ob ich eine kleine Runde damit drehen dürfte… Bevor ich mich aber sozial betätigen muss, fällt auf, wer zu welchem Rad gehört – das eine ist deutlich zu klein, das andere viel zu groß. Ich muss also keine soziale Exposition durchstehen, sondern kann mich wieder dem besten Apfelstrudel der Welt zuwenden.

    Wir nehmen dann das letzte Stück nach Landeck in Angriff und die Planerin vergisst, dass sie in Landeck aus Jux noch die Burg einprogrammiert hat – sodass erstmal ein Stück (völlig sinnlos) einen Stich nach oben gefahren wird, bis beiden Beteiligten klar wird, dass der Wahoo zum Schloss will, ihr Hotel aber unten im Dorf liegt. Somit liegt auch das letzte Hotel irgendwie kurz an einem Anstieg. Vielleicht ist das ein ungeschriebenes Bikepacking-Gesetz. Oder so.

    Auch hier sind wir zu früh dran und das Hotelzimmer noch nicht fertig – wir stellen unsere Räder in einer sehr seltsamen Variante eines „Fahrradkellers“ ab, beschließen aber, dass sie dort recht sicher stehen, da noch teurere Rennräder daneben stehen. Wir vertreiben uns die Zeit in einem Café und beobachten einen Kreisverkehr, tauschen uns über seltsame Nutzung eines Kinos aus (nicht für Kinofilme) und gehen im Rewe ausgiebig einkaufen (hier kommen wir wieder zur Freude, in fremden Ländern einkaufen zu gehen – leider scheinen wir schon aus dem Äquator der richtig guten sauren Gummibärchen gefahren zu sein). Wir debattieren kurz über Gepäckstückgröße und Krümelalarm, der Ehemann gewinnt und wir kaufen zwei Packungen Pan di Stelle (für Sunaina und für Mathis).

    Schließlich können wir einchecken und verzweifeln dezent während der Suche nach Abendessen – dann landen wir, da wiederum andere Restaurants nicht offen haben, im hoteleigenen Restaurant mit einem Kellner, der unangenehm bemühter aber gleichzeitig von oben herab bestimmender nicht hätte sein können. Die Karte ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig, ich erinnere mich nur an Unmut zum Hauptgang und den Versuch, es mit einem Kaiserschmarrn-Dessert zu retten – der immerhin ok war. Auf Nachfrage erinnert der männliche Part sich immerhin an seine Käsespätzle und nach weiterem Nachsinnen auch an einen (natürlich) trockenen Salat des weiblichen Parts.

    Abendessen 3/10: Wenn man sich nur noch an den Kellner, nicht aber an das Essen erinnert, sagt das schon viel aus (und auch für den Kaiserschmarrn braucht es ein Handyfoto, um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen).

    Hotel 5/10: Eigentlich absolut ok, aber seltsame Atmosphäre, hoteleigenes Restaurant und überkandidelte Preise und Website gegenüber tatsächlicher Hotel-Experience (sowie unbequemes Bett) führen zu einigem Punktabzug.

    Gesamtfazit

    • Bikepacking ist schon eine richtig gute Art Urlaub zu machen
    • Prolog > Epilog stimmt
    • Pausetage sind wichtig
    • Kulinarik ist wichtig
    • Hotels sind lieber zu teuer als zu billig – Hostels mit Schlafsälen werden unbedingt vermieden in naher (und ferner?) Zukunft
    • Man hat erstaunlich viel freie Zeit über, auch wenn man bis zu 1700hm am Tag fährt

    Statistiken

    • 12465hm, 770km & 42h 40min (weiblicher Part)
    • 2 platte Reifen
    • Die drittbeste Pizza ever & der beste Apfelstrudel ever
    • Over 10.000 beste Ausblicke
    • 5 Level Ups der Fähigkeit Stolz

    Epilog

    Ein halbes Jahr später wird die Jahresplanung sehr viel Bikepacking-Urlaub beinhalten (3 Tage im Schwarzwald, 3 Tage im Jura, 5 Tage in der Schweiz, …). Spoiler-Alert: Auch die weiblichen Teilnehmenden werden bereits im März die +2000hm am Tag knacken (dazu mehr im nächsten Beitrag).

  • Everve Gravel 2024 & Bodensee

    Schlüsselfiguren:

    Anna (die Motivation in Person und die beste Panoramatourbegleitung), Alex (der geneigte Leser kennt ihn als den besten Ehemann von Welt, kurz: bEvW) und der „vollen Dröhnung“ – 121 km, 1725hm

    Everve Gravel Tour 2024 – „Die volle Dröhnung“

    Nachdem die Everve Gravel Tour in Albstadt 2023 als erstes Rad- (bzw. Gravel-)Event der Autorin sehr positiv Erinnerung blieb, sollte sie dieses Jahr wiederholt (und ausgeweitet) werden. Mit Anna im Gepäck wurde ein ausgeklügelter Plan entworfen und die Ambitionen eine Schippe höher gelegt: Statt der mittleren Tour letztes Jahr mit ca. 88km und 1000hm sollte es dieses Jahr „die volle Dröhnung“ sein. Nach den mallorquinischen Höchstleistungen ja hoffentlich kein Problem – oder? Ob wir wirklich alle vier Verpflegungsstationen und das Ziel erreichten, dazu später mehr…

    Los ging es am frühesten für den armen besten Ehemann von Welt – wenn man ein großes Grüne-Flotte-Auto braucht, sollte man es entweder sehr früh reservieren – oder man holt es eben morgens um sechs Uhr in Gundelfingen ab, weil alle großen Autos in Stadtnähe schon vergeben waren. Nach einer erstaunlich unkomplizierten Einlade-Aktion der drei Räder in „Louise“ (selbst die Grüne Flotte gibt ihren Autos Namen!) und einem kurzen Abstecher zum Bäcker ging es los nach Albstadt.

    Dort angekommen entschieden wir uns aufgrund unserer Ankunftszeit keinen Parkplatz weiter oben am Weg zum Waldheim zu suchen, sondern das Auto direkt unten auf dem großen Wiesen-Parkplatz abzustellen und damit die ersten steilen Höhenmeter des Tages bereits vor dem eigentlichen Start anzutreten – das Eventgelände liegt nämlich auf dem Berg. Hallo erster Gang! Long time no see… Ein erstes Espresso-Angebot ignorierend bastelten wir unsere Startnummern an die Räder, gingen nochmal Pipi machen und los ging’s. Entgegen des letztjährigen Eindrucks einer staubtrockenen Schicht Kalkstein auf uns und unseren Rädern erwartete uns dieses Jahr ordentlicher Matsch. Trotzdem hatten wir durchaus Glück mit dem Wetter – genau am Eventmorgen hörte es pünktlich auf zu regnen.

    Wir kämpften uns also vor allem im allerersten Streckenabschnitt durch ordentliche Matschpfützen – während der BevW mit dem Hardtail den Spaß seines Lebens gehabt hätte, hätte er nicht ständig auf uns Mädels warten müssen, stieg die Autorin zu Beginn 3mal ab, um kurz durch die schlimmsten Matschpassagen zu schieben – andere Gravelnde mit ähnlich zum Straßenprofil neigenden Reifen taten es mir gleich. Nach dem ersten Kilometer wurde es aber bereits besser und die Autorin auch deutlich mutiger, sodass sie sich erstmals auch traute, einfach durch Pfützen durchzufahren, wenn andere vor ihr das auch taten. (Man sieht nämlich einer Pfütze gar nicht an, was da für Untergrund drunter ist! Daher haben Pfützen schon etwas Gefährliches an sich…)

    Bis zur ersten Verpflegungsstation waren wir daher schon komplett im fröhlichen „Schlammparty-Modus“ angekommen. Der Schlammparty-Modus fuhr sich bergab deutlich spaßiger, aber auch deutlich weniger prinzesinnengravelig (und damit auch deutlich weniger leicht bzw. schnell) gegenüber letztem Jahr – ein erster Vorbote dafür, dass beim heutigen Untergrund die „volle Dröhnung“ trotz Training kein Spaziergang werden würde.

    Wir genossen auf der ersten Hälfte unserer Dröhnung die abwechslungsreiche Strecke, die später an der Donau und Nebenflüssen entlang führte sowie die zwei Verpflegungsstationen mit Limo, Laugen-, Käse-Speck-Teilchen und Nudelsalat (50kg waren für alle Radelnden vorgesehen). Dabei hatte die Strecke – wie letztes Jahr – einige spektakuläre Ausblicke ins Donautal und die umgebenden Felsen zu bieten, sowie ein paar süße Brückchen, auf denen wir die Donau überqueren durften. Außerdem blühte überall auf der Alb der Mohn – damit kann man die Autorin ja immer catchen!

    Nach der zweiten Verpflegungsstation entschieden wir uns trotz den Begebenheiten und der fortgeschrittenen Uhrzeit weiter die „volle Dröhnung“ zu fahren statt auf die mittlere Strecke abzubiegen. Alle anderen um uns herum bogen jedoch auf die mittlere Strecke ab und so wurde es seltsam einsam. Vor allem die Autorin sorgte sich natürlich direkt – aber es gab keinerlei Hinweise zu Cut-Off-Zeiten bzw. wann die Verpflegungsstationen abbauen würden oder einem Mindestschnitt für die große Strecke – und sie waren pünktlich losgefahren und durchaus nicht ganz langsam. Also ging es weiter am Donauradweg entlang. Um die Moral hochzuhalten spritzte der bEvW die beiden Mädels gezielt mit ein paar verfügbaren Pfützen nass – es war nämlich ganz schön warm und angenehm sonnig geworden.

    Uns der nächsten Verpflegungsstation (und auch einem Klo mit fließendem Wasser) entgegen sehnend, kamen wir schließlich am gelb leuchtenden „Verpflegung in 5km“ Schild vorbei. Spoiler-Alert: Auf dem Weg von Albstadt zum Bodensee morgen sollten wir ein sarkastisches Foto an ebenjener Stelle mit ebenjenem Schild knipsen. 5km später nahmen wir eine seltsam unnötige Abzweigung auf einen Parkplatz in Beuron – fanden dort aber keine Verpflegung (zumindest kein offensichtliches großes Everve-Zelt) vor und fuhren unverpflegt und mit vollen weiblichen Blasen weiter, um kurz darauf den schlimmsten (im Sinne von verblocktesten) und steilsten Anstieg der Tour und ein (tatsächlich motivierendes) passendes Schild dazu vorzufinden. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits dank des Studieren des Kartenmaterials realisiert, dass in Beuron auf besagtem Parkplatz die Verpflegungsstation hätte sein sollen – da aber keiner von uns dreien das zugehörige Zelt annähernd erspäht hatte, sind wir davon ausgegangen, dass dieses bereits abgebaut war und haben uns mächtig geärgert und gesorgt, wie es dann wohl mit der letzten Verpflegungsstation in Stetten aussehen würde… Denn von Abbauzeiten oder einer notwendigen Mindestgeschwindigkeit war ja nirgends auf der Website die Rede gewesen. Mist.

    Also kämpften wir uns tapfer den schlimmsten Anstieg in unseren kleinsten Gängen nach oben. Wieder mal erwies sich, dass eine kleine Wutmischung im Bauch doch ungeahnte Kräfte an steilen Anstiegen freisetzen kann. Außerdem wanderte uns ein aufmunternder Typ entgegen, der eigenen Aussagen nach „schon längst abgestiegen wäre und geschoben hätte“. Dabei sah er nicht unsportlich aus! Von hinten näherte sich der Autorin (die mit ihren am ehesten durchrutschenden Reifen und dem höchsten kleinsten Gang das Schlusslicht machte, um Anna hinter sich nicht versehentlich durch spontanes Absteigen müssen zu behindern) eine ebenfalls dezent fluchende weitere Gruppe. Endlich oben angekommen bogen wir dann die Teerstraße hinauf zu einem rettenden Cafe ab statt der offiziellen Route bergab zu folgen. Da half nichts. Etwas zu Essen, frisches Wasser und eine Toilette mussten dringend her – auch wenn uns unklar war, ob wir in Stetten eine weitere Verpflegungsmöglichkeit haben würden oder nicht.

    Neben weiblicher Aufregung ob der Organisation wurden zwei leckere Stück Kuchen (entschuldigung – ein Stück Kuchen und eine Heidelbeer“torte“) und drei Limos bestellt, sowie die lang ersehnte Toilettenpause vollführt. Der bEvW ertrug die Laune still und tapfer. Es bestanden mehrere Überlegungen, ob er nicht schon mal losfahren würde, da er es in seiner Geschwindigkeit zeitlich sogar zur Siegerehrung und Tombola noch hätte schaffen können. Als wir unseren Kuchen aßen, sahen wir zudem einen weiteren, leicht verwirrten Radler am Parkplatz des Cafes – es stellte sich heraus, dass die Verpflegungsstation wohl doch am Parkplatz in Beuron noch existiert hatte, aber kaum auffindbar weit hinten stand. Auch da hätte ein Schild mehr uns sicher sehr geholfen… Aber jetzt war das Kind ja schon in den Brunnen gefallen. Aufgrund der kellnerschen Geschwindigkeit dauerte dieser unfreiwillige Stopp recht lange und wir kamen eher spät wieder los.

    Unwissend, wie lange uns die Verpflegungsstation in Stetten noch bleiben würde, radelten wir also weiter. Die Handgelenke taten weh, die Beine taten weh, der Popo tat weh. Zudem wussten wir, dass wir zwar schon die Hälfte der Kilometer, nicht aber die Hälfte der Höhenmeter hinter uns hatten. Puh! Typ 1 Spaß wurde langsam aber sicher von Typ 2 Spaß komplett abgelöst… In den Handynotizen der Autorin zu diesem Abschnitt hat sie ihn einfach nur mit „Qual“ beschrieben. Entsprechend war die Laune zumindest bei ihr dezent im Keller. Obwohl sie extra die Musikbox mitgenommen hatten, verwarf sie den Gedanken, diese auch anzumachen – schließlich hätte man dafür anhalten und kurz an der Technik rumfummeln müssen – und was, wenn in genau den zwei Minuten die letzte Verpflegung verschwunden wäre? (Diese natürlich absolut logische Argumentationsweise verdeutlicht nochmal gut, was körperliche Schmerzen und Anstrengung mit geistiger Leistungsfähigkeit anstellen können…)

    Schließlich überholten wir irgendwann zwei Männer, die sich am Straßenrand jeweils ein Gel gönnten. Gel brauchten wir immerhin noch nicht, oder? Und wir waren offensichtlich doch nicht die Letzten. Das brachte (zumindest bei der Autorin) ein kurzzeitig gutes Gefühl hervor. Angetrieben vom Gel (und den viel kleineren Gängen und damit erhöhten Trittfrequenz) überholte einer der Herren recht bald, ein sympathisches Hallo wurde unter Schnappatmung angesichts der Steigung ausgetauscht, er wartete dann aber wieder auf seinen Mitstreiter, sodass wir wieder zurück überholten.

    Kurz vor Stetten gab es dann noch einen seltsamen Umweg als die Schilder am Wegesrand nicht mehr zum GPS-Track passten – aber wir fanden doch den Weg zurück und schließlich die Anhöhe nach Stetten hinauf. Und was sahen unsere Augen da? Ein Everve-Zelt! Den Göttern sei Dank… Tatsächlich kam einige Minuten nach uns das Lieferantenauto und wollte den Abbau einläuten, aber wir und die beiden Herren hinter uns kamen gerade noch rechtzeitig, um die Nusshefezopfreste erfolgreich zu vernichten und uns alkoholfreie Bier und Wasser sowie einen Espresso zu gönnen. Außerdem verteidigten die beiden engagierten und sympathischen Mädels des Verpflegungsstands tapfer unsere Möglichkeit sich nochmal zu verpflegen, und schickten den Lieferantenmitarbeiter nochmal einen Kaffee trinken.

    Der Abschnitt von Stetten nach Albstadt zog sich dann (natürlich) wie Kaugummi. Wiederum geben die Notizen nochmal nur das Wort „Qual“ her. Der bEvW versuchte der Autorin noch ein Reh zu zeigen, das auf einer Wiese stand – nach dem zeigenden Finger des Ehemanns voraus suchte die Autorin aber lediglich (und vergeblich) den Himmel nach Segelflugzeugen ab, statt das Reh zu bemerken.

    Dann aber endlich! Der finale Anstieg zum Waldheim war in Sicht. Den hatten wir heute Morgen ja schon einmal – in Erwartung des Schrecklichsten wurde er also angetreten und im Kopf schon gewälzt, welches Bedürfnis jetzt am Schnellsten befriedigt werden musste: Essen, Trinken, Pipi, Goodiebag abholen, Rad waschen, Hotel Check In, duschen?! Wir kamen also endlich oben an – übrigens bei weitem noch nicht die Letzten – und durften neben der Freude, es endlich aber erfolgreich geschafft zu haben, direkt feststellen, dass außer einigen wenigen Laugenteilchen und Wasser/Spezi keinerlei Essens- und Getränkeauswahl für unsere Märkchen mehr da war. Auf die Frage hin, ob wir denn vielleicht für unsere Runde zu spät losgefahren wären und wie unser Schnitt denn gewesen sei, erntete Anna bei wahrheitsgemäßer Antwort, dass wir zwar erst gegen Ende des empfohlenen Startzeitraums (aber bei zwei Stunden Anfahrt vielleicht verständlich) und für Gravel mit ordentlichem 18ner Schnitt gefahren waren, geschockte Blicke, dass das dann eigentlich nicht sein dürfte. Auch die Tombola war schon vorbei. Die Preise wurden schon an unserem letzten Anstieg Richtung Autos an uns vorbeigetragen – so konnten wir nur hoffen, dass wir entgegen des letzten Jahres erst gar nichts gewonnen hätten mit unseren Startnummern. Obgleich das Essensbedürfnis (richtiges Essen) sehr groß war, holten wir ob der zeitgleichen Bredouille erst noch unsere Goodiebags ab – denn auch hier wurde bereits abgebaut. Wir versuchten jeweils nochmal zu betonen, dass wir immer noch nicht die Letzten waren… Schließlich überwog das Essensbedürfnis ganz klar auch das Rad-Wasch-Bedürfnis und wir gönnten uns Maultauschen mit Kartoffelsalat und Linsenbolo mit Käse. Nach einer kurzen Strategiebesprechung bezüglich CheckIn und Rad-ins-Hotelzimmer-Schmuggeln brachen wir schließlich auf zur Radwaschstation von Kärcher – obgleich das letzte gerade frisch geputzte Rad uns noch entgegenkam, wurden wir aber abgewiesen von zwei unwirschen Mädels, die die Station „jetzt aber wirklich abbauen wollten – wir sollten schon um 17 Uhr Feierabend machen und das habe auch auf der Website so gestanden“ und zogen auch hier dezent frustriert wieder ab. Weiterer Plan also: Nicht nur zwei voller Schlamm und Dreck strotzende Gravelräder ins Hotelzimmer schmuggeln und ohne Waschmöglichkeit morgen zum Bodensee weiterfahren, sondern auch ein vor Dreck strotzendes Mountainbike in ein Leihauto legen. Juhu! Nicht. (Keine Angst geneigte Leser, der Abend nimmt gleich wieder eine positive Wendung).

    Denn… es geht endlich bergab (und mit der Laune bergauf)! Dank Schmutzdecke aus dem Corsa lies sich das Hardtail auch mit Dreck gut im Auto verstauen und die beiden Mädels rollten bergab zum Hotel (endlich geht es wieder bergab!). Entgegen der Sorgen der Autorin (in die sie sich in solcherlei Stimmungslagen ja gerne mal verstrickt und es ihr gut täte, sich selbst mal zu fragen, was eigentlich im schlimmsten Fall passieren würde um dann selbst auf die Idee kommen zu können, dass alles nicht so schlimm ist…) war ein ausgeklügelter Rad-Hotelzimmer-Schmuggelplan nicht notwendig. Die nette asiatische Hotelbesitzerin zuckte nicht mal mit der Wimper, als die vor Dreck strotzenden Räder an ihr vorbei aufs Zimmer getragen wurden. Nach dreierlei Duscherlebnis und Umziehen legte sich Anna hin während der bEvW und die Autorin mit dem Auto nochmal den Weg zum Konzertabend am Waldheim antraten.

    Aufgrund der Learnings des Muskelkaters vom letzten Jahr genossen die beiden die Liveband zunächst sitzend und der weibliche Teil mit dem ersten von zwei sehr großzügigen Aperol (man trinke nun Aperol zum Rockkonzert statt Bier wurde später von einer Männergruppe hinter ihnen richtig festgestellt) um erst anderthalb Stunden vor Ende nochmal vor die Bühne tanzen zu gehen. Auch die Band (deren Mitglieder teilweise selbst geradelt waren) hatte erfolgreich gelernt: Die Nummer mit alle in die Hocke gehen lassen und auf zehn springen haben sie dieses Jahr weggelassen. Danke dafür! Ebenfalls wurde jede Gruppe gefeiert, die sich noch zum Tanzen aufraffen konnte. Nach diesem gelungenen Abschluss wurde die Autorin dann vom besten (und tapfersten) Ehemann der Welt zum Hotel gefahren und hoffte Anna nicht aufzuwecken. Für die beiden sollte es am nächsten Tag weiter gravelnd zum Bodensee gehen – für den bEvW, das Leihauto und sein Hardtail ging es noch zwei Stunden durch die Nacht nach Hause. Auch die Sorge, Anna zu wecken, war unbegründet – für eine ganze Stunde versammelten sich die Fußballfans Albaniens in Albstadt um – trotz verlorenem Spiel – ihre Mannschaft hupend im Autokorso zu feiern. Wir konnten diesen Enthusiasmus irgendwie auch im Hotelzimmer ein bisschen mitfeiern und hofften, dass der bEvW gut nach Hause kam.

    Was wir nächstes Jahr gerne tun würden? Mit Tschingalinos und ganzen Familien wieder kommen – aber die mittlere Tour wählen. Die große Tour haben wir ja erfolgreich geschafft – aber die mittlere erlaubt einfach einen insgesamt entspannteren Tag.

    Albstadt – Bodensee (Litzelstetten): 97km, 1457hm

    Am nächsten Morgen machten sich die beiden Mädels frisch erholt fertig zur ersten gemeinsamen Bikepacking-Fahrt: Anna packte eine Arschrakete, die Autorin einer Lenkerrolle, Top Tube Bag und Food Pouch und los rollten sie durch die Albstadter Innenstadt auf der Suche nach Frühstück. Dabei fanden sie die beste Buffet-Frühstücksoption überhaupt: Ein kleines Cafe, in dem es einfach alles gab! Auf der (dem geneigten Leser bereits bekannten) drei-Gänge-Hotel-Frühstücks-Skala eine glatte 10 mit Sternchen! Selbst frisch gebackene Waffeln und Pancakes waren drin. Dazu frisches Obst, reichlich Gemüse und Aufschnittauswahl – ein Träumchen mit leckerem Cappuccino dazu und für einen sehr erschwinglichen Preis. Absolute Empfehlung für jeden weiteren Albstadt-Aufenthalt.

    Weiter ging es mit einem Anstieg nach Stetten – auf prinzessinnenartigerem Gravel auch direkt angenehmer (wenn auch trotzdem ordentlich steil). Die Art des Gravels macht einfach viel aus! Auf dem Weg vorbei am Militärgebiet begegnete ihnen noch ein süßer Fuchs, der vor ihnen über den Feldweg huschte. An diesem Morgen konnten beide die Felder (voller Mohn, Linsen – nicht Mais – und anderen Feldblumen) auch richtig genießen. Außerdem hatten sie alle Zeit der Welt! Ein neben ihnen jagender Falke hatte kein Frühstücksglück – der Siebenschläfer, der einen Meter weiter erfolgreich weghuschte, dafür umso mehr. Außerdem waren beide Mädels sich einig, dass sie für die zwei unachtsam vor ihnen auf dem Weg flirtenden Vögel mit gelben Hintern gerne eine Vollbremsung gemacht hätten. Augen auf beim Frühlingsflirt! (Auf der Alb war schließlich erst Frühling).

    Auf dem Weg von Stetten Richtung Donauradweg testeten beide auf einem Zick-Zack-Trail hinunter ins Donautal die neu gestärkten Gravelskills aus und freuten sich über die offensichtlichen Fortschritte (trotz Gepäck). Auch der Donauradweg wurde genussvoller gefahren, waren doch einige Abschnitte von gestern schon bekannt und einige Fotospots wurden daher mit mehr Vorbereitung erfolgreicher fotografisch eingefangen. Wiederum kamen sie an einem kleinen Minikloster vorbei, dessen Bauweise sehr an das alte Rom erinnerte (und das sie eigentlich gestern schon googeln wollten), sowie über diverse schöne Brücken vor Felsformationen, die die Autorin an die zwölf Apostel in Australien erinnerten (nur in schwäbischem Donautal statt australischem Meer).

    An einer der Brücken kam es jäh zu einem ebike-Riesengruppen-Stau, da die entgegenkommenden e-Biker mehrheitlich vom Abbremsen und Abbiegen auf die Brücke bei Gegenverkehr überfordert schienen. Ob wenig später die zwei Spaziergänger deshalb vor den ungefährlichen Gravelmädels dezent zusammenzuckten, weil ihnen dieses Rudel bereits von hinten begegnet war? Man weiß es nicht – aber die Vermutung liegt nahe.

    Kurz darauf kam es zu einem kleinen Windjackenzwischenfall (die Jacke löste sich von ihrer Position auf der Lenkerrolle und fand ihren Weg ins Hinterrad), sodass die nunmehr wirklich (wie sie von Mathis sowieso schon benannt wurde) Haute Couture Jacke erstmal teilweise fachfrauisch mit einer Pinzette aus der Hinterradbremse entfernt werden musste. Nach kurzer und erfolgreicher OP konnte der Weg aber erfolgreich und mit zwei astrein funktionierenden Bremsen fortgesetzt werden.

    Da die beiden bereits wussten, dass in Beuron (vor dem Abbiegen Richtung Bodensee und einem weiteren Anstieg) auch heute Verpflegung essentiell werden würde, fotografierten sie in ironischer Erinnerung an gestern nochmal das „5km bis zur Verpflegung“-Schild und nahmen sich einen Stopp im bereits gestern erspähten Radcafe in Beuron vor. Dort gab es (erfolgreicher als gestern) Aprikosenkuchen und Limo. Sie ließen es sich nicht nehmen, trotz weniger extra-Höhenmeter dadurch nochmal nach dem Everve-Verpflegungszelt zu suchen (denn das in Stetten stand noch), aber auch heute konnten sie keine weiteren Hinweise erspähen, wo genau sie es gestern übersehen hatten bzw. es hätte stehen sollen. Tja.

    Weiter ging es noch ein kleines Stück am Donauradweg – wiederum viele schöne Felsformationen, der berühmte übergroße Tisch mit Stühlen in der Donau sowie ein Cafe mit Bademöglichkeit – aber leider hatten sie sich ja gerade erst frisch verpflegt, also fuhren sie weiter. Schließlich ging es einen letzten großen Anstieg durch den Wald (diesmal mit musikalischer Begleitung) nach oben – durch ein weiteres Dorf – und wiederum mit ein paar kleinen Anstiegen hoch auf eine Ebene, von der aus sie eine herrliche erste Alpensicht zwischen hübschen Feldern genießen konnten. Dort ließen sie sich für eine kleine Stärkung nieder. (Neue Erkenntnisse: Cola Maoams sind die besten Maoams und Cliffbars sind zwar arschteuer, aber schmecken auch extrem gut).

    Von dort aus machten sie sich auf den Weg nach Stockach, vorbei an einem („Baden verboten“) kleinen Badesee (Fake-Bodensee?) und über einige Dörfer. In Stockach wollten sie eine letzte (herzhafte!) Verpflegungspause machen vor dem Endspurt zum Bodensee. Leider schien Stockach sonntags nur aus geschlossenen tatsächlichen Cafes, Eisdielen und Dönerbuden zu bestehen (die aber „cafe“ im Namen haben und sich erst, wenn man davor steht, als Dönerbude herausstellten). So kehrten die beiden mangels Alternativen in einem Eiscafe ein, wo die Autorin ein Kiwi-Spagetti-Eis und Anna aus Ermangelung an herzhaften Alternativen einen eher schäbigen Toast Hawaii verzehrte und vergeblich auf ihre Eislimo wartete. Aufgrund der Abendessenzeit der Kinder am Bodensee und der allgemeinen Verfassung wurde die weitere Route auf Rennrad umgeplant, um etwas schneller in Litzelstetten anzukommen.

    Nach Stockach begann die Umgebung immer mehr nach Bodensee auszusehen: Die beiden fuhren zwischen Obstplantagen hindurch, durch immer mehr kleine Dörfer, an Erdbeerständen vorbei und die Umgebung ließ sich vielmehr als wellig statt bergig beschreiben. Auch die Einfahrt in den Landkreis „Konstanz“ ließ das Ziel schon erahnen. Kurz danach rannte ein Huhn (wie aus dem Film) mit vorgerecktem Köpfchen hektisch vor ihnen über die ansonsten leere Straße. Witzig!. Zwei Rehe hoppelten im Feld links neben ihnen hinter ihrer elegant springenden Mutter hinterher. Süß! (Damit die halb blinde Autorin das auch sah, strengte sich Anna doppelt an, um zu ihr aufzuschließen und ihr das Naturschauspiel rechtzeitig mitzuteilen – Danke dafür!).

    Nach einigen sich ziehenden Wellen und kleineren Anstiegen erreichten sie schließlich den Bodenseeradweg und Anna wurde in den letzten 5km immer schneller, kannte sie doch die Umgebung schon und witterte das Part-Time-Zuhause in Litzelstetten. Mehrmals teilte sie mit „das ist jetzt wirklich der letzte km!“ (die Autorin ignorierte also das zeitgleiche Schild mit der Aufschrift „Litzelstetten – 5km“) oder auch „hier geht’s wirklich zum letzten Mal kurz hoch!“. Außerdem fragte sich die Autorin, warum auf Kreuzungen am Bodensee immer wieder drei grüne Kreise auftauchten. Schließlich erklommen sie wirklich die letzte Minirampe und rollten mit Bodensee-Blick hinab zum Schwanenstieg und wurden von der restlichen Familie Wi.-Schmi. enthusiastisch mit Wasser und Obstauswahl begrüßt. Am späteren Abend gab es noch herrliches jakobsches Abendessen mit Steak vom Grill (perfekt gegart natürlich), Knusperkartoffeln und Gemüse sowie zum Dessert frisches Obst und Prapsschralinen. Und zum Einschlafen gab es auch angenehme Seegeräusche statt Hupkonzerte (10/10).

    Bodensee – Freiburg (Donaueschingen): 84km, 762hm

    Am Vorabend wurde die geplante Gravelroute zurück nach Freiburg schnell am Handy in eine Rennradroutenoption nach Freiburg und eine direktere Alternative zum Bahnhof Neustadt umgewandelt – das Wetter sollte im Schwarzwald spätestens zum frühen Nachmittag kippen, also sollte eine schnelle Route mit Bahn-Abkürzungsoption her. Nach entspanntem Aufstehen, Puzzeln, gegenseitigem Zöpfe flechten und Frühstück rollte die Autorin schließlich alleine los, um den Rückweg nach Freiburg anzutreten. Die ersten beiden Straßen sollten die steilsten des Tages werden – musste man doch vom Schwanenstieg direkt steil nach oben. Im ersten Fünftel des Weges stellte sich die Routenführung ob der nicht vorhandenen Ortskenntnisse und diverser Hochwassersperrungen und Baustellen noch als etwas abenteuerlich und sackgassenfreudig heraus, aber bald hatte es die Autorin auf den Bodenseeradweg Richtung Radolfszell geschafft.

    Dort traf sie verschiedenste Sorten e-Biker an (die umsichtigen oder auch diejenigen, die von Links-Abbiegeprozessen, bei denen entgegenkommende Autos mit Vorfahrt sie sogar durchgewunken hätten so überfordert waren, dass sie zunächst halb vom Rad kippten und damit das (eigentlich freundliche) Auto zu einer Weiterfahrt animierten, sich bei den erneuten wackeligen und raumgreifenden Anfahrtsversuchen gezwungen sahen, das eigentlich freundliche Auto lautstark anzuschreien und dabei nochmal fast auf die Fahrbahn umzukippen). Der weitere Bodenseeradweg nach und durch Radolfszell stellte sich als teilweise frisch geteerte (aber leicht durch Gegenwind gestörte) sehr angenehm zu fahrende Radautobahn heraus. Ob der wenigen sicheren Transportmöglichkeiten sammelte die Autorin leider keine frischen Himbeeren ein, die am Straßenrand nebst anderem Obst angeboten wurden – auch wenn sie sehr verlockend waren.

    Aufgrund des erwarteten Regens wurde auch die zweite Frühstücksoption in einer Bäckerei, die offensiv mit frischen Waffeln warb, ignoriert und die Autorin setzte ihren hügeligen Weg fort. Schließlich machte sie erst ein gutes Stück später einen Frühstückshalt mit Riegeln und füllte ihr Wasser kurz vor dem ersten langgezogenen Anstieg auf. Mehr und mehr wandelte sich die Umgebung von hügelig zu bergig. Trotz der Beschreibung auf Komoot kam ihr einer der Anstiege auf einer zweispurigen Schnellstraße dann doch eher unangenehm vor – wenn auch ihr mehrere andere Radelnde selbstbewusst auf der nur einspurigen Fahrbahn entgegen kamen und keinerlei Problem damit zu haben schienen, auf dieser 100er Straße mit ihrem Bio-MTB lang zu trödeln.

    Machte sie sich eben noch Sorgen um einen potentiellen Sonnenbrand, so nahte doch das vorher bereits recherchierte Wetter ganz klar am Horizont nach dem Anstieg. Neben einem weiteren Riegel versuchte sie die Wettersituation nochmal neu einzuschätzen und gleichzeitig herauszufinden, welche aberwitzigen Straßen Komoot auf dem Handy noch kurzerhand eingebaut hatte – die B31 war da zum Beispiel auch plötzlich in der Route zu finden! Die Autorin beschloss also, sich erstmal bis Geislingen vorzutasten und dort an einer Tankstelle weiter zu überlegen, wie sie mit dem nahenden Starkregen und ihrer Handyroutenplanung verfahren wollte. Auf dem Weg dorthin begegnete sie noch einer sympathischen Mutter mit kleinerem Kind, die vergeblich versuchte ihrer (recht niedlichen) Tochter freundlich beizubringen, dass es ein paar minimale Regeln beim Radeln gibt „Schau mal, alle anderen fahren auch am Rand der Straße und nicht Schlangenlinien in der Mitte“.

    Da die Tankstelle sich als für Radfahrer nicht erreichbar herausstellte, folgte ein kurzes Einkehren bei einem Bäcker neben einem Supermarkt und nach kurzer Zeit auch ein erneutes Treffen mit Mutter und Tochter sowie sympathisierendem kurzen Blickaustausch, während die Tochter fast gegen den Tisch der Autorin lief und nach Warnung der Mutter 5cm vor der Tischkante spontan und erfolgreich abdrehte. Die Schlangenlinien schienen also nicht nur ein Rad-Phänomen zu sein!

    Aufgrund des Nieselregens also bereits in Geislingen spontanes Umplanen der Route zum Bahnhof Donaueschingen, da die Autorin so vor dem Regen in eine andere Richtung Abbiegen konnte, statt dem Regen genau in Richtung Bahnhof Neustadt entgegen zu fahren. Im Nieselregen also weitere halbstündliche Fahrt von Geislingen nach Donaueschingen, ohne vorher nach den Zugabfahrtszeiten geschaut zu haben – so natürlich erfolgte ein Verpassen des Zuges um genau 10 Minuten. Aufgrunddessen konnte die Autorin sich aber noch nett mit einem vierer Grüppchen Belgiern unterhalten, die mit ihren Hardtails und Trekkingrädern Fahrradurlaub am Titisee machten und ebenfalls wegen des Regens auf die Bahn umstiegen um rechtzeitig zum Fußballspiel zurück im Hotel zu sein. Außerdem erfolgte ein erfolgreiches Stapeln der Räder mit einem weiteren sympathischen Freiburger und den Belgiern in der proppenvollen Bahn nach Freiburg, denn sechs Räder können sich eher Radplätze erkämpfen als eines alleine. Aufgrund der Fülle der Bahn und des nach Hinterzarten wiederkehrenden guten Wetters nach dem Regen radelte die Autorin spontan von Kirchzarten an noch nach Hause und so endete ein gut genutztes verlängertes Gravelwochenende und diese erfolgreiche Mini-Bikepacking-Tour.