
Prolog (vorm Prolog)
Man könnte ja mal dieses „Bikepacking“ ausprobieren. Vor allem, wenn man (krank im Bett liegend) anfängt, sich zahlreiche hübsche Youtube-Videos dazu anzuschauen. Immer um Freiburg herum wird ja irgendwann langweilig, oder? Also zumindest wenn man die „kleinen“ Standardrouten alle kennt und sich an alles größere eher weniger (also noch nicht) traut. Ziel des Frühjahrs bis zur Approbationsprüfung: Den Kandel bezwingen. War zwar letztes Jahr auch schon Ziel, aber dieses Jahr hat man ja dank Kündigung vor der Prüfung mehr Zeit – naja. Zumindest bis Ende April.
Und mit wem teilt man diese Ideen? Natürlich mit dem besten Ehemann von Welt. Der wirkt allerdings gar nicht so begeistert als Bikepacking durch Dänemark in den Raum geworfen wird – da sei er ja schon so oft gewesen. Zum Beispiel mit seiner Ex. Nochmal wäre langweilig. (Diese Ex-Freundin ist mir wirklich noch nie in die Quere gekommen – warum denn ausgerechnet jetzt?) Einzig valides Argument: Da gibt’s Gegenwind. Und davon eine Menge. Ich weiß nicht warum, aber schließlich endet es so: Fahr du mit Jan den Südschwarzwald-Radweg, ich mit Mathis in die Schweizer Alpen und wenn es uns taugt, dann gehen wir zusammen Bikepacken im Sommer. Und ich Depp kontere natürlich mit: Nagut, und wenn ich den Kandel bis zur Prüfung schaffe, dann schaffen wir auch eine Alpenüberquerung. Oh sweet summer child.
Südschwarzwald-Radweg mit Jan: Easy. Tatsächlich. Macht Spaß – ist fast ein bisschen künstlich gedehnt in drei statt zwei Etappen ab Hinterzarten (und mal ehrlich – wer aus dem Schwarzwaldverein empfiehlt bitte armen, irregeführten Familien, am ausgerechnet letzten Tag einer Fünftagesreise sich und ihre Kinder mit den niedlichen Kinderfahrrädern und Gepäck den Rinken hoch zu quälen? Als würde irgendwer den Teil Freiburg – Hinterzarten über den Rinken fahren. Also wirklich. Jeder startet in Hinterzarten und fährt bis Freiburg). Und auch Alex kam heil aus der Schweiz zurück (und endlich sportlich mal etwas mehr gefordert als mit mir – er musste für die Alpenüberquerung also nur downgraden und sich auf meine Launen gefasst machen).
Ich schreibe diese Zeilen übrigens im Januar 24 bei der Planung diverser nächster Schnapsideen – denn wenn man zwischen Januar und August 23 von „ich schaff den Schauinsland schon irgendwie“ auf Tage mit 1700hm über die Alpen upgraden kann, kann man ja wohl auch bis diesen Sommer auf Tage mit 2400hm upgraden – oder? Kommen wir also zum nächsten Punkt: Die Planung der Alpen 23. Was waren wir denn mit dem Motorrad gefahren? Das war hübsch, das war extrem hübsch… also dieses Timmelsjoch, das würde ich ja schon gerne auf dem Rad gefahren sein. Dann gibt’s da noch diese Geschichte mit dem Lago – da enden ja irgendwie alle Youtube-Alpenüberquerungen in dem Gebiet. Und dann halt irgendwie noch zurück. Wenn möglich, nur eine Bahn-Odyssee einplanen, zwei davon vermeiden. Ich soll Mathis fragen, was hübsch ist. Ich frage also Mathis, was es sich zu fahren lohnt. Und ich bekomme diverse gute Antworten – über die wir später nochmal diskutieren müssen. Angst habe ich lustigerweise nicht vorm Timmelsjoch (denn das will ich ja wirklich selbst fahren, weils so hübsch ist!) sondern vor allem vorm steilen Hahntennjoch und dem ebenso steilen Gaviapass. quaeldich.de lässt grüßen. Und Erinnerungen an sehr sportliche Rennradfahrer, die sich da schon hochgequält haben, während wir mit dem Motorrad einfach vorbei düsten. Zur Not kann ich ja schieben (dass ich auf einer vielbefahrenen, sacksteilen Straße sicher nicht schieben werde, sondern lieber auf statt neben meinem Fahrrad weniger Platz auf der kleinen Straße einnehmen wollen würde, war mir hier noch nicht bewusst – aber auch dazu später mehr). Ah – und natürlich eine Absprache: Wenn ich mit Alex so lange unterwegs bin und auf seine moralische Unterstützung angewiesen, sollte ich ihn vielleicht nicht wegen meiner Launen und Verzweiflung in den Anstiegen anschreien. Ob ich dann also auf Mathis sauer sein dürfte, um es kanalisieren zu können? Ja. Ok. Ich werde davon Gebrauch machen…
Also gut. Die Route steht. Sie muss an diversen Stellen an Züge (ich will den Lago nicht mit dem Rad umrunden müssen, das kostet ja nur Zeit in der Sonne) und an die Hotelsituation angepasst werden. (Wie man sich erst dort ein Hotel suchen kann, bleibt mir schleierhaft – um ein Wochenende musste die Route mehrmals angepasst werden und trotzdem ein schäbiges Hostel mit in die Planung einfließen). Es gibt einen offiziellen Pausetag an einem kleinen, schnuckeligen See. Es gibt Addon-Strecken für Alex, damit ich halbe Pausetage machen kann. Dank Mathis wurde auch die An- und Abreisesituation noch rechtzeitig aussortiert – Epiloge sind Schmutz, ein Prolog soll her. Also gut – Prolog vom Bodensee rein ins Allgäu.
Und zuletzt: Der Transfer: Flixbus Freiburg – Friedrichshafen. Easy per App gebucht. Bahn von Landeck nach Freiburg. Weniger easy zu buchen. Dank Mathis ist schon klar: Man kann in der App vorweg schauen, wo Fahrradstellplätze frei sind – aber Züge im Ausland mit Fahrradstellplätzen einfach per App buchen? Definitely not (Stand 2023). Nagut. Also zum Schalter gelaufen. Und mal ehrlich: Wenn wegen Verspätungen, Baustellen und Streiks an fast jedem Schalter jemand wild diskutiert, müsste man sich dann nicht über eine Kundin freuen, die vorher recherchiert hat, 40 Minuten später am Schalter steht und genau aufgeschrieben hat, welche Verbindung sie wann haben möchte? Weit gefehlt. „Ich möchte gerne Zug X am Y für zwei Erwachsene und zwei Fahrräder“ „Das glaub ich nicht.“ … Der geneigte Leser soll sich hier an das Faultier aus Zootopia erinnert fühlen – sowohl was Sprach- als auch Arbeitsgeschwindigkeit anbelangt. Schließlich wurde Herr Faultier wohl gewahr, dass es doch geht, und plötzlich druckte der Bahn-Drucker. Faultier schob mir eine Fahrkarte (1 Mensch, 1 Rad) über den Tresen – „Bar oder Karte“. „Äh – also für zwei Erwachsene und zwei Fahrräder…“ Faultier macht die Geste, die Faultiere machen würden, würden sie die Augen im Kundencenter verdrehen dürfen. „Das glaub ich nicht…“ (Ich dachte mir, ich sei wohl demnächst in einer Zeitschleife gefangen…). Man kennt es wohl – diese Momente, in denen man sich selbst fragt, was man hier eigentlich macht? Aber es war die deutsche Bahn. Die kennt man ja durchaus auch. Also abwarten und schlussendlich halte ich zwei Fahrkarten, zwei Fahrradkarten, zwei Reservierungskarten und einen Fahrtverlauf in Händen. Sicher das Gepäckstück, das am Ende am (unnötig) meisten Platz wegnehmen wird. Aber es existiert. Und damit ist ja alles gebucht und es kann losgehen.
Tag 1 – Prolog: Friedrichshafen – Nesselwang (116,57km & 1673hm)
Frühstück 6/10: Backwerk im Flixbus
Das Wetter an Tag 1 lässt sich ca. mit diesen Stichpunkten zusammenfassen:
- Wir wollen sowieso unsere Regenkleidung mal voll austesten
- Der weibliche Part der Reise ist froh, sich vorher Regenüberzieher für die Schuhe gekauft zu haben (der männliche Part wird sich nach der Reise welche zum Geburtstag wünschen)
- Der Wind stürmt immerhin aus der richtigen Richtung (und wir werden am Ende froh sein, dass der Bodenseeradweg gar nicht so viel am direkten Ufer des Bodensees, sondern deutlich windgeschützter in den Dörfern herum verläuft)
- Wir wissen genau, dass wir im Hotel (der besten Hotelkette ever) leistungsstarke Föhns, eine Sauna und zur Not auch spät abends noch Essen bekommen werden. Vor allem die Föhns sind auf der Hochzeitsrückreise übers regengeschwängerte Timmelsjoch schon ausgereizt worden, als alle Motorradklamotten nass waren und sind damit auf jegliche Standhaftigkeit getestet worden
- Warum so viele Spots zum etwaigen Baden eingebaut worden sind? Man weiß es nicht. Für dieses Wetter jedenfalls völlig überflüssig (und einer sollte noch zum Verhängnis werden)
Bis hierhin sollte dem aufmerksamen Leser bereits klar sein: Es stürmt und regnet. Und zwar nach Wettervorhersage den gesamten Tag, die gesamte Strecke. Die Fahrt mit dem Flixbus ist unkompliziert, die Räder schon gut gewaschen, als wir in Friedrichshafen das Startbild vor grauer Bodensee-Kulisse machen. Die ersten Kilometer rollen gut dahin, flach am Bodensee entlang. Als wir auf der kleinen Mini-Insel bei Lindau den ersten kleinen (Aussichts-)Stopp machen, werden wir innerhalb von ca. 5 Minuten vom Wind trocken geblasen.


Die Strecke des ersten Tages folgt grob dem Verlauf des Bodensee-Königssee Radwegs, wobei die Scheidegg der einzige bei Quaeldich verzeichnete Anstieg ist und das Königssträßchen nach Prüfung der Gesamthöhenmeter dieser Etappe und trotz eingehender Beratung durch Mathis aus der Planung ausgeschlossen worden ist. Bei dem Wetter vermutlich eher kein Verlust. Aufgrund der Wetterverhältnisse und damit fehlender fotografischer Erinnerungshilfen können genaue Streckendetails nicht mehr aus der Erinnerung rekonstruiert werden.
Was noch klar ist: Wäre ich die Strecke bei Sonne gefahren, wäre ich vom Bodensee-Teil enttäuscht gewesen (da habe ich mir deutlich mehr Aussicht vorgestellt). Cafes am Streckenverlauf: Selten bzw. streckenweise gar keine auffindbar. Wir machen schließlich Halt an einem ganz unscheinbaren Straßencafe an einer Bundesstraße, das sich als sehr nett (aber auch wahnsinnig leer) herausstellt und uns zwei Stück Torte und einen warmen Kaffee beschert.
Irgendwann werden wir an einem kleinen Stück entlang der Bundesstraße von einem Mensch mit Transporter gefragt, ob er uns bis zu einem Café bringen könne – da das Regengebiet aber den ganzen Tag mit uns ziehen soll und eher noch näher kommt, lehnen wir dankend ab. Im weiteren Verlauf sind in Erinnerung: Viele kleine Stichstraßen, aber keine dauerhaften Anstiege im Regen. Hoch und runter. Kurze Pausen in Bushaltestellen mit Blicken aufs Regenradar auf dem wenig Besserung in Sicht ist. Das Wetter zieht mit uns – ist weder deutlich schneller, noch langsamer. Riegel essen. Nach zehn Minuten beschließen, dass es so nur noch kälter wird und weiter fahren.
Im weiteren Verlauf fragen wir uns, warum wir plötzlich ein kleines Stück fernab der geteerten Wege am Fluss entlang fahren sollen (samt überfluteter Mini-Brücken-Überquerungen). Das überforderte Gehirn der Planerin wird an dieser Stelle zu spät merken, dass das die in den heißen Freiburger Sommertagen angedachten Bademöglichkeiten waren und dass man diese jetzt wirklich skippen statt mitfahren sollte. Dabei wird ihr Hinterrad sich auf den letzten Metern zurück Richtung Teerstraße erfolgreich durch einen Platten über diese nicht gerade grandiose Gedächtnisleistung (ich sag’s ja – ab dem Doktortitel geht’s bergab) beschweren. Trotz eingefrorenen Händen und nasskaltem Zittern wird der beste Ehemann von Welt die Gesamtsituation unter einer Brücke erfolgreich fachmännisch lösen. Die Planerin wird dankbar sein, dass sie in dem Moment dann doch einfach „Mädchen“ sein darf und dumm daneben stehen, bisschen mit der Handylampe leuchten und herumhüpfen, weil ihr ab dem Anhalten natürlich direkt kalt wurde.
Schließlich – das Allgäu. Grüne Wiesen. Sanfte Hügel. Und ein letzter, eher langgezogener Anstieg nach Nesselwang. Eine hübsche Teerstraße, erste blaue Lücken in der Wolkenschicht, einzelne Sonnenstrahlen auf nassen grünen Wiesen vor Bergkulisse und da – ein Regenbogen! Die Beine beschweren sich im letzten Anstieg, aber er ist endlich, die Kulisse ist traumhaft und die Aussicht auf die Hotelsauna exzellent. Die Einfahrt nach Nesselwang wird begleitet vom starken Rückenwind, der richtig anschiebt.

Kurzes trauriges Intermezzo: Wir fahren von Norden oberhalb von Nesselwang ins Dorf ein. Pro: Der Blick aufs Städtchen von oben ist wunderschön. Kontra: Unser Hotel liegt im Süden. Am Hang. Und zuhause hat sich jemand bei Youtube-Videos immer darüber lustig gemacht, wenn Hotels am Hang gebucht waren und am Ende des Tages nochmal jemand einen Stich hoch musste. Haha. Wir müssen also einmal runter ins Dorf rollen und die Stichstraße zum Skihang gegenüber wieder hoch. Na Bravo. Auf dem Weg durchs Dorf wird beschlossen, die Reihenfolge im Hotel wird sein: Duschen, Sachen zum Trocknen aufhängen, im Hotel essen und dann die Hotelsauna noch ausnutzen. Nach den ersten Metern den steilen Südhang hoch übernimmt der Wind und schiebt uns sogar die Steigung hoch, sodass es nicht so schlimm wird wie zuerst befürchtet. Trotzdem sind die weiblichen Beine tot und die Frage groß: Und morgen das Hahntennjoch – wer hat sich denn den Scheiß nochmal aufschwatzen lassen?!
Abendessen 8/10: Flammkuchen, Pizza, Sandwich, Bier & die Entdeckung, dass Magnesiumbrausetabletten doch gut schmecken (bis heute bleiben die Magnesium-Tabletten vom Ghetto-Netto einfach die Besten)
Hotel 10/10: wie erwartet, Sauna genau am richtigen Tag an genau der richtigen Stelle und besonders romantisch durch Sturm draußen vor dem Fenster
Tag 2 – Hahntennjoch: Nesselwang – Imst (89,09km & 1419hm)
Frühstück 10/10: Wie erwartet gut, alle drei Frühstücksgänge (herzhaft, Joghurt mit Früchten und Müsli, süß) der Planerin umsetzbar und guter Kaffee.
Da die Planerin Angst vorm Hahntennjoch hat, gibt es eigentlich die Idee von Pfronten bis Reutte mit dem Regionalzug abzukürzen. Problem hierbei: Der Regenradar ist der Meinung, dass unsere Zugabkürzung uns genau ins nächste Regengebiet ausspucken wird. Also überredet der beste Ehemann von Welt, dass man die Strecke bis Reutte doch radeln könne, um einfach langsamer als der Regen zu sein. Also gut, wir fahren die ganze Strecke.
Der Regenradar hat gelogen – bzw. ist er durch die Berge ringsherum ganz schön ungenau. Schließlich halten wir immer wieder an und finden uns unter einem großzügigen Kirchenvordach wieder, alternierend zwischen auf der Suche nach Empfang fürs Handy in einem Radius von 100m das Handy immer wieder in die Luft recken, resignierend abwarten und besserwisserisch Wolken, Wind und Berghänge selbst analysieren. Irgendwann fasst der Himmel sich ein Herz und wir fahren auf nassen aber wieder sonnenbeschienenen Straßen (von unten werden wir also immer noch zielgerichtet nass) durch Pfronten und schließlich dort über die deutsch-österreichische Grenze, wo wir noch im Januar eine sehr schlecht gelaunte Abfuhr bezüglich der dortigen Rodelbahn und deren seltsamen Öffnungszeiten bekommen hatten.
Nach einem Supermarkt-Snack-Stopp in Reutte und der Entdeckung leckerster Linzerschnitten geht es eine Weile hübsch mäandernd mit pitoresken Brücken am Lech entlang Richtung Süden.

Bald werden wir abbiegen vom Lechradweg hoch zum Hahntennjoch – und das schon mit Kilometern in den Beinen. Die Angst und Spannung steigt (in Zukunft bei solchen Sätzen bitte immer bedenken, dass es sich dabei lediglich um den weiblichen Teil handelt). Ein weiterer Snack bzw. ein richtiges Mittagessen wäre vermutlich hilfreich vorm Hahntennjoch – doch die Suche gestaltet sich schwierig, alle annähernd am Weg liegenden Restaurationen hatten unterirdische Bewertungen oder zu. Schließlich entdecken wir bei der Durchfahrt durch Vorderhornbach sowohl zwei bepackte Fahrräder am Zaun eines Gasthauses, als auch ein Schild, das mit frischem Strudel wirbt. Es solle sowieso gleich wieder regnen – also warum nicht? Im Endeffekt sind das einzig vertrauenserweckend anmutende im altbackenen Gasthausinneren die beiden Mädels, die wohl den Fahrrädern draußen zuzuordnen sind. Anderes Essen als Strudel gibt es nicht und auch dieser stellt sich (als immerhin dadurch etwas vertrauenswürdigerer) TK Strudel mit einem Haufen Sprühsahne und einer Tonne Puderzucker über dem gesamten Teller inklusive der beigelegten Serviette heraus. Besser als nichts.
Wir brechen also gestärkt wieder auf und fahren das letzte Stück an der Lech entlang. Unheilvoll wachsen die Berge linker Hand – und da sollen wir jetzt hoch? Die Erinnerung von der Hochzeitsreise ist schon richtig (und die Angaben auf Quaeldich auch) – das ist schon sacksteil. Aber gut. Jetzt gibt’s e keine andere Möglichkeit mehr als durchziehen. Und in den ersten steilen Kilometern, direkt nach der Abbiegung hinauf zum Pass von der Bundesstraße weg, wird klar – du wirst hier sicher nicht absteigen und schieben. Du wirst dich tapfer durchquälen durch die 12-15 Prozent und mehr Steigung – denn zwischen den auf der anfänglichen Rampe noch relativ zahlreichen anderen Verkehrsteilnehmern ist gar kein Platz um irgendwo abzusteigen und am Rand zu schieben. Und außerdem geht das. Es fühlt sich nicht gut an, aber es geht. Also zieh halt durch.
Die Steigung nimmt im weiteren Verlauf ab. Ob der Temperaturen, dem Nieselregen und der Hitze durch die körperliche Anstrengung wird immer wieder angehalten: Jacke an, Jacke aus, Jacke um den Körper binden, kurze Trinkpause, Jacke an… Repeat. Man fährt, der beste Ehemann der Welt fährt voraus, versucht die Steilheit der Kurven fotografisch einzufangen, holt wieder ein. Kurze Pause beim Abzweig zum Dorf neben dem Anstieg. Dann geht es weiter. Wir sehen einzelne andere Rennradfahrer – alle (der Erinnerung nach) ohne Gepäck. Irgendwann fährt ein VW Bus langsam neben uns, fragend, ob wir irgendetwas bräuchten – Gel, Riegel, Wasser? Wir lehnen dankend ab – daran liegt’s ja nicht.

Der weibliche Part entdeckt, dass man Taschen an den männlichen Part abgeben könnte (morgen wird davon spontan Gebrauch gemacht werden) und dass sie auf den Anstiegen den Wahoo hüten wird, denn damit lässt sich die Kraft besser einteilen und man kann sich motivieren, wie lange das rot (oder auch tiefrot) noch anhalten wird. Sehnsüchtig wird der Wechsel von grüner Landschaft zu schroffen Felshängen abgewartet – und schließlich kommen nach einer Unendlichkeit die letzten Kurven, beide kommen jubelnd (und ein Part völlig fertig) oben an. Strahlendes erstes Passbild (ohne gescheites Passschild). Trockenes zweites Radtrikot und beide Jacken für die Abfahrt anziehen – oben auf dem Pass ist es schweinekalt. Kurzes Gespräch mit dem VW Bus Fahrer von eben: Sie seien drei Kumpels, er heute Fahrer, die anderen beiden fahren gerade zum zweiten Mal das Hahntennjoch hoch. Vor zwei bis drei Stunden habe es oben auf dem Pass noch geschneit. Ebenjener Schnee ließ sich auch 150m an den steilen Hängen hinauf noch bewundern. Doch gut, dass wir erst heute Nachmittag hier angekommen sind.
Auf der Abfahrt begegnet uns endlich die Sonne wieder, die Landschaft ist so schön wie von der Hochzeitsreise erinnert. Mit zwei Kapuzen übereinander ist die Kälte gut händelbar, nur die Hände werden so kalt, dass viel angehalten wird (und Fotos gemacht werden). Schließlich beginnen die Wälder wieder und die Jacken werden zurück auf die Taschen gestopft. Der Sommer hat uns wieder.

In Imst Stopp bei einem Fahrradladen (neuer Ersatzschlauch und neues Kettenöl, da die Dame des Hauses gewichtssparsamerweise versehentlich das fast leere eingepackt hatte) und Stopp für neue Snacks im Aldi (und einem Block Käse – den wir leider im übernächsten Hotelkühlschrank vergessen werden, sodass doch kein ikonisches Video gedreht werden wird, wie Alex einen Block Käse auf dem Fahrrad snackt (Idee siehe GCN)). Hier gibt es außerdem Snack-Delphine statt Snack-Kängurus. Lecker.
Einchecken im von Mathis empfohlenen rustikalen Hostel. Bestellung von bester (erster) Pizza und Calzone der Reise samt Vorspeisensalat. Aufgrund von Hunger verschwindet schon die halbe Känguru-Packung vor der Pizza und die erste Bierflasche ist natürlich auch schon offen – hierdurch leicht schlechtes Gewissen gegenüber den offensichtlich besser erzogenen Kindern der anderen anwesenden, mehrheitlich selbst und gesünder kochenden Familien. Ups. Vorbild sein? Können wir!

Abendessen 10/10: Gelieferte Pizza, Bier aus dem Hostelkühlschrank und Kängurus zur Vorspeise.
Hostel: Für ein Hostel 9/10, leider sehr altersschwacher, aber dennoch ausreichender Föhn. Pluspunkte für Charme. Mehr Pluspunkte, falls Wetter Aufenthalt draußen und Lagerfeuerabend zugelassen hätte.
Tag 3 – Der Wasserfalltag: Imst – Sölden (54,42km & 1301hm)
Frühstück 5/10: Unerwartet gut, im Hostel gibt es frische Brötchen, wir können zu unserem Block Käse und Resten des süßen Snackeinkaufs außerdem Butter und Marmelade zählen. Trotzdem kein Vergleich zu verwöhnten Hotelbuffet-Gaumenschmäusen.
Dieser Tag ist geplant als halber Pausetag für die Planerin und beginnt mit einem erstaunlich steilen Anstieg auf vielbefahrener Straße raus aus Imst. Während am Anstieg spontan die Lenkertasche zum besten Ehemann von Welt umverteilt werden muss, stellt sich zwei Dörfer weiter heraus, dass der auf Komoot entdeckte „Geheimtipp – unglaublich schöne Strecke!“ abseits der Hauptverbindung zwischen Imst und Ötz diese kurzen steilen morgendlichen Strapazen tatsächlich gut wettmacht.
Nach einer Weile treffen wir auf einen neu ausgebauten Radweg, dem wir spontan folgen. Nach einigen engen Fahrradweg-Serpentinen landen wir an einem romantischen Weg entlang eines Baches, an dem wir spontan die erste Pause einlegen und auf einer Holzbrücke unsere Füße ins Wasser strecken. So kann der Wasserfalltag doch losgehen!
Nach dieser idyllischen Pause geht es zum eigentlichen (geplanten) Highlight des Tages: Der Tumpen Wasserfall. Laut Recherche ist dieser der einzige Wasserfall, der neben den zahlreichen anderen Wasserfällen auf dem Weg nach Sölden immerhin nur ein kleines Stück Gravel beinhaltet, das bis auf wenige Meter tatsächlich gut überwindbar ist. Wir stellen die Räder unterhalb des Wasserfalls ab, gleiten elegant über die nasse Holzbrücke und laufen neben Ziegen den Rest zum Wasserfall nach oben. Pluspunkte gibt es zuhauf für den Wasserfall – der männliche Part möchte jedoch kleine stechende Minuspunkte an die ortsansässigen Moskitos verteilen.




Weiter geht es wieder am Radweg an der Bundesstraße entlang. Wir kommen vorbei am zweifachen Hotel der Hochzeitsreise in Ötz, das uns auf die beste Hotelkette von Welt aufmerksam gemacht hat. Schließlich halten wir in Ötz an und gönnen uns ein überraschend üppiges und kalorienreiches Mittagessen (eine riesige Portion Pommes und ein „Salat“ mit den zwei größten Kaspressknödeln, die jemals gesichtet worden sind). Dazu Cola, Almdudler und ein Wasserflaschen-Refill am örtlichen Brunnen, da der Sommer uns endlich wirklich gefunden hat.
Auf dem Weg von Ötz nach Sölden halten wir uns wieder an den Radweg neben der Bundesstraße, der einige extra-Anstiege und hübsche Brücken mit kleinen Flussquerungen eingebaut hat. Zu unserem Erstaunen findet bei einem kleinen Trinkstopp ein Schmetterling zunächst Alex Pedale, dann auch unsere Hände wahnsinnig attraktiv und stellt sich für ein ausgiebiges Fotoshooting zur Verfügung (das tatsächliche Highlight des Tages). Als wir schließlich weiter wollen, ist er kaum davon zu überzeugen, auch seiner Wege zu flattern. Die Planerin ist insgesamt eher wenig begeistert von den Anstiegen und Abfahrten, die der Radweg immer wieder eingebaut hat. Umso mehr freut sie sich aber über die Brücken, die sie schon vom Motorrad aus so gerne einmal selbst mit dem Rad befahren wollte. Check!


Schließlich Ankunft in Sölden in einem Hotel, dessen freundliche oma-artige Besitzerin einen schrecklichen Nippesgeschmack an der Rezeption beweist, aber im eigentlichen Hotelzimmer einen deutlich geschmackssichereren Innenausstatter konsultiert haben muss. Der Block Käse von gestern wird im Kühlschrank verstaut – leider für immer. Während Alex tapfer (ohne Taschen) zur Ötztaler Gletscherstraße aufbricht, kümmert sich die Planerin um die Wäsche, belegt den großzügigen Balkon mit tropfnasser Fahrradkleidung und stattet der örtlichen Apotheke und dem örtlichen Supermarkt einen kleinen Besuch ab. Auf dem Rückweg scoutet sie außerdem eine große Schaukel, die abends auf dem Weg zum Abendessen noch genutzt werden wird.
Erschöpft auf das Bett sinkend, geht sie außerdem noch ihrem Scouting-Job für Abendessen nach (ernüchternd – Sölden ist ein teures Pflaster, zudem strotzend vor eher schlechten Bewertungen) und checkt kurz nochmal die Zugverbindungen für übermorgen (Bozen – Brescia). Oh Schreck – der Zug ist weg! Nach Auffrischung der italienisch-Kenntnisse des Google Übersetzers wird klar: Zwischen Bozen und Trento fährt nur Schienenersatzverkehr – und dieser auch definitiv nicht mit Fahrrädern. Also fix eine Route am Radweg geplant, 65 extra Kilometer für übermorgen eingefangen. Auf die Bahn ist wirklich nirgends Verlass – auch nicht in Italien (oh Wunder).
Exkurs zur Ötztaler Gletscherstraße: Der erste steile Anstieg hinter einer Volksschule sei wohl eher kein ernsthafter Radweg, sondern viel mehr ein geteerter Wandersteig gewesen, von der Steigung her weder für Rennradler noch für übermotorisierte Mountainbikes oder auch alles dazwischen geeignet. Sorry, bester Ehemann von Welt! Ab der eigentlichen Straße sei es aber gut und gleichmäßig fahrbar gewesen, bis auf einen Bus und den einen oder anderen E-Mountainbiker habe es auch kaum Verkehr gegeben. Auf dem Weg zum „Gipfel“ weiter oben muss eine Mautstation passiert werden – darauf ließe sich vermutlich der geringe Verkehr zurückführen. Die letzten Meter seien leider wegen Sprengarbeiten gesperrt gewesen, aber eine Kapelle habe sich als alternatives Ziel angeboten. Der eigentliche Gletscher sei noch ein bisschen von der Route entfernt an einem Hotel gelegen und wurde nur von der Ferne aus begutachtet. Die Abfahrt habe aber richtig Spaß gemacht.

Nach der Rückkehr des tapferen Gletscherstraßenbezwingers wird eine Dönerbude (die sich „Pizzeria“ nennt) als beste Option zwischen teuer, satt machend und guten Rezensionen für das Abendessen auserkoren. Nach ausgiebigem Schaukeln wird dort ein Döner und ein Cheeseburger mit Pommes zum Mitnehmen bestellt und gemeinsam im Hotelbett gegessen. Dabei ergeben sich seltsame Sprach- bzw. kulturelle Barrieren zwischen österreichischen Dönerbudenbesitzern und schwäbischen vor uns Bestellenden, die davon ausgingen, dass (wie ja wirklich völlig normal!) man irgendwann „mit allem?“ gefragt werde. Das scheint in Österreich wohl nicht so zu passieren. Da wird einfach „mit allem“ gemacht und verpackt. Und der Ärger ist groß, wenn dann aber nicht „mit allem“ gewünscht war. Gut, dass ich sowieso einen Tomatentag hatte und damit auch nichts zu beanstanden hatte. Die Qualität des Döners lag aber nur knapp vor Dönern aus Jena, die nur betrunken essbar sind. Die 4,0 der Google Bewertungen lassen sich mir nur dadurch erklären, dass Sölden einen eigenen Bewertungskosmos hat.
Abendessen 2/10: siehe oben
Hotel 9/10: weil fehlende Sauna und wir verwöhnt sind
Tag 4 – Timmelsjoch/Passo Rombo: Sölden – Bozen (105,61km & 1594hm)
Bereits vorm Frühstück: Checken der diversen TV-Kanäle des Ötztals zu Wetterlagen im Gebirge. Was wir mehrheitlich sehen: Wolke, Regen, Nebel, Gradzahlen nahe null. Ciao Sommer – das war ein kurzes Intermezzo mit dir! Wir konsultieren beim Frühstück wieder das allseits beliebte Regenradar. Hilft aber nicht. Immerhin wissen wir ja von der Motorradreise, wie schön das Timmelsjoch eigentlich ist. Und Gipfelbilder mit Motorradklamotten vs. Fahrradklamotten – so ein großer Unterschied ist das ja nicht. Erstere haben wir ja schon, also – was soll‘s?
Frühstück 9/10: Weil wir verwöhnt sind: „Nur“ Filterkaffee, aber alle drei Gänge möglich und perfekte Kombination aus Speck, Laugenbrötchen und Philadelphia.
Nach dem Frühstück resignieren. Alex bekommt die schwere Lenkertasche zusätzlich zur großen Arschrakete. Die Planerin darf somit mit reduzierter kleiner Arschrakete und Wahoo fahren. Regenkleidungsstatus: An. Es wird nicht wegziehen – es hängt vorm Berg (irgendwie logisch). Also Augen zu und durch. Im Keller aufgedrücktes kurzes Gespräch von E-Biker, der nach dem Ladestatus seines Fahrrads schauen will. Warum er freiwillig von Sölden aus Tagestouren macht, wenn er doch nicht den besten Ausgangspunkt fürs Timmelsjoch braucht, bleibt mir schleierhaft (Ötz ist viiieel schöner!).
Auf geht’s! Auf den ersten Stücken braucht es immer wieder Atempausen – der Selbstwert der Planerin wird aber gestützt, da ein durchaus sportlich aussehender Mann (aber mit schlechterem Rad und Rucksack) ebenfalls in gleichen Abständen Pausen braucht. Wir witzeln, dass wir uns dann irgendwo oben begegnen. Wir begegnen seiner orangenen Jacke aber nie wieder. Etwas beunruhigend. Aufgrund des Regens, der zeitweise schlimmer wird, kurzes Unterstellen in einer Bushaltestelle und in Zwieselstein, bis es jeweils nur noch nieselt. Trotzdem insgesamt Freude, endlich diese Strecke aus eigener Kraft zu fahren und besondere Vorfreude auf die Straßen am Ende, die sich zwischen Kuh- und Schafweiden im Grünen entlangschlängeln werden.
Schließlich erreichen wir die Mautstation und das dahinter liegende Motorradmuseum mit Restaurant – auf dem Parkplatz erstes Mal fast angefahren worden (besonders ärgerlich, wenn man bedenkt, dass die Autofahrer im warmen und trockenen Auto wirklich alle Zeit der Welt haben um vom Parkplatz runter zu fahren, während man selbst zitternd und durchnässt gerade ankommt und das Mittagessen herbeisehnt). Mehrere andere nasse Fahrräder stehen neben unseren.
Das Restaurant ist voll, aber wir werden sehr schnell bedient. Gut zu wissen: Es gibt sogar kleine Kaminfeuer, um die man sich setzen könnte – an diesen war aber leider gerade nichts frei. Eine Portion Kinderspagetti und Kinderschnitzel mit Pommes später hilft nichts mehr – wärmer wird uns nicht, die Straße wird nicht trockener, und die Zwischenabfahrt wird auch nicht von alleine verschwinden. Also wieder raus auf die Sättel und irgendwie durch. Am Anfang der Zwischenabfahrt kommen uns schon total durchnässte andere Radler entgegen – oder fahren an uns vorbei hinab. Es ist sackkalt und nass (vor allem von unten). An einem sonnigen Tag sicher eine wunderbare Abwechslung vor dem restlichen Anstieg – heute: Eher eklig, kalt, nass und in der Nebelsuppe, die sich immer weiter verdichten wird, so gar nicht zum Genießen. Ziel der Sache: So schnell wie möglich durch, aber so langsam wie möglich bezüglich Kälte und Nässe. Gesamturteil: Brrrr!

Endlich kommt der letzte Anstieg zum eigentlichen Timmelsjoch. Und die Planerin ist auch ganz schön fertig. An der „Höhe des süßen Kälbchens“ wird es zach. Sehr zach. Aber das war ja zu erwarten – und hier ist die Nebelsuppe immerhin noch nicht so dicht, dass man die süßen Kälbchen auf und neben der Straße nicht mehr sieht. Sooo süüüß! Die letzten Serpentinen begrüßen aber mit dichteren Nebelschwaden – herzlich willkommen in der Wolke! Irgendwie haben die eingelagerten Wolken bzw. der Nebel auch etwas schön Mystisches. Und es ist dank der körperlichen Anstrengung nicht mehr ganz so kalt. Schließlich kommt der Vogel (Adler?) und der eigentliche Pass! Schnell ein Passbild gemacht (höchstes Passschild ever – wohl aus Schutz vor Aufklebern?). Dann im Denkmal oben hektisch trockene Klamotten angezogen (samt Leggings) und unglaublich stolz sein, das geschafft zu haben. Wie befürchtet gibt es zumindest auf der österreichischen Seite keinerlei Aussicht. Aber sei’s drum, die kennen wir ja immerhin schon.


Abfahrt! Auf der italienischen Seite wird es direkt schöner, wir haben eine Aussicht! Also zweites Gipfelbild mit dem besten Ehemann von Welt und Rennrad vor italienischem Alpenpanorama. Die Abfahrt wird genossen. Erstes Mal innerliches Bedanken bei den neuen Bremsbelägen. Auf halber Abfahrt mit Schrecken feststellen, dass bisher trotz Spende und Versprechen kein Gipfelbild mit Speichensternchen (von Lotte!) gemacht wurde. Schnelles Nachholen, aber auch Feststellen, dass sich eine Aussicht und ein Speichensternchen nicht so einfach gleichzeitig scharf und hübsch aufs Foto bringen lassen.
Auf der Abfahrt finden wir den Sommer wieder (der uns danach nicht mehr verlassen wird). Auf Italien ist also doch Verlass! Weg mit den Jacken, weg mit der Leggings. Nach einem kleinen Gegenanstieg fahren wir eine wunderschöne kleine Straße im Wald weiter hinab und laufen auf einen SUV auf, der uns sogar extra vorbei lässt, damit wir die Abfahrt durch das Wäldchen genießen können. Sachen gibt’s, an die glaubt man ja gar nicht mehr.
Auf was aber auch Verlass ist: Dass wir beide irgendwie zu dumm sind, um in Meran ein hübsches Fleckchen mit Mittagessen zu finden (das war ja mit dem Motorrad schon genauso…). Also fahren wir direkt durch Meran durch und begeben uns auf den Radweg nach Bozen, der uns später an der Etsch (was für ein dämlicher Name für einen Fluss) entlang führen und uns auch morgen einen unfreiwilligen halben Tag noch begleiten wird (danke Bahn). Schon dezent ausgehungert stoßen wir schließlich an einem Kreisverkehr auf ein großes Gebäude mit verdächtig vielen abgestellten Gravelrädern und einer Terrasse – hallo Kaffee-Stopp! Wir gönnen uns etwas, das wir wohl in der Fastnachtszeit als Scherben bezeichnen würden mit jeweils einer Kugel Eis. Wären wir nicht mit den Rädern unterwegs, könnte man hier auch prima Mitbringsel einkaufen. Kurz vor Bozen dann der zweite (und letzte) Platte: Des Ehemanns Vorderrad.
Eigentlicher Plan war es, an diesem langen Tag früh im Bozener Hotel nahe des Radwegs anzukommen und am nächsten Tag sich gemütlich die Innenstadt beim Frühstück anzuschauen. Daher ist ein Hotel gebucht worden, dass nahe des Radwegs, aber eher fern der Innenstadt liegt, um die letzten km in die Innenstadt zu sparen. Tatsächlich ließ sich das Hotel der Kette „B&B“ nur schwer finden (grüne Corporate Identity, aber lila Fahnen um den Eingang zum Parkplatz zu markieren) und entpuppt sich als winziges Zimmer, in dem wir uns zum ersten Mal an den Rädern vorbeiquetschen müssen, da es auch keinen Fahrradkeller gibt. Die versprochenen Abendessenmöglichkeiten im Hotel sind ein Automat und eine Mikrowelle. Außerdem gibt es Wassersparhinweise in der Dusche, die so viel Wasser sparen will, dass zum Rinnsal-Duschen insgesamt bestimmt dreimal so lange und so viel Wasser gebraucht wird. Wir sind eher sehr verunsichert, ob diese wenig durchdachte Wassersparmaßnahme nicht viel mehr zu alternativloser Wasserverschwendung führt.
Abendessen: Problematisch. Die erste Idee, sich abends doch noch die Bozener Innenstadt anzuschauen, scheitert an: a) keiner sicheren Option die Räder abzuschließen bzw. zu hohem Risiko, b) der öffentliche Nahverkehr braucht gut 45 Minuten in die Innenstadt mit unsicherem Rückweg, c) laufen dauert viel zu lange, d) Taxi ist uns zu teuer (irgendwo hört der Urlaubsluxus schließlich auf – wir brauchen unser Geld für gutes Essen!). Also 25minütiger Spaziergang zum nächsten großen Supermarkt, der immerhin bis 22 Uhr geöffnet ist. Wahnsinnig hübsches Industriegebiet (nicht). Die Planerin jammert (natürlich). Im Supermarkt ebenfalls Ernüchterung, da keine Schüttelsalate mit Dressing vorhanden (natürlich, wer nutzt in Italien schon Dressing?), also Sammelsurium an Essen eingekauft (unter viel Hunger natürlich immer schon eine schlechte Idee). Außerdem Schwierigkeiten mit der Packungsgröße von leckeren süßen Sachen, die man nicht an einem Abend aufbrauchen kann (bzw. zu viel Schokolade für Transport durch die Sonne beinhalten). Erstes Bild von übergroßem italienischen Pan di Stelle Regal gemacht und an Sunaina geschickt.
Abendessen 1/10: Erinnerung kaum noch vorhanden an restliches Sammelsurium, nur eindrücklich an trockenen Schüttelsalat (ohne Schüttelnot, weil Schütteln macht ja nur mit Dressing Sinn).
Hotel 2/10: Would not recommend.
Tag 5 – SEV & Lago d’Iseo: Bozen – Trento (64,05km & 103hm) // Brescia – Lovere (57,22km & 238hm)
Bereits am Vortag ist die Frühstückssituation im Industriegebiet von Bozen recherchiert worden und hat sich als halbwegs zufriedenstellend entpuppt. Eine sehr gut bewertete Bäckerei befindet sich angegliedert an den Bozener Obi, direkt in der Nähe des Radwegs an der Etsch. Also gut – typisch italienisches Frühstück, here we come! Naja. Zur Hälfte zumindest. Bei der Planerin gibt es Kaffee und ein Pistaziencreme-Croissant, auf dem Teller des besten Ehemanns von Welt befindet sich ein eher typisch deutsches belegtes Brötchen und auf einem weiteren Teller türmen sich zwei große süße Teilchen.
Frühstück 7/10: Zu italienisch, keine drei Gänge, aber pappsatt nach dem Pistaziencroissant, das einer 8/10 in der Croissant-Welt entspricht.
Aufgrund der Zugsituation und der Länge der heutigen Etappe(n) mit insgesamt ca. 125km entscheiden wir uns endgültig gegen die Bozener Innenstadt – da müssen wir wohl nochmal wieder kommen! Wir machen uns also nach dem Frühstück vom Obi auf in Richtung des bekannten Etschradwegs. In bereits genannten Youtube-Alpenüberquerungen wird dieser gern genutzt, um den letzten Rest Richtung Gardasee abzufahren – ich frage mich eher, wer nach den schönen Pässen Lust hat, Kilometer auf einem eintönigen Radweg durchs Tal zu schrubben. Vielleicht belohnt die erste Aussicht auf den Gardasee – aber der wurde sowieso zuhause schon als zu touristisch komplett weggestrichen. Aber gut, jetzt befinden wir uns auch hier. Immerhin nur bis Trento, ab dort sollen wieder Züge fahren. Man möchte damit dem Etschradweg gar kein Unrecht tun – er wäre sicher wunderschön, würde man zum Beispiel 30km auf ihm zurücklegen. Aber nach mehr als 80km insgesamt ist er einfach schnell zu eintönig. Die Planerin hält sich mehrheitlich in Alex‘ Windschatten auf, droppt immer wieder raus, wenn sie ihre Handhaltung verändern möchte, da ihr die Finger einschlafen und geht wieder rein, wenn die Hände wieder aufgewacht sind. Sie wünscht sich einen Rennradlenker herbei – zum ersten Mal reift der Gedanke nochmal stärker, sich ein „richtiges“ Rennrad zuzulegen. Wir verfahren uns auch noch zweimal – kehren wieder um. Das kommt davon, wenn man eine Strecke kurz abends im Hotel auf dem Handy zusammenschustert.


Der Supergau ereilt uns dann am Ortseingang Trento – frischer Teer ohne Warnschild. Und natürlich hängt er an allen vier Rädern. Ich sehe uns schon vier neue Mäntel kaufen und am kommenden Pausetag aufziehen. Wir rollen also schmatzend und dabei jegliche kleine Körnchen von den Straßen einsammelnd Richtung Bahnhof Trento. Und damit ist Trentos Schicksal als Städtchen auch besiegelt: Wir mögen Trento nicht.

Nach dem Kauf der Tickets bleibt noch Zeit für einen kleinen Bäckerei-Abstecher hinter den Bahnhof, dann geht’s in den Zug. Im Zug angekommen erwartet uns ein großzügiges Fahrradabteil, in dem wir die Räder aufhängen und bis zur Abfahrt üben, mit einem Taschenmesser die Teerreste von den Mänteln zu knubbeln. Es dauert. Zu Beginn der Fahrt werden wir dann auf die Sitzplätze verwiesen, niemand dürfe sich während der Fahrt im Radabteil aufhalten. Schade, hätten wir so doch gut anderthalb Stunden zum Rumknubbeln gehabt. Stattdessen unterhalten wir uns bis zu unserem Umstieg in Verona mit einer netten italienischen Bikepackerin, die uns schließlich aufklären kann, warum die Route mehrmals aufgrund der angespannten Hotelsituation am kommenden Wochenende umgeplant werden musste: In Italien steht ein langes Brückentagswochenende an, alle machen Urlaub. Jippie.
Beim Umstieg in Verona beweisen wir kurzzeitig deutschen Bahnverspätungsoptimismus, die Italienerin verpasst aber leider trotz der Tragehilfe um Haaresbreite ihren Zug. Wir haben eine halbe Stunde zum Knubbeln, bis wir schließlich uns und die Räder in weniger nette, sehr knapp bemessene Fahrradstellplätze in einzelnen Wägen quetschen. Aber es klappt. In Brescia angekommen verbringt der beste Ehemann von Welt (da mehr Kraft und damit schneller) nochmal gut eine Stunde am Gleis, um unsere Räder vom Teer zu befreien – bis wir schließlich von sehr unfreundlichem Reinigungspersonal des Bahnsteigs verwiesen werden. Dass wir unsere Sauerei gerne selbst noch aufgeräumt hätten, sehen sie nicht als Begründung – sie schimpfen lieber und machen den entstandenen Dreck selbst weg. Die Laune ist ein bisschen im Keller.
Die ersten Kilometer aus Brescia hinaus wird die Laune auch nicht besser – seltsame, sehr kleine, random beginnende und endende Radwege gespickt mit Glassplittern erwarten uns, bis wir es aus der Stadt hinaus geschafft haben. Die Planerin hat sowieso schon keine Lust mehr, sie spürt die unerwarteten ersten 60km zu sehr in den Beinen. Und überhaupt – dieser Tag hat mit einem Innenstadt-Frühstück und bummeln beginnen, ein kleines Bahn-Intermezzo beinhalten und schließlich mit entspannten 60km am Iseosee entlang enden sollen, niemand hat jemals von teergespickten Mänteln, eintönigen Etschradwegen und uneinsichtigen Reinigungsmitarbeitern gesprochen. Pff.
Der eine Part kann also die eigentlich sich malerisch auftuende Strecke vorbei an einem Weingut mit Schloss hin zum Iseosee nicht mehr in vollen Zügen genießen. Wie vorgewarnt ist am Südende des Sees (und damit der touristischsten Stadt dort) relativ viel los. Dennoch sehen wir viele andere Rennradler, die offensichtlich trotz der stark befahrenen Straßen den See umrunden und fühlen uns damit etwas sicherer, machen wir doch gerade zum ersten Mal Bekanntschaft mit italienischen vollen Straßen, italienischer Fahrweise und dem Feiertagsverkehr. (Auch die plötzlich beginnenden und unerwartet endenden Radwege werden uns in Italien erhalten bleiben.)



Die weitere Straße am westlichen Ufer des Sees zieht sich dann dahin, ist aber immer wieder gespickt durch schöne Aussichten auf den See, kleine Tunnel, Plätze zum Fischen, kleinere Dörfer und am Ende mit Kanus in einer Bucht. Es könnte herrlich sein – wären da nicht die unerwarteten km des Morgens in den Beinen, die immer wieder entnervt fragen lassen „Wie weit noch? Noch 10km?! Das sind sooo lange 10km!!“ Man würde jederzeit wieder um den Iseosee fahren wollen – aber bitte ausgeruht und mit besserer Laune. Generell wird uns der See und auch das Dörfchen Lovere am nordwestlichen Ende noch sehr ans Herz wachsen (im Gegensatz zu Brescia und Trento!). Wir folgen schließlich steilen Straßen und Kopfsteinpflaster in Lovere bis zu unserem AirBnB für die nächsten zwei Nächte, das relativ versteckt in einem Hinterhof eines Restaurant-Hinterhofs liegt und zu dem wir netterweise schnitzeljagdähnliche Bildbeschreibungen für die Anreise erhalten haben. Trotz der Beengtheit schaffen wir es, beide Räder im AirBnB unterzustellen.
Nach einer ausgiebigen Dusche machen wir uns auf den Weg runter zur Uferpromenade auf der Suche nach Abendessen. Dabei entdecken wir süße kleine Tünnelchen „al Lago“ mit Bücherregalen in Felswänden. In einem kleinen imbissartig anmutenden Laden bekommen wir eine der besten Pizzen unseres Lebens und gutes Bier. Draußen füllt sich der Platz, ein Konzert beginnt. Alle singen mit, es klingt nach einer kleinen Variation von Eros Ramazotti. Wir feierns trotzdem ein bisschen mit und lassen den Abend nach der Pizza noch auf der Uferpromenade ausklingen, bis wir durch verschiedene Lichtinstallationen zurück zum AirBnB wandern.


Abendessen 10/10: Drittbeste Pizza ever (Nummer 1: Rote Plastikstuhl-Klippenpizza auf dem Rückweg von Castellane in Südfrankreich, Nummer 2: Die Regen-Flieh-Pizza in Cortina d’Ampezzo), leckeres Bier in coolem Glas
AirBnB 9/10: Könnte minimal größer sein, sonst alles da, was man begehrt
Tag 6 – Pausetag: Lovere
Nach Google-Erörterung der Frühstückssituation gehen wir (typisch deutsch) gescheit frühstücken. Wir sitzen alleine am Fenster einer kleinen Konditorei und genießen einen Espresso und drei (übergroße) süße Teilchen, deren schriftliche Beschreibung ihnen in keinster Weise gerecht werden könnte. Die Autorin lernt (echten!) italienischen Espresso zum ersten Mal zu schätzen und wird im Verlauf der Reise bitter feststellen müssen, dass dies von kurzer Dauer war und sich nicht auf ganz Italien beziehen wird.


Frühstück 10/10: Zuckerschock inklusive.
Wir gehen im Folgenden einkaufen und entdecken danach, dass Fahrräder sich am besten mit (nicht so gut für empfindliche Haut geeigneten) Feuchttüchern aus Supermärkten putzen lassen. Der Ehemann ist natürlich deutlich gründlicher – war ja klar – und geht danach das Städtchen erkunden, während der weniger höhen- und kilometerstarke weibliche Part des Paares einer sehr ausgiebigen Siesta erliegt. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt schwinden auch jegliche Kanupläne dahin und es wird sich im Nachgang herausstellen, dass auch die Fähren über den See bereits verpasst worden sind. Tja – dann gilt wohl auch hier, dass wir wieder kommen müssen.
Der beste Ehemann von Welt scoutet erfolgreich Schaukeln, (hässliche, aber man tut, was man kann) Postkarten, eine Frühstückslocation für den nächsten Morgen und eine Eisdiele, zu der der träge Rest sich dann auch aus dem gemütlichen Bett hieven kann.
Auch der Rest des Tages wird eine kulinarische Festivität: Erst riesiges Eis, gefolgt von Aperol in Bar eins, gefolgt von (typisch deutsch frühem) Abendessen mit drei italienischen Gängen, Bier und Weinbegleitung, abgerundet mit zwei Cocktails in Bar zwei. Gut, dass wir mit den Rädern unterwegs sind – andernfalls könnte man so viel leckeres Essen gar nicht genießen!


Abendessen 10/10: Siehe oben. Details würden zu einem Restaurantführer ausarten, daher keine.
Tag 7 – Zurück Richtung Alpen und Lago Moro: Lovere – Edolo (63,43km & 790hm)
Heute geht es wieder zurück auf die Räder – dank des, wie wir inzwischen wissen, italienischen Feiertagswochenendes, nicht so weit, dafür mit ausgiebigem Badesee-Stopp und durch das Val Camonica bis Edolo.
Frühstück ist bereits gestern gescoutet worden – wir gehen noch ohne Räder zur Uferpromenade und nähern uns schon wieder – wie sollte es anders sein – einer Patisserie und bestellen ein Sammelsurium an kleinen süßen Teilchen, mit denen wir uns an das Ufer des Sees setzen und die Wellen beobachten. Danach wird noch geschaukelt, bevor wir uns im AirBnB richten und auf die Räder schwingen.
Frühstück 8/10: Zweiter Zuckerschock, aber vorm Radfahren zu süß und ohne Kaffee, daher kleiner Punktabzug
Wir fahren also am Rande des Iseosees entlang, bis wir irgendwann steil einem Stich nach links zum Lago Moro mit diversen kleinen Serpentinen folgen. Oben angekommen empfängt uns ein wunderschöner Bergsee mit Kiosk und schwimmendem VW-Bus. Wir genießen also eine Weile den kühlen See und man probiert erstmals aus, wie es sich in Sport BH und Radelhose schwimmt – gar nicht so übel, wenn beides erstmal nass ist. Der Ehemann war weniger geizig mit seinem Gepäck und zieht eine waschechte Badehose an. Am Kiosk wird die im weiteren Verlauf als beste Fanta der Welt angesehene „Limonada“ zum ersten Mal entdeckt. Sie wird im Folgenden immer wieder zelebriert werden.

Auf dem weiteren Weg durchs Val Camonica folgen wir mehrheitlich einem mäandernden Radweg und begegnen vielen sehenswerten Brücken über sehr blaue Gewässer. Wie man sich Italien eben so vorstellt. Gegen Ende müssen wir einer Bundesstraße folgen, die erstmals nach den vollbepackten Straßen im Süden des Iseosees für Unmut sorgt. Freunde der italienischen Überholweise (erstes Auto überholt Radfahrer, ein Motorrad überholt dabei noch erstes Auto und ein zweites Auto kommt entgegen) werden wir sicherlich nicht werden. Und sonderlich schön ist das letzte Stück nach Edolo rein auch nicht. Zu allem Übel erwartet uns dann auch noch eine Brücke mit dem netten Schild von „30% Steigung“ auf dem Weg zum Hotel. Wie war das mit Hotels am Berg buchen? Auch für das AirBnB vorgestern mussten wir schon wieder einen Stich in Lovere hoch – man könnte ein Muster erkennen.


Apropos „Hotel gebucht“ – das hätte man mal besser für den richtigen Tag buchen sollen. Ein Hotelzimmer in Edolo haben wir – nach verwirrtem Anruf – nämlich für die darauf folgende Nacht erst. Ups. Kleiner Nervenzusammenbruch, denn – wir erinnern uns – die Hotelsituation war schon vor drei Monaten so angespannt, dass mehrmals umgeplant werden musste. Und italienische Feiertage. Und so weiter. Wir versuchen also zu recherchieren, haben aber kaum Empfang und lassen uns daher auf gut Glück in den Ortskern von Edolo herunterrollen. Dort fragt der beste Ehemann von Welt tapfer (eigentlich muss ja der weibliche Part immer Anrufe tätigen und Dinge erfragen) in einem Hotel nach, ob sie noch ein Zimmer haben – und sie haben eins! Schick kann man es nicht nennen und der Charme ist mindestens in den 70ern stecken geblieben – aber es ist ein Zimmer, es gibt Frühstück und der Rezeptionist ist wahnsinnig freundlich und unterhält sich mit uns über unsere weiteren Vorhaben auf dem Rad, als wir die Räder in den Fahrradkeller schieben. Schwein gehabt!
Im weiteren Verlauf stellen wir fest, dass wir trotz ausgiebiger Lago-Nutzung noch wahnsinnig früh am Tag dran sind. Wir holen uns also unten im Städtchen einen Mittagssnack im Supermarkt, gehen auf dem ortsansässigen Spielplatz nochmal schaukeln und vertreiben uns während ein unerwartetes Gewitter aufkommt die Zeit ein wenig im Hotelzimmer. Dabei stellen wir fest, dass das gekaufte Baguette leider hätte aufgebacken werden müssen. Ubsi.
Wieder im Trockenen machen wir uns auf zur Jagd nach Abendessen. Es wird wiederum eine Pizzeria werden (Google Rezensionen sind einfach wahnsinnig nützlich – Sölden ausgenommen), die wiederum im Rennen um die besten Pizzen unseres Lebens weit vorne Plätze belegen möchte. Und endlich! Nach erfolgloser Suche in Lovere ergibt sich für den männlichen Part ein Tiramisu zum Abschluss und für den weiblichen Part ein weiterer guter Espresso.
Abendessen 9,5/10: Weil die anderen einfach einen Ticken besser waren
Hotel 7/10: Einige Pluspunkte für das spontane Hotelzimmer schon mit eingerechnet
Tag 8 – Passo Tonale: Edolo – Passo Tonale (46,88km & 1644hm)
Frühstück 4/10: Enttäuschendes Hotelbuffet (wiederum sehr italienisch), immerhin gibt es alternativ zu trockenen Croissants auch Fruchtjoghurt, Pluspunkte für die nette Bedienung und die Cappuccino/heiße Schokolade Optionen
Wir verlassen unser ungewolltes aber doch ein bisschen lieb gewonnenes Hotel in Richtung Ponte di Legno und damit Passo Gavia und Passo Tonale. Aufgrund der angespannten Hotelsituation fahren wir den Passo Tonale heute Nachmittag hinauf, um ihn morgen früh wieder herunter zu fahren und den Passo Gavia anzugehen (trotz Warnungen von Mathis, wie blöd der Passo Tonale sei – der Passo Tonale hatte immerhin ein gutes und verfügbares Hotel…). Wie gestern wird ob der Kürze der Strecke ein Bergsee eingebaut, der durch tiefblaue instagram-taugliche Bilder auf Komoot lockt.
Der Tag startet nach einem kleinen Teil Bundesstraße aus Edolo hinaus mit einem Stich in Incudine, der selbst den Ehemann in den allerletzten Metern dazu zwingt, das Rad schieben zu müssen (mehr als auf das Vorderrad lehnen kann auch er sich nicht – wenn es dann immer noch abhebt, ist es einfach zu steil und wird als nicht mehr fahrbar deklariert). Auf dem folgenden netten Radweg werden wir kurz darauf von einer Horde italienischer e-Biker überholt, die uns aber mit Nachdruck gerne wieder vorbeilassen wollen, bevor es (sie sind deutlich ortskundiger) wieder bergab geht und wir sie überholen werden wollen. Auch mal eine nette e-Biker-Erfahrung.
Wir folgen dem mäandernden Radweg weiter bis zu einer Sperrung, müssen kurz ausweichen, verfahren uns minimal in ein Gravelstück, aber kommen insgesamt gut voran. Dabei sieht man viele andere Familien, die unterwegs sind, grillen, Rad fahren oder einfach spazieren gehen. Ebenso voller Familien ist die Abzweigung zum Bergsee kurz vor Ponte di Legno. Wir kämpfen uns die steilen fünf Serpentinen zwischen wandernden Familien, Mountainbikern und zahlreichen Hunden zum Rifugio Capanna Valbione hinauf und ahnen schon, dass das kein angenehm leerer See sein wird. Außerdem schwant uns Übles für die Abfahrt, da selbst für die eigentlich geteerte Straße hier ein Mountainbike mit ordentlicher Federung sehr hilfreich wäre, da sie durchzogen ist mit Schlaglöchern, Schotter in den Kurven der Serpentinen und immer wiederkehrende Stellen mit einbetonierten Pflastersteinhaufen aufweist. Jippie.
Der Bergsee selbst entpuppt sich als künstlich angelegtes Kleinod, das aus dem richtigen Winkel fotografiert sehr idyllisch wirken kann – allerdings eigentlich umgeben ist von einem riesigen Restaurant-Kiosk-Komplex und alles ist (natürlich) voller Menschen. Wäre ein klassischer Fall für „Instagram vs. Reality“ oder in dem Fall „Komoot Highlight vs. Reality“. Hübsch anzusehen und pausentauglich ist es trotzdem, wenn man die Menschenmassen ignoriert. Und natürlich macht auch die geneigte Planerin ein Bild, auf dem alles idyllischer aussieht, als es eigentlich ist. Wer kann, der kann. Der Ehemann erkämpft sich währenddessen tapfer eine Portion Pommes und ein Sandwich samt zweier Limonaden, die sich als Eistees entpuppen, bevor wir uns auf die rumpelnde Abfahrt zurück Richtung Ponte di Legno machen. Pluspunkt für die Gastro dort: Saubere Toiletten und Sonnenschirme.

Nach kurzem Einrollen in Ponte di Legno (man muss schließlich auch die Ponte einmal anschauen), direkte Flucht wieder raus vor lauter Autos und Stau. Gegenüber dem Bergsee-Chaos, der Bundesstraße und Ponte di Legno selbst ist entgegen von Mathis‘ berichteten Horrorerfahrungen der Verkehr hoch zum Passo Tonale überhaupt kein Problem – die Straße ist angenehm ruhig, gut zu fahren und unser Weg wird immer wieder von kleinen pittoresken Gondeln über unseren Köpfen begleitet, die ihren ganz eigenen Weg von Ponte di Legno hoch zum Passo Tonale finden. Da unser Hotel leicht unterhalb der eigentlichen Passhöhe liegt, ist dies unser erstes Ziel. Trotz dass die Strecke so kurz ist, merkt man doch immer wieder die letzten 200-100hm des Tages, die zu einem spontanen Schwäche-Anfall in den Beinen führen (ganz unabhängig davon, wie groß die Etappe insgesamt ist).


Am Hotel angekommen sind wir viel zu früh dran. Unser Zimmer sei noch nicht fertig, aber wir dürfen gerne die Radtaschen schon einmal da lassen und den Rest des Wegs ohne Taschen fahren. Das klingt doch nach einem Deal, den wir gerne annehmen. Dabei erste Verwirrung ob der Pass-Schilder (ja Mathis, ihr habt übrigens auch ein falsches Passschild-Bild gemacht…) – bereits am Hotel steht das erste Schild mit „Passo Tonale“ und diversen Aufklebern – aber der Anstieg reicht noch gute 100hm weiter. Das ist also ein Ortseingangsschild – keinesfalls aber ein Passschild. Also weiter. Nach einer Gondelstation begegnen wir einem weiteren vermeintlichen Passschild und machen selbst Fotos. Verwirrenderweise – dass es ein Ortsschild sein kann, war ja schon ausgeschlossen – gibt es aber weiter oben, nahe des Weltkriegsdenkmals noch ein weiteres Passschild. Also da nochmal Fotos gemacht. Und am Denkmal auch. Man kann ja nie wissen und sicher ist sicher.
Wenn wir schon mal hier oben sind, fahren wir ein Stück weiter, ein kleines Stück den Pass wieder runter und noch einen kleinen Stich zu einem alten Flugplatz hoch – auf diesem müssen wir erschreckenderweise feststellen, dass zwei Wanderer auf der Start- und Landebahn spazieren gehen. Überall das Gleiche! Wir lassen uns dann wieder durch den Ort zum Hotel runterrollen (entdecken dabei das Ortsschild auf der anderen Seite, an dem gewisse Herren wohl fälschlicherweise ihr Passschild-Foto getätigt haben), checken ein, duschen und spazieren später nochmal in den Ort hoch um uns die Zeit zu vertreiben. Vor dem Hotelzimmerfenster sagt uns noch ein kleiner Hase freundlich hoppelnd hallo.

Da wir irgendwie früh, aber dafür wiederum zu spät dran sind, verschieben wir den Besuch des Gletschers spontan auf den nächsten Morgen nach dem Frühstück und versuchen uns noch in Passo Tonale selbst zu beschäftigen. Bei der Suche nach Tempotaschentüchern entdecken wir im ortsansässigen Supermarkt Weihnachtstees (im August?!) und schlendern noch durch einen weiteren Supermarkt, weil Supermärkte gucken in fremden Ländern einfach spannend ist. Dabei werden saure Gummibärchen eingekauft, die in den nächsten beiden Pässen noch eine notfall-energieliefernde Rolle erhalten werden. Ein bisschen Touri sind wir ja auch, also kaufen wir uns noch zwei Pralinchen und Bruchschokolade zum direkt snacken in einem Touri-Schokoladen-Shop und schauen uns auch die anderen Kuriositäten an, die feilgeboten werden – bis zum Abendessen ist irgendwie noch ganz schön viel Zeit.
Schließlich öffnen auch italienische Restaurants ihre Pforten (wir sind die Ersten – kurz nach uns treffen noch zwei Schwaben ein, sehr bezeichnend für Deutsche im Ausland…) und man gönnt sich eine Haxe mit Polenta (typisch italienisch – nicht), der männliche Käse-Fan dafür einen Teller Gnudi als Vorspeise und als zweiten Gang (die Autorin ist immer noch mit ihrer Haxe beschäftigt) einen Block gebackenen Gouda mit Kartoffelspalten. Die kulinarische Höhe war’s nicht, aber die Latte hat nach den letzten Tagen sowieso viel zu hoch gelegen. Für „lecker“ reicht es aber allemal. Der Guter-Espresso-Äquator wurde aber auch schon wieder rückschrittig überschritten. Schade.
Abendessen 6/10: Weil wir inzwischen auch hier zu hohe Standards haben.
Hotel: 8,5/10: Entgegenkommen beim zu früh ankommen und zu spät abreisen, Hase vorm Hotelfenster, nettes Zimmer, aber Sauna im Sommer geschlossen
Tag 9 – Gletscher & Passo Gavia: Passo Tonale – Bormio (57,68km & 1426hm)
Dieser Tag wird emotional werden und unter Anderem dazu führen, dass Mathis fragt, ob er vor unserer Rückkehr nach Freiburg lieber auswandern solle. Kurzfristig wär’s sicher besser gewesen – aber an emotionaler Breite ist heute wirklich alles dabei.
Beginnen wir am Anfang und positiv: Frühstücksbuffet im Hotel mit zahlreichen frischen Früchten, frisch gepressten Säften (nicht nur Orange, da geht einem das Orangen-Allergiker-Herz auf) und – absolutes Highlight – frische Pancakes und Ahornsirup. Die drei Frühstücks-Gänge werden zugunsten der Pancakes und Früchte natürlich über den Haufen geworfen und eine Überfüllung direkt vor Angehen des Passes muss nicht gefürchtet werden, da zunächst der Gletscherbesuch ansteht.
Frühstück 10/10: Siehe oben.
Wir starten also mit einem Spaziergang hoch zur Gondelstation, zweierlei Gondelfahrten, Zwischenstation mit kleinen Mini-Gletscherseen, weiterem Weltkriegsdenkmal und Mini-Bunker-Museum und Besuch des eigentlichen Preseno Gletschers mit Überwinden der im Wahoo feierlich festgehaltenen 3000hm Grenze (und das ganz ohne Sauerstoff – fühlt sich ein bisschen illegal an). Die Laune kann besser nicht sein.



Danach wartet die Abfahrt Richtung Ponte di Legno, direkt gefolgt vom Anstieg zum Passo Gavia. Wir erinnern uns? Der zweite quaeldich.de Angstgegner, der aber wunderschön sei und ein ganz kleines Sträßchen mit kaum Verkehr, also kein Problem, wenn man ob der Steilheit achtern müsse. Ja…. Nein.
Die Straße ist schön. Sie ist klein. Sie hat geile Aussichten. Sie hält wirklich alles, was Mathis und quaeldich versprochen haben – bis auf eine entscheidende, klitzekleine Kleinigkeit: Sie ist gerappelt voll für ein so kleines Sträßchen. Und es wird der Tag werden, an dem die Autorin lernt, 15% Steigung aus Angst vor überholenden Autos schnurgeradeaus zu fahren. Im Wiegetritt ein bisschen nach rechts und links schwanken? Better not. Hoffen, dass die Autos die absolute Engstelle abwarten, bis sie überholen? Wir sind Italien – wo denken Sie hin, Frau Dr.? Das wäre ja absurd! Und so war der Anstieg – auch ob der immer wieder anziehenden, wahnsinnig steilen Stellen, ganz und gar beschwerlich (für den weniger nervenstarken Part des Paares). Und es kommt, wie es kommen musste – die Planerin macht Gebrauch vom zuvor erfragten „darf ich dann auf dich sauer sein?“ und sie war sauer. Nicht wirklich auf Mathis persönlich (scheinbar wurden die Erfahrungen von Passo Tonale und Passo Gavia ja vertauscht), aber schon sehr hart auf die Gesamtsituation und die nicht eingehaltenen Versprechungen. Und irgendwo muss die Wut ja hin – bestenfalls nicht zu sehr zum besten Ehemann von Welt, der sie ja noch bis zur Passhöhe antreiben muss. Also leidet sie. Und das irgendwann nicht nur durch die Wut, sondern auch einfach durch die toten Beine. Viel rekonstruieren kann sie nicht mehr, sieht aber auf den durch Ehemann gemachten Fotos, wie schön der Pass eigentlich war. Und auch jetzt braucht sie die Fotos, um sich zu erinnern, was eigentlich zwischen diesem besch***** roten Kombi, der wirklich am allerengsten und dümmsten relativ weit unten überholt hat, und dem Refugio oben an der Passhöhe eigentlich alles so passiert ist. Ah – an eine Sache erinnert sie sich doch noch ganz gut: Der besagte rote Kombi steht irgendwann weiter oben am Seitenstreifen und sie muss sich sehr zurückhalten, ihm nicht gegen die beiden Felgen (äh quatsch – die Radkappen natürlich) zu treten (wobei wir wieder bei den kaputten Beinen wären – das kann sie sich an der Stelle einfach nicht leisten. Sie will den Ehemann darum bitten, aber auch dafür hat der Atem nicht mehr gereicht). Der rote Kombi hat’s sogar auf ein Foto geschafft – fällt ihr jetzt gerade auf. Sie glaubt auch, noch zu wissen, dass an diesem Tag die Wasservorräte bereits knapp bemessen waren und die letzten Dextro Energy gestorben sind. Dies wird morgen noch relevant werden.



Ein Part der beiden kommt auf jeden Fall sehr fertig und weinend vor Erleichterung – beide aber sicher gemeinschaftlich erleichtert oben an. Im Refugio sind sie spät dran, bekommen aber von der netten Kellnerin trotzdem noch ein Mittagessen, was die zickige Kellnerin mit einem bösen Spruch auf italienisch quittiert. Es gibt Gulaschsuppe, Spagetti Bolo und die allseits lebensrettend gute Limonada.
Nach dem obligatorischen (sehr hübschen) Passschild-Bild mit Murmeltier geht es an die Abfahrt, unter Anderem am Lago Nero vorbei, die beide nun gestärkt und emotional wieder gefangen absolut genießen können.
Und dann… kam Bormio. Hierbei muss ich nochmal auf die große Kluft zwischen der Beschreibung von Bormio in einschlägigen anderen Rad-Blogs sowie Mathis‘ Schwärmen und unserem Erlebnis von Bormio hinweisen, das sicher der Hotelsituation im Vorfeld geschuldet ist. Es gibt nämlich kein einziges buchbares Hotel (unter 250 Euro aufwärts pro Nacht) in Bormio selbst. Das heißt, wir rollen fertig vom Gavia-Pass und relativ spät nachmittags durch Bormio durch und nach Bormio wieder nordwestlich hinauf, um zu unserem Hostel zu gelangen. Aufgrund der Höhenmeter-Differenz und dem Fertigkeitsgrad der Autorin ist zum Abendessen nochmal runter und danach wieder rauf fahren keine Option mehr. Auf dem Weg zum Hostel werden wir uns bereits Abendessen in einem schnuckeligen kleinen Supermarkt kaufen, in dem wir die altbewährte Paris-Käse-Einkaufs-Technik anwenden: Käsetheke plündern, Baguette einkaufen, etwas Tiroler Speck für die Autorin noch dazu, Limo und Bier (dem schlechten, nach Etikett ausgesuchtem Rotwein aus der Original Paris-Ausgabe sind wir seither nicht mehr auf den Leim gegangen), Snacks im Sinne von Chips. Hallo Abendessen. Außerdem entdecken wir Pan di Stelle Eis! Auch das wird Sunaina natürlich direkt berichtet.
Das Hostel ist wie erwartet (dezent) rustikal, der Besitzer Typ ehemals drogenabhängig, eine Mischung aus nett und ziemlich durch. Wir können uns immerhin als erste Ankommende die Betten im noch leeren zweiten Schlafsaal aussuchen und relativ unbehelligt duschen gehen. Weiterhin anwesend: Eine nette indische (Junggesellen-?) Gruppe im anderen Schlafsaal, später noch zwei andere Radler (mit kaputtem Rennrad im Kofferraum ihres Autos – sehr trauriger Anblick), ein schnarchender Motorradfahrer. Wir hätten es schlimmer treffen können – aber ob der empfindlichen Haut schläft die Autorin lieber auf ihrem Handtuch und dies soll sich auch als nützlich erweisen, bildet sich doch tatsächlich Ausschlag dort, wo sie mit dem eigentlichen Leintuch der Betten in Berührung kommt.
Während des Abendessens am Gartentischchen kommt eine Gruppe tschechischer Bikepacker mit Zelten an – selbst die Campingplätze in Bormio sind so voll, dass sie ein gutes Stück bergauf zurück zum Hostel gefahren sind, um dort im Garten ihre Zelte aufzuschlagen. Die Badsituation bei einem Bad, einer Toilette und einer Dusche in genau einem Raum? Dezent angespannt, aber noch erträglich. Wir gehen abends mit unseren Limonaden noch spazieren und beobachten einen Hund 10 Minuten beim im Fluss toben. Bevor wir restlos verstochen werden, gehen wir zurück und legen uns schlafen – Podcast und Kopfhörer sei Dank bekommt die Autorin zumindest etwas Erholungsschlaf, denn der Motorradfahrer kommt wahnsinnig spät, leuchtet zielsicher mit dem Handylicht in ihr Gesicht und beginn bald zu schnarchen. Sie ist zu alt für diesen Sch*** (äh, Hostels mit Gemeinschaftsschlafsäälen natürlich).
Abendessen 8/10: Altbewährte Methode mit Käse geht immer
Hostel 2/10: Hätte noch schlimmer sein können.
Tag 10 – Umbrailpass: Bormio – Mals (50,29km & 1436hm)
Wir müssen uns nochmal über italienisches Frühstück unterhalten. Wir sind also – da Bormio ja so schön sein soll – fürs Frühstück nochmal runter ins Städtchen gefahren und haben uns daher angetan, diverse Höhenmeter mehr (nagut, vielleicht 150 extra?) zu fahren. Für Bormio. Weil’s ja so schön sein soll. Am Morgen eines italienischen Feiertages gestaltet sich aber auch die Frühstückssituation eher… sagen wir… schwierig. Die Gässchen waren schön, aber fast alle der Bäckereien und Cafes haben schlicht nicht offen. Schlussendlich finden wir eines, das recht nett ist und noch ein Plätzchen für uns hat. Wir frühstücken jeweils ein trockenes belegtes Baguette und Alex holt sich noch etwas Süßes – die Planungsbeauftragte war leider nach dem übergroßen trockenen Baguette schon relativ satt, sodass sie sich aufgrund des Magens und des direkt bevorstehenden Passanstiegs nichts Süßes mehr zutraut. Sie bittet außerdem die eher schlecht gelaunte Gesamt-Stimmungs-Lage mit Muskelkater, schlechtem Schlaf, morgens erstmal auf freies Bad warten müssen usw. zu beachten und in die Schlussbewertung von Bormio als „meh, aber könnte irgendwann noch eine zweite Chance bekommen“ miteinzubeziehen.
Frühstück 4/10: Underwhelming für Café Frühstück (zu Italienisch und damit keine gute Leistungsgrundlage?).
Danach geht es los in Richtung Umbrailpass. Der Umbrail erweist sich als wunderschön (tatsächlich wird dies trotz der Strapazen auch während der Fahrt schon bewundernd registriert), wird aber von der Autorin als ebenso hart wie der Gavia wahrgenommen. Trotzdem bleibt er in deutlich besserer Erinnerung und gefällt insgesamt auch landschaftlich besser durch die imposante Serpentinenschlange, die kleinen Flüsschen und Wasserfälle am Weg (nicht dem blöden Tunnel mit der blöden roten Ampel mittendrin und der depperten Steigung im gesamten Tunnel) und der letzten grünen Anhöhe vor dem Abzweig zum Stelvio, die mit süßen braunen motivierend glockenläutenden Kühen bevölkert ist.
Zurückkommend auf die Beschreibung des gestrig fast entstandenen Wasserproblems sei hier darauf hingewiesen, dass für den Umbrail (nach nur Kaffee zum Frühstück) zwei normal große Wasserflaschen pro Person nicht mehr bis zum Gipfel reichen. Auch die Dextro Energy sind schon ausgegangen, die Riegel zu trocken im Mund (bei der Wasserknappheit) und die letzten sauren Gummischlangen bereits weiter unten am Pass gestorben. Es bleibt also zu hoffen, dass vor der Passhöhe noch ein Gasthaus kommt – und auch hier enttäuscht der Umbrail nicht. Wohl aber der (ehemals!?) beste Ehemann von Welt, der mit einer 1,5 Liter Flasche Classic Sprudel und einer Limonada Dose wieder aus ebenjenem Gasthaus tritt. Aufgrund des großen Durstes folgen 10-15 Minuten Qual, bis man die Kohlensäure endlich wieder los wird und weiter fahren kann. Auch irgendwie typisch deutsch – lieber Sprudel statt stilles Wasser zu kaufen, sobald es wieder verfügbar ist.

Oben angekommen begleitet der (wieder) beste Ehemann von Welt noch kurz zum Umbrail Passschild – lässt sich ablichten, wirft die Radtaschen zur chillenden Ehefrau ins Gras und macht sich auf zum Stelvio. Bevor er in Rekordzeit wieder ankommt, ärgert sich die Ehefrau kurz, dass sie die weiteren Höhenmeter voraussichtlich nicht mehr schaffen wird (oder nur unter zu großen Qualen), dann aber eben auch hier nochmal herkommen müsse (und Bormio evtl. die zweite Chance bekommt, die es wohl verdient?), snackt Kekse, tauscht Kekse mit Snacks anderer Bikepackerpaare, die hier pausieren, lichtet Motorradfahrer und ältere Rennradfahrgruppen am Passschild ab und döst vor sich hin. Die Stelvio-Passhöhe sei touristisch überlaufen, es gäbe seltsame Essensstände, wird berichtet.


Dann wartet die Abfahrt vom Umbrail, wir queren dabei erfolgreich einen kleinen Zipfel Schweiz, wobei diese Abfahrt ebenfalls eine der besonders schönen Abfahrten sein wird. Irgendwann sieht man Regen in der Ferne und beginnt sich zu beeilen – verwirft daher einen Pausenstopp im Café an der Hälfte der Abfahrt – und fährt durch bis zu einer bereits fest eingeplanten Eisdiele in Glurns.

Auf der Abfahrt versucht die Autorin immer wieder zwei Motorräder hinter ihr vorbeizulassen, da sie nervig ähnlich schnell fahren und sie inzwischen einiges über italienische Fahrstile gelernt hat. Irgendwann verstehen die beiden Nasen das dann auch und fahren vorbei, sind tatsächlich nur wenig schneller in der Abfahrt – aber man hat sie trotzdem lieber vor sich als im Rücken. An einem Wasserfall machen alle Parteien Halt und die Motorradfahrer entpuppen sich als deutsch und entrüstet, dass man ihnen als Deutsche solch italienische Fahrstile zugetraut habe (klar, ich sehe den Motorrädern beim Schulterblick nach hinten natürlich auch an, welche Nationalität auf den Nummernschildern über ihren Hinterrädern steht und müsste ihnen daher als deutsche, korrekte Mitbürger vertrauen, dass sie ordentlich fahren können… Völlig logisch.)
Nach einer rasanten Abfahrt gegen das herannahende Regengebiet finden wir uns schließlich im kleinsten (und sehr pittoresken) Städtchen Glurns im Vinschgau wieder, fahren durch das alte Stadttor in die kleine gepflasterte Innenstadt und stehen inmitten einer Vielzahl von Cafés, Eisdielen, überfüllten Fahrradständern und Kindergeräuschen. Aber auch in der Sonne statt im Regen – das vor dem Regen fliehen hat also ganz gut geklappt. Wir gönnen uns (an der eingeplanten, überfüllten und in Komoot vielgelobten Eisdiele) zwei große Mittagessen-Eisbecher – zur Feier des letzten „großen“ Passes (der Reschenpass morgen zählt nicht so richtig dazu) auch mit Schuss.
Von Glurns geht es nochmal 110hm hoch nach Mals und zum nächsten Hostel, das – wie könnte es anders sein – an einem Stich bergauf liegt. Wir checken ein, duschen gemütlich und schlendern vor dem Abendessen durch das kleine Dörfchen, in dem heute ein Volksfest stattfindet. Trotzdem finden wir (natürlich vorher gegoogelt, wir brauchen schließlich nochmal ein sicheres Highlight) noch eine spontane Reservierungsmöglichkeit und eines der besten Abendessen der Reise – man merkt doch, dass man irgendwie wieder in Italien ist, wenn auch alle deutsch sprechen. Wir gönnen uns einen Teller Ravioli und mit Ziegenfrischkäse gefüllte Zucchiniblüten als Vorspeisen, den größten Teller Spagetti Bolo der Welt und eine Pizza als Hauptgang und Tiramisu bzw. Himbeersorbet und Griesnockerl als Dessert. Das ganze begleitet von Wein und Bier und einer super netten Bewirtung – was will man mehr nach den letzten Tagen? Nach dem Abendessen gibt es einen recht schweißtreibenden (da steilen) Aufstieg zu einem Abenteuerspielplatz – leider ist die Seilbahn abgebaut, aber es bleiben Schaukeln – und genießen das Konzert des Volksfests von oben, da die Autorin (schlechte – bzw. zu gute) Erfahrungen mit zu Bands tanzen nach anstrengenden Fahrradtagen gemacht hat und morgen gerne noch bis Landeck kommen würde. Der Abend klingt aus im Hostel mit bestem Bier aus dem Hostelkühlschrank. Hostels mit Privatzimmermöglichkeit sind eben doch nicht ganz zu verachten.


Abendessen 10/10: siehe oben
Hostel 9/10: Minimaler Punktabzug für die Stockbetten, vor denen Paare aber eingehend auf der Website gewarnt wurden
Tag 11 – Reschenpass: Mals – Landeck (64,99km & 841hm)
Das Frühstück ist hostelbedingt einfach, weist aber alles Notwendige auf. (Pluspunkt) Honig und Marmelade gibt es in großer, qualitativ hochwertiger Auswahl zu (Minuspunkt) schnöden hellen Brötchen, die wenig satt machen. Aber wir müssen heute ja auch keinen großen Pass fahren, also was soll‘s.
Frühstück 5/10: Total ok für Hostelverhältnisse, aber die Sache mit dem verwöhnt sein…
Wir starten über Feldwege und sich erstaunlich steil anfühlende kleine Anstiege (die Anfänger-Beine sind einfach durch, anders kann man’s nicht mehr sagen) westlich des Lago della Muta (oder Haidersee – aber das klingt nicht so schön) und entscheiden uns auch am Reschensee für den westlich gelegenen Radweg. Von einem weiteren Bekannten wurde uns eine Pizzeria am östlichen Seerand empfohlen – allerdings macht Pizza um ca. elf Uhr morgens einfach noch keinen Sinn. Daher gibt es hier keine Stippvisite, bis wir nach zahlreichem Hoch und Runter entlang des Sees am nördlichen Ende enttäuschend registrieren müssen (vor allem die Planerin ist sehr enttäuscht ob diverser Youtube Videos und Instagram Beiträge, mit welchen man mal wieder „Instagram vs. Reality“ spielen könnte), dass diese berühmte Kirche im Wasser des Reschensees zumindest Mitte August eher in einer eigenen kleinen Minipfütze des Sees steht, die vom eigentlichen Reschensee deutlich durch eine völlig ausgetrocknete Schicht getrennt wird. So hat sie sich das nicht vorgestellt. Aber gut. Immerhin wartet das nördliche Ende des Sees noch mit einem durchaus brauchbaren Spielplatz und verschiedentlichen Schaukeln auf, sodass zum Ende der Reise auch am letzten Tag nochmal ausgiebig geschaukelt werden kann. Ein Badestopp wird aber verworfen – zu kalt und zu früh.


Es wird dann weiter dem Radweg am Reschenpass gefolgt (wann kommt denn endlich der eigentliche Pass? Von dieser Seite eher unspektakulär…) und Halt am Passschild gemacht, für das umständlich Leitplanken umfahren werden müssen. Hier treffen wir zwei Bikepacker, die gerade erst loslegen und mit optimistisch vielen Bananen auf den Lenkertaschen in die andere Richtung fahren. Gegenseitiges Passschild-Abgelichte – dann geht es weiter.
Wir folgen versehentlich kurz einer vielbefahrenen Straße beim Schloss Naudersberg, die bei der Planung mit „super zu fahren“ in Komoot quittiert wurde. Inzwischen ist der neueste Kommentar, dass sie zu schnell und zu dicht befahren für Radfahrer sei – dem würden wir uns vom Gefühl her anschließen wollen. Da wir sie aber bergab fahren, können wir mit etwas mehr Tempo verhindern ständig überholt zu werden – trotzdem sind wir froh, danach wieder einen klassischen Radweg auf der Route zu haben. Im Folgenden kommen wir an einer sehr interessant anmutenden Brücke vorbei, die sich als erster österreichischer Fischaufzug herausstellt. Was es nicht alles gibt!
Schließlich finden wir das Highlight des Tages – in einem kleinen Dörfchen stehen vor einer Gaststätte verdächtig viele Rennräder und wir beschließen, dass dem Apfelstrudel-Schild vor diesem Gasthaus vermutlich deutlich mehr zu trauen sei. Wir drehen also spontan um und fahren ein kleines Stück zurück um uns ein frühes Mittagessen zu gönnen. Kurz nach uns (der männliche Part bestellt Kaspressknödel-Salat, ich Apfelstrudel und werde absolut nicht enttäuscht werden – bester und größter Apfelstrudel meines Lebens, dazu jeweils ein vorzeitiges Tour-Abschluss-Radler) fällt eine Horde Rennradmädels ein. And so it began … da steht ein Liv – also eigentlich stehen da sogar zwei Liv Rennräder. Und beide habe ich mir ja durchaus schonmal zuhause angeschaut und beide sehen durchaus wahnsinnig schick aus und… es ist mir fast ein wenig unangenehm (nagut, es war mir unangenehm) diese Räder anzugeiern. Aber sie waren so hübsch. Und sind sicher so schnell… und… überhaupt. Ebenjenes wird dem besten Ehemann von Welt gegenüber auch kundgetan, der entgegnet, ich könne ja mal fragen, ob ich eine kleine Runde damit drehen dürfte… Bevor ich mich aber sozial betätigen muss, fällt auf, wer zu welchem Rad gehört – das eine ist deutlich zu klein, das andere viel zu groß. Ich muss also keine soziale Exposition durchstehen, sondern kann mich wieder dem besten Apfelstrudel der Welt zuwenden.

Wir nehmen dann das letzte Stück nach Landeck in Angriff und die Planerin vergisst, dass sie in Landeck aus Jux noch die Burg einprogrammiert hat – sodass erstmal ein Stück (völlig sinnlos) einen Stich nach oben gefahren wird, bis beiden Beteiligten klar wird, dass der Wahoo zum Schloss will, ihr Hotel aber unten im Dorf liegt. Somit liegt auch das letzte Hotel irgendwie kurz an einem Anstieg. Vielleicht ist das ein ungeschriebenes Bikepacking-Gesetz. Oder so.
Auch hier sind wir zu früh dran und das Hotelzimmer noch nicht fertig – wir stellen unsere Räder in einer sehr seltsamen Variante eines „Fahrradkellers“ ab, beschließen aber, dass sie dort recht sicher stehen, da noch teurere Rennräder daneben stehen. Wir vertreiben uns die Zeit in einem Café und beobachten einen Kreisverkehr, tauschen uns über seltsame Nutzung eines Kinos aus (nicht für Kinofilme) und gehen im Rewe ausgiebig einkaufen (hier kommen wir wieder zur Freude, in fremden Ländern einkaufen zu gehen – leider scheinen wir schon aus dem Äquator der richtig guten sauren Gummibärchen gefahren zu sein). Wir debattieren kurz über Gepäckstückgröße und Krümelalarm, der Ehemann gewinnt und wir kaufen zwei Packungen Pan di Stelle (für Sunaina und für Mathis).
Schließlich können wir einchecken und verzweifeln dezent während der Suche nach Abendessen – dann landen wir, da wiederum andere Restaurants nicht offen haben, im hoteleigenen Restaurant mit einem Kellner, der unangenehm bemühter aber gleichzeitig von oben herab bestimmender nicht hätte sein können. Die Karte ist ebenfalls gewöhnungsbedürftig, ich erinnere mich nur an Unmut zum Hauptgang und den Versuch, es mit einem Kaiserschmarrn-Dessert zu retten – der immerhin ok war. Auf Nachfrage erinnert der männliche Part sich immerhin an seine Käsespätzle und nach weiterem Nachsinnen auch an einen (natürlich) trockenen Salat des weiblichen Parts.
Abendessen 3/10: Wenn man sich nur noch an den Kellner, nicht aber an das Essen erinnert, sagt das schon viel aus (und auch für den Kaiserschmarrn braucht es ein Handyfoto, um der Erinnerung auf die Sprünge zu helfen).
Hotel 5/10: Eigentlich absolut ok, aber seltsame Atmosphäre, hoteleigenes Restaurant und überkandidelte Preise und Website gegenüber tatsächlicher Hotel-Experience (sowie unbequemes Bett) führen zu einigem Punktabzug.
Gesamtfazit
- Bikepacking ist schon eine richtig gute Art Urlaub zu machen
- Prolog > Epilog stimmt
- Pausetage sind wichtig
- Kulinarik ist wichtig
- Hotels sind lieber zu teuer als zu billig – Hostels mit Schlafsälen werden unbedingt vermieden in naher (und ferner?) Zukunft
- Man hat erstaunlich viel freie Zeit über, auch wenn man bis zu 1700hm am Tag fährt
Statistiken
- 12465hm, 770km & 42h 40min (weiblicher Part)
- 2 platte Reifen
- Die drittbeste Pizza ever & der beste Apfelstrudel ever
- Over 10.000 beste Ausblicke
- 5 Level Ups der Fähigkeit Stolz
Epilog
Ein halbes Jahr später wird die Jahresplanung sehr viel Bikepacking-Urlaub beinhalten (3 Tage im Schwarzwald, 3 Tage im Jura, 5 Tage in der Schweiz, …). Spoiler-Alert: Auch die weiblichen Teilnehmenden werden bereits im März die +2000hm am Tag knacken (dazu mehr im nächsten Beitrag).
